Zweibrücken / Neunkirchen
Der neue Impressionist: Sebastian Voltz hat eine CD aufgenommen
Auf die schweren dunklen Einzelakkorde, die Raum haben zum Nachhallen, lässt der Pianist nur verhalten Leichteres folgen; der Charakter von „Skin“, dem ersten Stück auf der CD, bleibt geheimnisvoll dunkel. Die schlichte, langsame Melodie, die folgt, ist ein Stimmungsbild, das auch gut zu einem Regentag passen würde.
Mit einem Wischgeräusch auf die Saiten im offenen Flügel startet Voltz seine „Aura“. Der Duktus des Stücks ist dem von „Skin“ ähnlich. Ein sanftes Fließen, ein bisschen melancholisch, setzt zu dem an, was Pianisten normalerweise tun, wenn sie Stummfilme begleiten, ein- oder zweiminütige dokumentarische Stummfilme aus der Frühzeit des Kinos, wo die Kamera Stadtlandschaften mit Straßen, Parks, Plätzen und Flüssen eingefangen hat.
Gedanken auf einer Brücke in Jerusalem
Der Hinweis zum Film muss her, weil Sebastian Voltz die 15 Stücke seiner ersten Solo-CD so hintereinandersetzt wie ein Regisseur seine Filmszenen: Alles passt zusammen, alles hat eine Dramaturgie, ein Stück ergibt sich zwangsläufig aus dem vorherigen. Das macht es beim Hören auch unmöglich, die durchkomponierten von den improvisierten Stücken zu unterscheiden.
Die aus den im Internet nachzuhörenden Lockdown-Sessions bekannten „Bridges“ haben nun einen improvisierten Prolog bekommen – mit vereinzelten Klängen nach einem Griff in die Saiten des Steinway-Flügels – und einen ebenfalls improvisierten Epilog. Beides passt gut zu dem ein bisschen nach Bach klingenden klassischen Kern der etwas zügigeren Komposition, die Voltz schrieb, nachdem er nachts um 2 Uhr auf der Calatrava-Brücke in Jerusalem stand und sich Gedanken um Nähe und Ferne von Konflikten machte.
Edle Musik und edles Booklet
All dies kann man in dem aufwendig gestalteten 32-seitigen Booklet nachlesen, in dem der 1980 in Neunkirchen geborene Pianist, der am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium unterrichtet, zu jedem Stück ein paar Zeilen aufgeschrieben hat. Bei Titeln wie „Pendulum“ (so heißt ein Kunstwerk von Ingo Maurer, ein pendelndes mehrere Meter großes silbernes Ei, das Sebastian Voltz in der Münchner Pinakothek der Moderne sah) und „Jardins de L’Hermitage“, die sich nicht automatisch erschließen, sind die Zusatzinformationen interessant, bei anderen wie „Clouds“ entbehrlich. Aber die Notizen bringen den Zuhörer in die richtige Stimmung zum Musikhören – ebenso das Cover, das ein Gemälde in Blautönen von Julia Johannsen zeigt. In ihrer Homburger Galerie sind auch Fotos des Pianisten zu sehen.
Da hat Martin Weinert, der die CD auf seinem Label Tough Tone herausbrachte und in dessen Band Sebastian weiterhin spielt, seinem Freund und Kollegen das schönste Debütalbum gemacht, das man sich denken kann. Und Sebastian Voltz zeigt, dass er auf hohem Niveau spielt, komponiert und improvisiert. Gedanken an Keith Jarrett kommen auf, an Wim Mertens, an Klaviervirtuosen, die alle den musikalischen Impressionismus von Debussy und Co. in ihre Klangwelten geholt haben plus weitere Anleihen aus dem Jazz, der Klassik und der Weltmusik, ohne dass alles sich in einem beliebigen Crossover verliert.
Das Erleben steht im Vordergrund
Voltz wird immer besser. Im Lockdown hat er viel geübt und dabei zu jener inneren Ruhe gefunden, die sich in den neuen Stücken niederschlägt. Nicht die Demonstration von Virtuosität steht im Vordergrund, sondern das Erleben – das eigene wie das der Zuhörer. Es ist Musik zum Genießen. Doch wer nicht nur dasitzen und dazu träumen will, sollte genau hinhören, damit er die Details und die sparsam gesetzten Effekte erkennt, die Voltz’ Musik so unverwechselbar machen.
Der gelernte klassische Pianist ist ein Vollblutmusiker. Dass er als Quereinsteiger Musiklehrer am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium ist, wo er auch das Jazz-Weekend betreut und leitet, sollte seine Schüler und auch die Stadt Zweibrücken stolz machen. Der Einladung, mit Sebastian Voltz auf Reisen zu gehen, sollte man folgen – auch bei seinen Solokonzerten und denen mit dem Martin-Weinert-Trio oder dem Duo Jem mit Helmut Eisel.
CD & Konzert
Sebastian Voltz: „Voyages“, 15 Tracks, 52 Minuten, Tough Tone, Neunkirchen 2022, E-Mail: info@roughtonerecords.com. Am Samstag, 12. März, 20 Uhr, stellt Sebastian Voltz seine CD in der Stummschen Reithalle in Neunkirchen vor. Seine Homepage erreicht man unter www.sebastianvoltz.de