Handball
Die EM-Erlebnisse der Zweibrückerin Amelie Berger
Der Dienstag sei „ein schöner Tag“ gewesen, sagt Amelie Berger. Es war der Tag nach dem Erreichen der Hauptrunde bei der Handball-Europameisterschaft der Frauen. Und es war der Tag, an dem sie und ihre Nationalmannschaftskolleginnen „endlich mal wieder richtig viel frische Luft tanken konnten“. Das deutsche Team, genau eine Woche zuvor angereist, durfte das Hotel in Kolding verlassen, stieg gemeinsam in den Bus und wurde zu einem derzeit wegen der Corona-Krise geschlossenen Kletterpark gefahren, wo sie garantiert keinen Kontakt zu anderen Menschen hatten. Was den Handballerinnen bei der EM fehlt, war dort möglich: „Einfach mal spazieren gehen, tief Luft holen“, sagt Berger.
Beliebte Spaziergänge
Gemeinsame Spaziergänge vor wichtigen Spielen sind bei Handballern beliebt. Bei der EM ist das nicht gestattet. Corona-bedingt. Umso schöner sei der Abstecher gewesen. Auch um den Kopf frei zu kriegen, sich neu auf die bevorstehenden Aufgaben zu fokussieren.
EM-Blase in Kolding
Was das Thema Frischluft anbelangt – „stehen wir normalerweise am geöffneten Zimmerfenster, einen Balkon gibt es nicht, und atmen tief ein“, erzählt Berger. Hotel, Sporthalle, „das ist das, was wir sehen“, erzählt die 21-Jährige vom Leben in der Handball-EM-Blase am Stadtrand von Kolding. Dass die Blase nicht verlassen wird, darauf hat Security ein Auge. „Ich habe mich darauf vorbereitet, wusste, dass es ganz anders wird als bei den vergangenen Turnieren. Aber es dann zu erleben, ist noch mal eine andere Sache“, bekennt Berger. Für ihr Studium der Psychologie sei „das natürlich auch mal eine ganz interessante Erfahrung“. Die Zeit, die früher genutzt werden konnte, um zum Beispiel in die Stadt zu gehen, wird jetzt im Zimmer verbracht. Lesen, Filme schauen und lernen sind dann angesagt. Auch Kontakthalten mit Familie und Freunden zu Hause. „Da kommt schon Unterstützung“, freut sie sich.
„Paar Prozent fehlen“
Die Rechtsaußen, die beim SV 64 Zweibrücken mit dem Handball begann, nun für die SSG Bietigheim in der Bundesliga spielt, absolviert ihre zweite Frauen-EM. Drei Spiele, zehn Wurfversuche, vier Tore. Selbstkritisch bekennt sie: „Da fehlen noch ein paar Prozent.“ Weil das nicht nur für sie, sondern für das gesamte Team gilt, wurde das Erreichen der Hauptrunde zu einer Zitterpartie. Dabei hatte es gut begonnen. 22:19-Erfolg gegen Rumänien. Berger erzielte dabei in der fünften Minute das 2:0. Dann das 23:42-Debakel gegen Norwegen. „Verlieren ja, aber nicht so“, merkt Berger dazu an. Die Niederlage sei vor dem Spiel gegen Polen aber abgehakt gewesen. „Wir wussten, dass ein Unentschieden reicht, aber natürlich spielt man nicht auf ein Remis“, sagt sie. 21:21 endete die Partie. Punktlandung. Als Gruppenzweiter zieht Deutschland in die Hauptrunde ein.
Noch kein Gegenstoß
Was fehlt? „Es summieren sich viele Kleinigkeiten. Die paar Prozent fehlten überall“, bilanziert sie. Die Abwehr im Zusammenspiel mit den Torhüterinnen bekommt nicht den gewohnten Zugriff. „Das setzt sich im Spiel nach vorne fort. Es fehlen Ballgewinne, Gegenstoßmöglichkeiten, leichte Tore“, sagt Berger. Sie selbst ist auf der rechten Außenbahn noch keinen Gegenstoß gelaufen. Untypisch für das deutsche Spiel. Aber auch andere Nationen haben zu kämpfen. Weltmeister Niederlande hat nur eins von drei Vorrundenspielen gewinnen können.
Samstag gegen Ungarn
Bis zum ersten Hauptrundenspiel am Samstag gegen Ungarn (Anwurf: 16.15 Uhr, alle Spiele im Internet bei www.sportdeutschland.tv) kann jetzt intensiv trainiert werden. Wieder die Automatismen in den Abläufen finden, wird wohl eine Aufgabe für Bundestrainer Henk Groener und sein Team in diesen Einheiten sein.
Am Dienstagabend, nach Spaziergang und Training, schaute die Mannschaft gemeinsam die letzten Vorrundenspiele der Gruppe C, sah, wie nach dem Überraschungsteam Kroatien den Niederlanden und Ungarn der Einzug in die Hauptrunde gelang. Wer sich durchsetzen würde, war Berger vor dem Anpfiff der Partien egal, denn: „Wenn wir ins Halbfinale wollen, müssen wir alle schlagen.“
Weltmeisterinnen warten
Nach dem Spiel am Samstag sind Berger & Co am Montag und Dienstag binnen 24 Stunden zweimal gefordert. Zunächst gegen die Weltmeisterinnen und dann gegen die bisher noch ungeschlagenen Kroatinnen. Da heißt es zwischendurch sicher wieder: Fenster auf und tief Luft holen.