Zweibrücken Er gackert so schön

Einen kuriosen und witzigen Abend versprach der Künstler Dieter List. In sein Atelier in Zweibrücken-Wattweiler kamen am Donnerstag rund 50 Zuhörer, um ihm bei Gedichten von Christian Morgenstern zu lauschen.
„Es ist inzwischen so etwas wie ein Wohnzimmer geworden. Und es ist immer so kuschelig“, sagt Dieter List lachend. Diese schöne Atmosphäre nutzt der Maler, um Gedichte von Christian Morgenstern vorzutragen. „Die Schildkröte“ liest er mit tief verstellter, langgezogener Stimme und zieht dabei den Kopf ein. Damit bringt er sein Publikum zum Lachen: Viele müssen an sich halten müssen, um nicht laut loszuprusten. List ist in seinem Element, das merkt man. Enthusiastisch und voller Freude verwandelt er die Gedichte in einen Ohrenschmaus. Er schafft das, wozu nur wenige imstande sind: Er wird der unglaublichen Komik gerecht, die sich durch jede Zeile der Morgenstern-Gedichte zieht. „Morgenstern war schon ein Verrückter“, meint der Künstler, der den 1871 in München geborene Schriftsteller und Dichter sehr bewundert. „Es ist unfassbar, was er geschafft hat. Mit wenigen Worten schafft er eine ganze Welt.“ So wie beim „Seufzer“, der auf dem Eis Schlittschuh läuft und von Liebe und Freude träumt. „Der Seufzer dacht an ein Maidelein und blieb erglühend stehen. Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein – und er sank – und ward nimmer gesehen“, liest List akzentuiert die zweite Strophe des Gedichts. Der Höhepunkt ist das Ende: Vor den letzten vier Worten lässt List ein paar Sekunden verstreichen, ehe er die Zuhörer mit der plötzlichen Wendung und seiner herrlich komischen Betonung zum Lachen bringt. Ursprünglich wollte er Gedichte von Joachim Ringelnatz lesen – „aber die waren mir für diesen Abend dann ein bisschen zu traurig“. Verwirrt ist der Künstler nur, als vier Zuhörer nach einer halben Stunde gehen. „Ich verstehe, dass eine Lesung die Leute aus dem Saal treibt“, äußert sich der Künstler ironisch. Die vier verpassen das „Butterbrotpapier“. Das wird im tiefsten Winter vergessen und friert ganz schön, als es beschneit wird. „Entschuldigung, aber ich kann mir rein gar nichts über Morgenstern vorstellen – ich weiß nichts über ihn“, schaltet sich plötzlich eine Zuhörerin ein. Daraufhin sagt Dieter List einige Worte über den Dichter, der „andauernd krank war. Deswegen war er auch ständig in Kur. Ich glaube, er hatte Asthma oder sowas“, erzählt der Gastgeber. „Er litt an Tuberkulose“, weiß eine Zuschauerin. „Zu der Zeit, als Morgenstern gelebt hat gab es Vortragskünstler. Ich lese das nächste Gedicht genau so“, sagt List. „Das Huhn“ ist umso komischer, als Dieter List das Gedicht mit überdrehter, gackernder Stimme vorträgt – ganz im Stile eines Vortragskünstlers eben. Und danach gleich noch mal gackert. „Die Lebensfreude in Morgensterns Gedichten ist erstaunlich. Gerade wenn man bedenkt, dass er zwischen zwei Kriegen gelebt hat“, zollt List Morgenstern seine Bewunderung. „Der Dichter hat eine ganz andere Sicht auf die Welt gehabt als die meisten“, vermutet eine Zuhörerin in der Pause. Das könnte genau der Grund sein, weshalb aus der Feder des Dichters derart urkomische Texte geflossen sind. Von Dieter List herrlich abgedreht und witzig vorgetragen, war es ein Abend, der in seiner Kuriosität noch lange in Erinnerung bleiben wird.