Zweibrücken
Ein tödlicher Unfall auf der Autobahn beschäftigt Matthias Mahl bis heute
Die fünf Sterne auf ihrer Schulterklappe bedeuten …
… Erster Polizeihauptkommissar. Das Endamt im gehobenen Dienst.
Wie groß ist die Vorfreude auf Ihren Ruhestand?
Die ist schon da, wobei das alles noch ein bisschen unwirklich ist. Am 31. August ist mein letzter Arbeitstag. Ich habe bis dahin noch Überstunden und etwas Urlaub abzubauen, will aber schon da sein bis zum Ende der Dienstzeit. Ich freue mich auf den Ruhestand, weil man dann nicht mehr so fremdbestimmt ist.
Was steht auf Ihrer To-do-Liste als Pensionär ganz oben? Haben Sie konkrete Pläne?
Auf jeden Fall Fahrrad fahren. Das möchte ich intensivieren. Das ist etwas, was man mit zwei neuen Hüften noch machen kann. Ansonsten Familie und Freunde. Kurz vor Weihnachten kommt das zweite Enkelchen.
Was werden Sie nicht vermissen?
Ich lese täglich, was in unserem Dienstbezirk und auch außerhalb so passiert. Da sind diese Betrugsanrufe und man fragt sich, was fällt den organisierten Verbrecherbanden noch alles ein, um ältere Leute um ihr Hab und Gut zu bringen. Das zu lesen, werde ich sicherlich nicht vermissen. Das ist schon eine schlimme Entwicklung. Es gibt genug Geschädigte hier bei uns im Dienstbezirk. Das ist nicht schön. Aber es gibt auch Erfolge, Festnahmen in mehreren europäischen Ländern letztes Jahr. Man hat da einen Verbrecherring gesprengt. Schön, dass das passiert.
Schauen Sie Krimis im Fernsehen?
Gelegentlich. Wenn, dann ist das für mich reine Unterhaltung.
Was stört Sie in Filmen bei der Polizeiarbeit am meisten?
Ich hinterfrage nicht, was ist da jetzt falsch gelaufen oder ist das unrealistisch. Das ist in erster Linie zum Entspannen. Was generell unrealistisch ist: Der Polizeiberuf besteht zu 60 Prozent aus Schreibarbeit. Das kommt in Krimis zu kurz, trägt dort aber nicht zur Handlung bei und wäre langweilig. Aber manchmal ist auch der Beruf eines Polizisten langweilig, wenn er alles schreiben muss, was er da ermittelt hat.
Sie waren 41 Jahre bei der Polizei. Wenn Sie an Ihre Laufbahn denken, hatten Sie sich das so vorgestellt?
Ja, schon. Am Anfang ist man bei der Bereitschaftspolizei und fährt häufig in geschlossenen Einheiten zu größeren Einsätzen. Hamburg Hafenstraße war ich mal und in Wackersdorf, auch bei Nukem Alkem damals in Hanau. 1993 kam ich in den Einzeldienst, nachdem ich die Kommissarsausbildung absolviert hatte – und im Einzeldienst fährt man Streife.
Was hat Ihnen im Berufsleben besonders gefallen?
Dass man sehr viele Möglichkeiten hat. Am Anfang ist man im Wechselschichtdienst, fährt Streife. Das ist gerade für junge Leute recht abwechslungsreich. Man weiß nie, was passiert. Wenn man älter wird, merkt man, dass der Rund-um-die Uhr-Betrieb körperlich anstrengend ist. Das ist anspruchsvoll. Als ich Frankenthal verließ, habe ich versucht, in Kaiserslautern in den Tagdienst zu kommen. Einige Kollegen sind zur Kriminalpolizei, das war aber nie mein Bestreben gewesen. Ich wollte immer uniformiert sein.
Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?
Ich blicke nicht zurück und sage, da habe ich einen Fehler gemacht oder da. Ich wurde damals gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Inspektionsleiter in Zweibrücken zu werden und habe ja gesagt. Ich war vorher stellvertretender Inspektionsleiter der Polizeiinspektion II in Kaiserslautern, also am Sitz des Polizeipräsidiums. Mich hat es gereizt, die Verantwortung für eine Dienststelle zu übernehmen. Ich würde im Rückblick nichts anders machen wollen.
Welcher ungelöste Fall beschäftigt Sie noch heute? Welche Tat hätten Sie gerne noch aufgeklärt?
Der ungelöste Fall, der mich am meisten beschäftigt, ist der tödliche Unfall am 1. Juli 2018 mit dem Jungen aus dem Donnersbergkreis, der auf der A8 bei Zweibrücken getötet wurde. Da haben wir ja sehr viel Manpower investiert. Das lief auch bei Aktenzeichen XY. Leider hat das alles nie zu einem Ergebnis geführt.
An den ersten Schuss bei einem Polizeieinsatz würde man sich erinnern. Haben Sie schon mal auf einen Menschen schießen müssen?
Nein, nein.
Was war die brenzligste/gefährlichste Situation, die Sie als Polizist erlebt haben?
Es gab einen Fall, das war 1995 oder 1996, da war ich nachts mit einem Kollegen in einem Vorort von Frankenthal im Streifenwagen unterwegs, und auf einer Parallelstraße fuhr ein Auto. In dieser Nacht war nichts los, den wollten wir einfach nur anhalten und kontrollieren. Wir sind parallel zu dieser Straße gefahren und dann auf einem Verbindungsweg zur anderen Straße. Wir mussten etwas beschleunigen, dass wir hinterherkommen. Dann kam von hinten plötzlich ein Auto angerauscht und hat Lichthupe gegeben und gehupt – daraufhin haben wir angehalten. Der Fahrer sagte: „Ich bin gerade überfallen worden und man hat viermal auf mich geschossen.“ In dem Wagen, den wir kontrollieren wollten, saßen also mit hoher Wahrscheinlichkeit die Täter. Hätte uns der Überfallene nicht angehalten, hätten wir möglicherweise den anderen Wagen völlig unvorbereitet gestoppt – und die hatten schon viermal geschossen. Man weiß nicht, was da hätte passieren können. Bis heute ist dieser Fall als ungeklärtes Tötungsdelikt in der Statistik. Der Überfallene war zuvor in Bad Dürkheim in der Spielbank und hatte dort einen höheren Betrag gewonnen. Die Täter hatten ihn vermutlich beobachtet und dann verfolgt.
Als Sie vor zehn Jahren nach Zweibrücken kamen, welche Erwartungen hatten Sie?
Zweibrücken kannte ich als überschaubare schöne Stadt, wobei ich dienstlich vorher hier nie zu tun hatte. Es hat mich gereizt. Ich habe mich gefreut, hierher zu kommen und habe erwartet, als Inspektionsleiter gute Kontakte zu den städtischen Ämtern und anderen Institutionen aufbauen zu können. Das hat sich auch genauso bewahrheitet.
Ist Zweibrücken eine sichere Stadt?
Da verweise ich auf ihren Kollegen Thomas Büffel, der Mitte Juni diesen tollen Kommentar geschrieben hat [dass sich bei schweren Delikten wie Mord oder Totschlag Täter und Opfer oft nahe standen und solche Taten meist im persönlichen Umfeld geschehen, Anm. d. Red.]. Genauso ist es auch. Was da hinter verschlossenen Türen passiert, das werden wir durch Streifenfahrten nicht verhindern können. Streife fahren wir ohnehin. Es wurden Anstrengungen unternommen, den Busbahnhof zu überwachen, per Video. Das gibt die Kriminalitätslage aber nicht her. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat die Landrätin den Inspektionsleitern im Landkreis und in Pirmasens und Zweibrücken gratuliert, dass die Südwestpfalz zu den sichersten Gegenden in ganz Deutschland gehört. Zweibrücken ist eine sichere Stadt, und wir haben eine hohe Aufklärungsquote bei allen Straftaten.
Vor Jahren hieß es mal, die Zweibrücker Polizei sei deutlich überaltert ...
… Das hat sich deutlich gewandelt. Wir haben sehr, sehr viele junge Polizisten. Und die sind engagiert. Man sieht das daran, wenn sie in einer Nacht manchmal drei berauschte Autofahrer aus dem Verkehr ziehen. Die kommen ja nicht hierher und stellen sich. Die müssen kontrolliert werden. Das ist Eigeninitiative, und da machen die schon viel, die jungen Kolleginnen und Kollegen.
Was würden Sie mit all Ihrer Erfahrung heute jungen Polizisten raten?
Ich habe manchmal den Eindruck, die Neigung in unserer Gesellschaft, sich über alles zu empören, war noch nie so groß wie heute. Das ist nicht nur mein Eindruck als Polizist, sondern auch als Ortsbürgermeister. Von daher muss man gelassen bleiben, wenn man auf der Straße Dienst macht. Es ist nicht ganz einfach, und man hört ja immer wieder, die Gewalt gegen Polizisten ist nicht rückläufig. Die wird mehr. Ob das körperliche Gewalt ist oder psychische Gewalt. Beleidigungen werden mehr, und da muss man schon gelassen bleiben, aber auch wachsam. Wir haben ja jetzt in Mannheim erlebt, was da passieren kann. Wir Polizisten müssen ahnden, wir müssen repressive Maßnahmen durchsetzen, wir müssen auch belastende Sachen für den Bürger machen, aber wenn man gegen Rettungsdienste vorgeht, das versteht kein Mensch. Die wollen nur helfen. Das ist aus meiner Sicht eine gefährliche Entwicklung in unserer Gesellschaft, dass so etwas gefühlt häufiger passiert. Wir müssen dem polizeilichen Gegenüber auf Augenhöhe entgegentreten, nicht von oben herab. Das wäre mein Rat an junge Kollegen. Und deeskalierend tätig werden, das ist das A und O. Aber dabei auf alles gefasst sein. Den Spagat muss man irgendwie hinbekommen. Denn manchmal passiert etwas Unvorhergesehenes und man wird unvermittelt angegriffen. Das muss man wissen und damit rechnen.
Die Zweibrücker Inspektionsleiter seit 1991:
- EPHK Georg Tabellion
1991-1997 (Erster Polizeihauptkommissar)
- POR Wolfgang Mischlewski 1997-2002 (Polizeioberrat)
- EPHK Arno Heeling
2002-2004 (Erster Polizeihauptkommissar)
- PR Stephan Bytzek
2004-2010 (Polizeirat)
- PR Ralf Klein 2010-2014 (Polizeirat)
- EPHK Matthias Mahl 2014-2022 (Erster Polizeihauptkommissar)
- PR Nicolai Zöller seit 2022 (Polizeirat)
Dienstliche Stationen:
1983: Einstellung in den Polizeidienst bei der Bereitschaftspolizei Wittlich-Wengerohr
1986-1989: Bereitschaftspolizei Enkenbach-Alsenborn (Einsatzhundertschaft)
1989-1990: Ein Jahr Einzeldienst bei der Polizeiinspektion Lauterecken
1990-1993: Laufbahnlehrgang II an der damaligen Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Koblenz sowie praktische Inhalte bei Dienststellen in Heimatnähe (u. a. Polizeiwache Schönenberg-Kübelberg, Polizeiinspektion Landstuhl)
1993-1999: Dienstgruppenleiter im Einzeldienst bei der Polizeiinspektion Frankenthal
1999-2001: Dienstgruppenleiter im Einzeldienst bei der Polizeiinspektion Kaiserslautern 2
2001-2009: Dienstgruppenleiter bei der Polizeiinspektion Kaiserslautern 2
2009-2011: Verantwortlicher der Polizei im neu gegründeten Haus des Jugendrechts in Kaiserslautern, Augustastraße
2011-2014: Stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Kaiserslautern 2
2014-2022: Leiter der Polizeiinspektion Zweibrücken
2022-2024: Stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Zweibrücken