Kriegserinnerungen (X)
Die Nachricht aus Köln oder das kleine Wunder
Die Begebenheit, die ich schildern will, betrifft meinen 2006 verstorbenen Vater und meine 2013 verstorbene Mutter. Ich mache deshalb gleich einen Zeitensprung ins Jahr 1945. Vor mir liegt ein unscheinbares Stück Papier, massiv vergilbt, an den Seiten eingerissen und mühsam an vielen Ecken notdürftig geklebt. Im September 1945 machte dieses Papier eine weite Reise von Köln-Dellbrück nach Käshofen. Die damit einhergehende Geschichte gehört zu unserer Familie.
Große Geste eines Unbekannten
Ich lasse an dieser Stelle meine Mutter zu Wort kommen, die mir erzählte, dass ihr im September 1945 eines Tages ein völlig unbekannter Mann – aus Köln-Dellbrück kommend – dieses Papier in die Hand drückte. Er hatte den weiten Weg in schwierigsten Kriegszeiten auf sich genommen, was in mir heute noch tiefsten Respekt und unendliche Dankbarkeit auslöst.
Das Papier kam von meinem Vater, der im September 1945 in englischer Gefangenschaft in Köln-Dellbrück war. Dort gelang es ihm, den besagten Zettel zu beschriften, verbunden mit der unrealistischen Hoffnung, dass dieser den Weg nach Käshofen finden möge, um seine Familie, die nicht wusste, wo er war, über sein Schicksal zu informieren. Es gelingt meinem Vater nicht nur, das Papier zu beschriften, sondern es vollzog sich wohl auch ein kleines Wunder: Das Papier schaffte aus dem Gefangenenlager nach draußen, und es fiel in die Hände eines damals etwa zehnjährigen Jungen, der es wiederum seinem Vater aushändigte. Und dieser Mann brachte es, wie bereits geschildert, persönlich nach Käshofen – für mich eine überragende Geste der Menschlichkeit in der Kriegszeit.
Ich habe versucht, über die zuständige Verwaltung in Köln zu recherchieren, ob es möglich ist, den Jungen von damals, der jetzt etwa 87 bis 88 Jahre alt sein müsste, zu finden. Leider hatte ich keinen Erfolg, trotz intensiver Bemühungen. Ich würde mich gerne bei ihm bedanken, sofern er noch lebt.