Pirmasens
Der seltsame Wettbewerb „Musikkneipe des Jahres“
Unter den 140 Kneipen, die mitmachen dürfen, ist auch je eine aus Pirmasens, Homburg und Saarbrücken.„Musikkneipen sind mehr als Orte zum Ausgehen, sie sind Heimat für Sound, Szene und Seele. Ob Indie-Bar, Jazzkeller oder Rockkneipe: Hier beginnt Kultur“, heißt es auf der Webseite der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte). Das Foto dazu zeigt einen Kneipe ohne Livemusik, nur mit leuchtender Jukebox.
Nominiert hat die Gema selbst nach ihren eigenen Kriterien. „Aus unseren Lizenznehmerdaten wurden gezielt Locations ausgewählt, die ein festes Musikprofil aufweisen. Voraussetzung waren ein aktiver Hintergrundmusikvertrag, ein ortsgebundenes Konzept mit regelmäßigem Musikangebot sowie mindestens zehn Musikveranstaltungen im Jahr 2024 – unabhängig davon, ob es sich um Live-Auftritte, DJ-Abende oder kuratierte Playlists handelt“, informiert Gema-Kommunikationsmanagerin Christina Zander auf Anfrage. Wie viel Gema-Gebühren die Musikkneipe zahlen musste, um mitmachen zu dürfen, verrät sie aber nicht.
140 von 1000
Alle Musikkneipen, die den Kriterien entsprechen, knapp 1000 in ganz Deutschland, wurden angeschrieben. „Grundlage hierfür waren unter anderem die einschlägigen Tarife, anhand derer wir die Betriebe identifiziert und in die Auswertung einbezogen haben“, so Zander. Um mitmachen zu können, mussten die Musikkneipen nur innerhalb einer Frist Ja sagen, ein Foto schicken und mindestens einen Satz Eigenlob schreiben, warum sie den Preis verdienen, manche schreiben viele Sätze und schicken viele Fotos – und schon waren sie nominiert für die Publikumsabstimmung.
140 Musikkneipen haben sich zurückgemeldet und dürfen sich der Publikumsabstimmung per Internet stellen. Gegliedert wird nach Bundesländern. Aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen sind drei Kneipen dabei, aus Brandenburg nur eine, aus Nordrhein-Westfalen 32. Aus Rheinland-Pfalz sind es das Glockencafé in Kaiserslautern, der Irish Pub in Pirmasens und Mayer’s Rheintal in Ludwigshafen, aus dem Saarland die Cartoon Bar & Lounge in Homburg, die Brasserie in Saarbrücken und der Irish Pub in St. Wendel.
Das Publikum stimmt ab
Zur „Musikkneipe des Jahres“ wird nicht die Kneipe, die das beste oder originellste Programm bietet – das wäre ja vermessen, schließlich zählen DJ-Veranstaltungen auch – sondern die Kneipe, die es schafft, die meisten Fans zu einer Stimmabgabe zu mobilisieren. Man soll erst ein Bundesland wählen und dann eine Kneipe – ein einfaches Verfahren, bei dem der Gewinner eigentlich nur einer sein kann: der Knödelclub in Perleberg! Er ist als einzige Kneipe in Brandenburg nominiert. Da man hier für niemand anderes stimmen kann, wird ihm niemand eine Stimme wegnehmen.
Das Stimmabgabesystem auf musikkneipedesjahres.de ist großzügig. Man kann so oft abstimmen wie man will, in so vielen Bundesländern, wie man will und wird bei jeder Stimmabgabe gelobt: „Danke für deine Stimme! Du hast gerade ein Zeichen gesetzt – für Musik, für Kultur, für deine Musikkneipe! Mit deiner Stimme unterstützt du einen Ort, an dem nicht nur Musik läuft, sondern gelebt wird“. Ob wirklich jede Stimme gezählt wird, weiß man natürlich nicht.
Abstimmen bis 15. Oktober
Eigentlich lief die Aktion nur bis 4. Oktober, wurde aber bis 15. Oktober verlängert, offenbar ließ die Resonanz zu wünschen übrig. Natürlich ist es gut, wenn man das Engagement von Musikkneipen würdigt, und 5000 Euro Preisgeld für den Sieger – schon der Zweitplatzierte geht leer aus – sind eine gute Sache, aber in erster Linie ist es wohl billige Werbung und Rufverbesserung für die Gema, die durch neue Gebühren dafür sorgte, dass es seit 2024 auf Weihnachtsmärkten kaum noch Musik gibt, also das Musik-Erleben eher verhindert wird. Hier hat sie nun zurückgerudert, der neue Tarif reduziert die Vergütung für öffentliche Musiknutzungen auf Weihnachtsmärkten um 35 Prozent. Und wer weiß, vielleicht kann sich die Gema im nächsten Jahr zu einem neuen Modus für den Musikkneipenpreis durchringen - wenn sie ihn nicht wieder abschafft.