Zweibrücken „Die Vereinigung ist unmöglich“
„Welcome to the Show“ heißt ein Album der legendären britischen Symphonic-Rocker Barclay James Harvest (BJH) von 1990. Es ist das erste vom umfangreichen Gesamtwerk mit 17 Alben der Originalbesetzung, das nun in einer remasterten und um Live-Aufnahmen erweiterten Edition erscheint. Zeitgleich arbeitet der Gründer der Band, John Lees, bereits an einem neuen Album. Am Sonntag spielte die Band in St. Wendel, am Samstag, 30. April, 20 Uhr, tritt er mit seiner Barclay James Harvest Band (es gibt heute zwei Bands diesen Namens, 2009 war der andere Bandableger von Les Holroyd in Zweibrücken) in der Zweibrücker Festhalle auf.
Wir spielen Songs aus 13 Alben, mit einem Schwerpunkt auf Songs aus den 80ern, also all das, was den meisten BJH-Fans am meisten am Herzen liegt. Wir beginnen zumeist mit „Nova Lepidoptera“ und kommen sehr rasch zu „Child of the Universe“ und „In My Life“. Nach etwa sieben Songs gibt es eine Pause, und wir machen weiter mit „Fifties Child“ und „Poor Man’s Moody Blues.“ Dazwischen gibt es neuere Stücke wie den Titelsong unseres letzten Albums „North“. „Loving Is Easy“ darf nicht fehlen, und nach etwa 17 Songs kommt mit „Mocking Bird“ und „Hymn“ der Zugabeblock. Das in etwa ist der Rahmen unserer Show. Neben mir sind Craig Fletcher (Bass, Gesang, seit 1998), Jez Smith (Keyboard, seit 2009) und Kevin Whitehead (Schlagzeug, Percussion, seit 1998) dabei. Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre hatte BJH eine große Fangemeinde in Deutschland. Ist das noch immer so? Ja. Deswegen treten wir auch immer wieder hier auf. Nach England war Deutschland immer das Land, das uns besonders freundschaftlich aufgenommen hat und in dem wir unsere größten Erfolge hatten. Dazu gehört auch das legendäre Gratis-Konzert am 30. August 1980 vor dem Reichstag in West-Berlin vor rund 250 000 Zuhörern vor und hinter dem Eisernen Vorhang. Das Album „Berlin – A Concert fot the People“ dokumentiert das geschichtsträchtige Rock-Ereignis. Welche Erinnerung haben Sie daran? Ich bezeichne es als „totally unexpected“. Es war das Abschlusskonzert einer langen Tournee, bei der wir über eine Million Tickets verkauft hatten. Mein Gott, wo ist nur das Geld geblieben? Ein solches Mega-Open-Air war damals ungewöhnlich. Niemand hatte zuvor daran gedacht, dass so viele Leute zu dem Konzert kommen würden, das auf der Ost-Seite auch noch zig Tausende Zuhörer hatte. Die kleine Bühne, die man auf dem Plattencover sieht, war viel zu klein für die Menschenmassen. Aber Gott sei Dank verlief alles ruhig und friedlich, und der Sound reichte aus. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir vor dem Konzert in dem Reichtagsgebäude unsere Vorbereitungen getroffen haben, und alle Fenster gegen Osten verbarrikadiert waren. Einer der Verantwortlichen aber öffnete ein Fenster und wir konnten auf das Niemandsland zwischen Ost und West schauen und den Ost-Berlinern zuwinken. Wir waren von all den Eindrücken völlig überrascht und beeindruckt, was im Konzert auch unserer Spielfreude zugutekam. Was macht den typischen BJH-Sound, einen typischen BJH-Song aus? Es ist das Orchestrale, Symphonic-Rock eben, der damit begann, dass sich einst vier Leute mit gleichen Ideen darüber Gedanken machten, wie er so zu klingen hat, dass er unverkennbar ist und unserem musikalischen Empfinden entsprach. So kennt man BJH, und daran erkennt man Classic BJH noch immer. Es ist der Sound, der mir und Woolly Wolstenholme (der 2010 verstorbene Keyboarder; Anmerkung des Autors) am besten gefiel und den ich heute mit der Band, die auch dieser Auffassung ist, noch immer spiele. Ein typischer BJH-Song ist etwas episch, Mellotron-lastig gemischt mit einer eingängigen Melodie, Gitarre und viel Keyboard. Wie entstehen die Songs? Manchmal dauert es sehr lange, gar Jahre, bis ein Song fertig ist, manchmal geht es sehr schnell, innerhalb eines Tages. Ich habe immer mein Notizbuch dabei, notiere mir Text- und Song-Ideen. Manchmal ganze, fertige, manchmal nur Fragmente. In der Band werden sie dann zu viert weiterentwickelt, ich bin für den Text verantwortlich. Derzeit werden „Welcome to the Show“ (1990) und „Caught in the Line“ (1992) als Doppel-CD-Alben remastered und mit unbekanntem Live-Material neu veröffentlicht. Inwieweit sind Sie an dieser neuen Editionen beteiligt? Um ehrlich zu sein, gar nicht. Das sind eher Entscheidungen unserer Plattenfirma, die anlässlich unseres baldigen 50-jährigen Bestehens das Gesamtwerk neu auflegt. Barclay James Harvest wurde 1967 gegründet. Wie gehen Sie mit der Vergangenheit um? Ich bin kein Mensch, der an der Vergangenheit Interesse hat oder in der Vergangenheit lebt. Deswegen remastere ich auch nicht die alten Sachen. Ich werde nächstes Jahr 70 und habe natürlich wunderschöne Erinnerungen an eine beeindruckende und ereignisreiche Karriere. Ich liebe die Zeit von „Gone to Earth“ (1977) und unsere Hymne. Ich erinnere mich an großartige Konzerte wie das auf der Loreley. Aber eigentlich schaue ich immer nur nach vorn. 1998 zerfiel die Band in zwei Hälften, die zur Unterscheidung den Namen des federführenden Mitglieds als Präfix (John Lees’ Barclay James Harvest; JLBJH) und als Suffix (Barclay James Harvest featuring Les Holroyd; BJHFLH) tragen. Zum 50-jährigen Bestehen drängt sich die Frage nach einer Vereinigung mit Les Holroyd auf. Nein, tut es nicht. Wie gesagt, ich lebe nicht in der Vergangenheit und sehe keinen Sinn darin, etwas aufleben zu lassen, was nicht mehr existiert. Spätestens seit 2005 sind die Namensrechte geklärt, und jeder der einstigen Bandbegründer tourt und spielt mit den Musikern, die seiner Auffassung nach dem BJH-Sound folgen. Die Auffassungen, wie BJH heute klingen sollen, drifteten in den 90ern zu weit auseinander, als dass eine Vereinigung Sinn macht. Hören Sie sich die Alben an, die wir seit unserer Trennung produziert haben, die Musik spricht für sich und erklärt, warum eine Trennung notwendig war und eine Vereinigung unmöglich ist. Die Musik ist zu verschieden, als dass wir wieder zusammenfinden könnten. Sie arbeiten an einem neuen Album? Ja, aber es ist noch zu früh, um viel darüber sagen zu können. Es ist eine Art Fortsetzung des „North“-Albums, textlich wie auch musikalisch. Am 24. Mai wird Bob Dylan 75 Jahre alt. Vielen Bands galt er als Vorbild. Hat er auch Einfluss auf Ihre musikalische Entwicklung genommen? Um ehrlich zu sein, nein. Ich bin kein klassischer Singer/Songwriter, sondern mehr der Musikertyp. Dylan hat zweifellos großartige Songs, Mega-Songs geschrieben und Großartiges für die populäre Musik geleistet. Aber ich muss zugeben, kein einziges Album von ihm in meiner Sammlung zu haben. Wenn mich jemand aus dieser Riege beeinflusst hat, dann eher Jackson Brown, Don Henley und Eric Clapton. Beim Soundcheck spielen Sie Songs von Toto und Supertramp? Sind Sie Fan dieser Bands? Sie gehören zu jenen Bands, die uns in unserem musikalischen Leben begleiteten. Bei den Soundchecks geht es um das Stimmen der Instrumente, das Ausleuchten der Bühne, und das ist in jeder Location anders. Du spielst da nicht immer ganze Songs, manchmal interpretierst du nur, und manchmal eben auch Songs anderer Bands. Hat Barclay James Harvest jemals einen Cover-Song gespielt? Hm, da muss ich überlegen. Ich glaube, nur ein einziges Mal ganz zu Beginn unserer Karriere, einen Song von Joni Mitchell, aber ich kann mich nicht mehr ganz genau daran erinnern. Sie haben mit Sinfonieorchestern zusammengespielt und Unplugged-Konzerte gegeben, sind vor einer viertel Million Menschen und auch in kleineren Clubs aufgetreten. Gibt es noch musikalische Träume zu verwirklichen? Die Orchester-Erfahrung war sehr interessant, würde ich aber aufgrund der Schwierigkeit, so viele unterschiedliche Persönlichkeiten unter einen Hut bringen zu müssen, nicht mehr wiederholen wollen. Eigentlich bin ich mit dem zufrieden, was ich mache. Es gibt genug Barclay-James- Harvest-Material, an dem ich Freude habe, es immer wieder zu interpretieren. Es erfüllt mich, die alten Sachen so präsentieren zu können, wie ich sie mir mit meiner vierköpfigen Band heute vorstelle – und auch hin und wieder ein paar neue Songs zu schreiben. Interview: Christof Graf Konzert & Karten Karten für das Konzert von John Lees Barclay James Harvest am Samstag, 30. April, 20 Uhr, in der Zweibrücker Festhalle kosten 35 bis 51 Euro. Es gibt sie beim Zweibrücker Kulturamt, Maxstraße 1, Telefon 06332/871-451, kultopolis.com, reservix.de und konzertkasse.de