Zweibrücken Die Vergangenheit, die nicht ruhen will

„Road to Jerusalem“, Israel 2007, Pigment-Print, im Original ist die Fotografie von Andréas Lang 1,10 Meter mal 3,32 Meter groß.
»Road to Jerusalem«, Israel 2007, Pigment-Print, im Original ist die Fotografie von Andréas Lang 1,10 Meter mal 3,32 Meter groß.

Das Panorama hat es in sich: Es ist dreieinhalb Meter lang. Ein Blick auf Jerusalem, wie man ihn noch nie sah. Fotografiert von dem Zweibrücker Andréas Lang. Verblüffend: Das Bild ist überall scharf und steckt voller Details, die man nur erkennt, weil es so groß ist. Zu sehen ist es (noch nicht) in Zweibrücken, sondern in Berlin in der Guardini-Stiftung am Anhalter Bahnhof.

Das Panorama aus dem Tal vor Jerusalem setzt sich zusammen aus vier Negativen, erklärt der Fotograf. Sie werden in hoher Auflösung gescannt und am Computer zusammengesetzt, erklärt der Fotograf. Den Ausgangspunkt für sein Jerusalem-Panorama hat Lang auf einem Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert entdeckt, der eine Totenstadt zeigt. „Da dachte ich, vielleicht gibt es diesen Ort noch. Ich habe Leute gefragt, kam durch einen Hinweis in das Tal. Man sieht das Gewölbe und die Einsackung, wo der zerbeulte blaue Bus drin ist, und Stacheldraht. Das Gewölbe war eine Nekropole der Kreuzfahrer.“ Ausgangspunkte zur Beschäftigung mit dem Thema waren die Ereignisse nach 9/11 und der Irakkrieg. In alten Stichen und Texten findet Andréas Lang dann Hinweise zur Vergangenheit und fängt an zu recherchieren. 2006 und 2007 war er im Nahen Osten auf Spurensuche, in Israel, Palästina und Syrien. „Eclipse“ (Sonnenfinsternis) hat er seinen Zyklus von Landschaften des frühen Christentums und der Kreuzzüge genannt. 2008 waren die zwei Dutzend Fotografien in München zu sehen, jetzt in Berlin. Heute sehen die Landschaften natürlich anders aus (Lang: „Vieles , was ich in Syrien fotografiert habe, ist inzwischen zerstört“), aber sie enthalten immer noch magische Momente aus ihrer Vergangenheit. Allen gemeinsam ist, dass sie eine ungewöhnliche, fast schon meditative Ruhe ausstrahlen. Sie wirken wie ein Gemälde. Lang fotografiert auch in Schwarzweiß. Ob er in Farbe oder in Schwarzweiß fotografiert und in welchem Format „ist eine Sache, die das Bild verlangt. Die kleinen Formate sind eher atmosphärische Bilder, die eine Stimmung oder Empfindung einer Landschaft widergeben“, sagt der 1965 in Zweibrücken geborene Fotokünstler. Die großen Bilder sollte man im Detail betrachten. Dann entdeckt man in dem Jerusalem-Panorama in der Mitte hinter der Mauer eine weiße Fahne mit einem roten Kreuz. „Das war ein griechisches Kloster“, erläutert Lang. Und eine Müllhalde am Hang, und den Stacheldraht und die Straße, die aus dem Gewölbe herauszukommen scheint. Und oben sieht man die Al-Aqsa-Moschee und den Ölberg. Alles ist gestochen scharf. Je länger man davorsteht, umso mehr Details erkennt man. „In einem kleinen Bild wäre das gar nicht darstellbar.“ Klein ist relativ, einen Meter hoch und breit sind die kleinen Fotografien schon. Die titelgebende Eclipse steht als helle Sonne über einer Art Berg, in dem Felsstücke und Gebäudemausern ineinander übergehen – in der fast quadratischen schwarz-weißen Ansicht einer syrischen Ruinenstadt. Sie hat etwas Märchenhaftes. Dagegen strahlt die ebenfalls schwarz-weiße Ansicht von Meggido mit einzelnen Palmen auf und zwischen zwei Hügeln eher eine friedvolle mediterrane Stimmung aus. Meggido ist ein Ausgrabungsort im Norden Israels. „Das ist der reale Ort zu dem biblischen Armageddon, das man aus der Apokalypse kennt“, erläutert Andréas Lang, der zu jedem Foto etwas zur Geschichte, zu den Menschen, den Völkern und den Religionen erzählen kann. Lang reist viel. Im vergangenen Jahr war er vier Monate in der Türkei – mit dem Stipendium der Kulturakademie Tarabya (das 2017 die Zweibrücker Lyrikerin Monika Rinck bekommen hatte) und zwei Wochen in Baku (Aserbaidschan) auf Einladung des Goethe-Zentrums. Auch dort wandte er sich Themen aus der Vergangenheit zu. In der Türkei untersuchte er die Erinnerungskultur, und neben Fotografien sind auch Videoarbeiten entstanden. In Baku befasste er sich mit Prometheus und Öl: „Da gibt es Phänomene wie Gas, das aus der Erde kommt und brennt, eine Art brennender Berg, und inmitten der Ölfelder steht ein Zarathustra-Tempel“. In diesem Jahr sind neben dieser großen Ausstellung in Berlin noch eine Schau in Porto in Portugal geplant – und eine in Baku. Und Lang hofft, dass sein erstes Katalogbuch (zu „Eclipse“) zustande kommt mit Texten von Hans-Michael Koetzle, Frizzi Krella und Stefan Weidner, das im Verlag Hatje Cantz erscheinen soll. In Zweibrücken hat der international geschätzte Fotograf noch nie ausgestellt. Was ihn wundert. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ausstellung —Andréas Lang: „Eclipse“, Fotografien, Berlin, Galerie der Guardini-Stiftung, Askanischer Platz 4 (am Anhalter Bahnhof), bis 18. April, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Infos: guardini.de. lang-photo.com. —Zur Ausstellung soll ein Katalogbuch mit 70 Fotografien und Texten im Format 30 mal 29 Zentimeter geben. Dazu gibt eine Cowdfunding-Aktion auf kickstarter.com.

Fotograf auf Spurensuche: Andréas Lang.
Fotograf auf Spurensuche: Andréas Lang.
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