Zweibrücken Frohe Botschaft – eine Ostergeschichte ohne Hasen, stattdessen mit Raben
Am frühen Morgen des Tages, den die Christen Palmsonntag nennen, versammelten sich die Krähen, Raben, Elstern, Dohlen und Häher auf den Bäumen der Platanenallee einer kleinen Stadt, die irgendwo zwischen der Insel Rügen und dem Bodensee gelegen ist. Der alte Rabe, den sie „den schwarzen Weisen“ nennen, weil sein Gefieder pechschwarz ist, er aber klüger und erfahrener als alle seine Artgenossen, hatte sie herbeigerufen.
„Liebe Vögel“, begann der alte Rabe seine Ansprache, „wir haben uns hier versammelt, weil ich eine wichtige und frohe Botschaft für euch habe. Eine Osterbotschaft der Menschen an uns Vögel!“
Sofort verstummte das Gekrächze, das Flügelschlagen hörte auf, es wurde rabenstill in den noch kahlen Kronen der Bäume.
„Ja“, fuhr der Alte fort und reckte seinen Schnabel, „eine Botschaft der Menschen, die bisher nicht unsere Freunde gewesen sind. Ganz im Gegenteil! Mit Argwohn und Unverständnis hat man stets beobachtet, wie wir uns hier in der Stadt niedergelassen und unsere Nester gebaut haben. Der Hochmut der Stadtmenschen hat uns den Platz auf dieser Welt streitig gemacht, obwohl auch wir Teil der Schöpfung sind, so wie die Menschen. Verachtet hat man uns und zum Teufel gewünscht. Und wenn ihr mich nach dem tieferen Grund dieser Abneigung fragt, so sage ich: Eifersucht und Futterneid, weil wir wie die Menschen Lärm und Dreck verursachen, ihnen also ähnlich sind.“
Als sich das aufgeregte Geschnäbel der Vögel wieder gelegt hatte, setzte der weise Rabe seine Ansprache fort.
„Doch jetzt ist der Mensch unser Freund geworden und hat die ganze Familie der Rabenvögel unter den Schutz der Vogelrechte gestellt. Das bedeutet, dass niemand uns nachstellen und töten, unsere Freiheit in Käfigen einschränken, uns wegen unserer Vogelart benachteiligen oder sonst wie unsere Vogelwürde verletzen darf. Niemand! Das ist die frohe Botschaft zu Ostern in diesem Jahr!“
Auf den Bäumen brach Jubel aus, der in den Straßen rings umher zu hören war, sodass die Menschen dort, weil sie gerade ihre feiertägliche Mittagsruhe hielten, die Fenster samt den Fensterläden schlossen. Im nahe gelegenen Pfarrhaus bekreuzigte sich der Kaplan und betete drei Vaterunser.
„Und weshalb haben die Menschen uns unter den Schutz des Vogelrechts gestellt?“ Es war eine junge, kecke Dohle, die sich getraute, die Frage zu stellen.
Der alte Rabe spreizte vor Stolz sein schwarzes Gefieder, sodass es in der Sonne wie Ebenholz glänzte.
„Weil die Menschen jetzt anerkennen, dass auch wir Geschöpfe Gottes sind und unseren Platz in der Geschichte des Heilands haben. Ihr habt doch sicher schon von seiner Geburt in der Heiligen Nacht gehört?“
„Aber ja“, stimmte das gefiederte Auditorium auf den Ästen rings umher eifrig zu, „aber ja!“
„Nun, dann habt ihr auch schon einmal eine Weihnachtskrippe gesehen“, krächzte der Alte. „Die Krippe mit dem Jesuskind im Stall von Bethlehem, mit Maria und Joseph, den Heiligen aus dem Morgenland, den Engeln und Hirten. Und im Hintergrund Ochs und Esel, die Botschafter der Tierwelt. Das alles ist seit langem bekannt. Jetzt aber hat man auf einem alten Gemälde etwas entdeckt, was bisher übersehen worden ist: Auf der Schulter des Königs aus dem Morgenland, der Caspar heißt und eine dunkle Hautfarbe hat, sitzt ein schwarzer Vogel, ja, richtig, ein Rabe. Mit anderen Worten: auch einer von uns ist damals Zeuge der Geburt Christi gewesen und hat seinen Weg von Bethlehem bis Golgatha begleitet, von Weihnachten bis Ostern.“
Ein unbeschreibliches Jubelgekreische brach in der Allee der Krähenbäume in der kleinen Stadt irgendwo zwischen der Insel Rügen und dem Bodensee aus. Der alte Rabe jedoch gebot Ruhe und erinnerte daran, dass sie Singvögel seien. Und so verhielten sie sich wie Singvögel und stimmten gemeinsam das Lied an „Wir danken dir, Herr Jesu Christ“. Worauf der Kaplan im nahen Pfarrhaus, der das dritte Vaterunser gerade mit dem „Amen“ beendet hatte, in Ohnmacht fiel.