Westpfalz
Drogenjunkies: Kotzen, krampfen, kollabieren
Im virtuellen Raum begegnen sich die beiden in Foren, auf denen sich Menschen über Drogen unterhalten. Leyla überlebt, Josh stirbt an einer Überdosis.
Die Autorin Isabell Beer war in den Foren, bei Facebook und WhatsApp unterwegs, um zu lesen, was Josh seinen Kumpels in den verschiedenen Drogengruppen schrieb. Als sie vor drei Jahren mit der Recherche zu dem Buch „Bis einer stirbt“ begann, war Josh, gerade 19 Jahre alt, schon tot.
Beer folgte seinen digitalen Fußspuren, um etwas über seinen fatalen Weg vom ersten Joint bis zum tödlichen Medikamentenmix zu erfahren. Mit Leyla konnte sich die Autorin mehrfach treffen und erhielt so Einblick in ihr von der Drogensucht bestimmtes Leben. Leyla erzählte ihr, wie sie in die Abhängigkeit rutschte, ohne ein noch so hässliches Detail auszusparen, das Setzen der Heroinspritze inklusive. Auch Leylas Umfeld kommt in dem Buch zu Wort, Mutter, Vater, Freunde. Schlechte Eltern haben Leyla und Josh nicht, sie wissen von der Sucht ihrer Einzelkinder, sorgen sich. Doch die Sucht ist stärker als jede gute Erziehung und stärker als jede Vernunft.
Mit Cannabis fing es an
Vernünftig will Josh auch gar nicht sein, zu gerne sitzt er in seinem Zimmer und schickt sich mittels Drogen in eine andere Welt. Los geht’s mit Cannabis, dann probiert er Kräutermischungen, Ecstasy-Pillen, Crystal Meth, Heroin, Amphetamine, Narkosemittel und Opioide, die bei ihm die größte Abhängigkeit hervorrufen. Mehrfach muss Josh mit einer Überdosis ins Krankenhaus gebracht werden, gelobt Besserung, macht bei seiner Heimkehr aber grad so weiter. Es gibt auch lichte, aber rare Momente, in denen er ganz anders ist, so etwa beim mehrtägigen Besuch bei den Großeltern.
Sein Körper leidet unter dem Dauerkonsum. Josh kotzt, blutet aus der Nase, krampft, halluziniert, hat Angstzustände. Doch das ist für ihn kein Grund, aufzuhören. Tipps, was er womit kombinieren kann, damit es noch mehr „ballert“, holt er sich aus seinen Chatgruppen und tritt selbst als Experte auf, bezeichnet sich als „Versuchsschlampe“. Dort trifft er auf Leyla, die ebenfalls in den einschlägigen Foren unterwegs ist.
Der Postbote bringt Drogen
In die Schule geht Josh schon lange nicht mehr, sein Zimmer ist seine Welt, seine Kumpels kennt er überwiegend nur aus dem Netz. Drogen bestellt er bequem online, zuerst auf den hellen, später auch auf den dunklen Seiten des Internets. Der Postbote bringt sie an die Haustür.
Ganz anders ist das Leben von Leyla, sie geht auf die Straße, um an Stoff zu kommen, experimentiert ebenfalls und bleibt schließlich beim Heroin, gespritzt, hängen. Das kostet Geld, und das ist sie bereit, schäbig in einer 50-Cent-Toilette zu verdienen. Im Gegensatz zu Josh besucht sie aber weiterhin die Schule, macht Abitur, studiert und kommt schließlich aus eigenem Antrieb von den Drogen los – wohlwissend, dass ihr Körper der eines Junkies bleiben wird.
Josh hingegen kriegt die Kurve nicht mehr, er stirbt an einer Überdosis. Einen Auslöser, was die beiden in die Sucht getrieben hat, kann die junge Autorin, die so alt ist wie ihre Protagonisten, nicht finden. Auch wenn sie noch so sehr in deren Leben stochert und viel Unappetitliches zu Tage fördert. Immer wieder stellt sich die Frage, ob es tatsächlich der Aufklärung dient, den Lesern so knallhart mit dem verkorksten Leben der beiden jungen Leute zu konfrontieren, ihn unfreiwillig in die Rolle des Voyeurs zu zwingen. Zu zeigen, dass und wie sich die Welt seit Christiane F. geändert hat, gelingt der Autorin aber durchaus.
Lesezeichen
Isabell Beer: „Bis einer stirbt“, Carlsen Verlag, 2021,285 Seiten, 14 Euro; Econ Verlag 2021, 304 Seiten, 18 Euro.