Neunkirchen / Zweibrücken / Homburg
Das Musik- und Kunstprojekt „Nachtwind“ von Martin Weinert startet
„Der Augenblick“ beginnt mit Einzeltönen von Gongs und Klangschalen, dann kommt das Klavier, die Geige, alles ist natürlich fließend, mit sanftem Bass. Glöckchen und helle Klavierläufe setzen ab und zu Akzente, die Melodie wird zu einem Schweben im Raum. Sie wird getragen von der Violine, die hier ein bisschen so eingesetzt wird, wie das früher die Neunkircher Komponistin und Musikerin Susan Weinert (1965-2020) tat, die alle Stücke auf der CD kurz vor ihrem Tod komponierte.
Kontrabassist Martin Weinert (62), der Witwe und jahrzehntelanger musikalischer Partner, geht nun daran, die unveröffentlichten Kompositionen zu präsentieren. Bei der CD „Nachtwind“ sind es Werke, die Susan in den Wochen vor ihrem Krebstod noch geschrieben hat. Das erklärt die schwebenden und fließenden Klänge, die wie hingehaucht wirkenden Einschübe, die jedoch nichts Melancholisches oder Trauriges haben.
Susan Weinerts Kosmos
„Susan begann schon in den 80er Jahren zu komponieren, und gemeinsam sind wir mit der Zeit immer tiefer in den sich aus ihren Ideen entwickelnden Klangkosmos hineingewachsen“, sagte Martin Weinert. Dazu gehören auch Begriffe wie Künstlerkollektiv und Gesamtkunstwerk. Das reich bebilderte Booklet-Album enthält Gemälde der Hamburgerin Julia Johannsen, die nach der Musik entstanden sind, außerdem ein Gedicht und die markante Stimme des Filmregisseurs Werner Herzog.
Mit dem Satz „Wie der Regenbogen sind die Kraniche für den, der geht, eine Metapher“ leitet Herzog das letzte der acht Stücke („Die Kraniche“) ein. Einzelne Kontrabass-Töne werden zu den Flügelschlägen der Vögel, langgezogene Geigentöne von der französischen Violinistin Heloise Lefebvre (34) zum ruhigen Flug, Klaviereinsprengsel von Sebastian Voltz (43, Musiklehrer am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium) und perkussive Knatter- und Knistergeräusche des saarländischen Percussionisten Daniel Weber (34) zu dem, was die Kraniche auf ihrem Flug sehen. Doch die Musik bleibt nicht stehen, sie entwickelt sich weiter, mal dynamisch, mal klagend, mal geheimnisvoll und spannend – ein bisschen wie die Musik zu einem Film, den sich jeder Zuhörer selbst erfinden muss, bis am Ende tatsächlich die Kraniche leise kreischen.
Kraniche als Metapher
Das Stück war bereits auf der CD „Beyond the Rainbow“ (2018) zu hören, Martin Weinert hat es neu aufgenommen, weil es eng mit Susans Tod verbunden ist: „Zwei Tage vor ihrem Tod kreisten Kraniche über dem Haus, und Susan deutete das Kreisen der Vögel als Ruf, sich mit ihnen auf die Reise zu begeben: ,Hörst du, Martin, sie rufen mich und wollen, dass ich mitfliege.’“
Acht bis neun Minuten lang sind die Stücke meistens, das reicht, um eine stets total andere Klangwelt aufzubauen. In „Der Fluss“ sind es minutenlang nur Percussion und Schlagzeug, die eine sanfte, meditative Stimmung entfachen, mit plätschernden Klangschalen (oder sind es Küchenutensilien, man darf rätseln) und Klavierphrasen, die zum im Wasser schwimmenden Holz werden und undefinierbaren unheimlichen Rufen – bevor Klavier und Geige irgendwann wieder für ruhigeres Fahrwasser sorgen.
Die letzte Komposition
Natürlich ist das alles ganz subjektiv, doch leiten Stücktitel wie „Bunte Lichter in der Dunkelheit“, „Frühmorgens“, „Sonnenwende“ und „November“ den Zuhörer schon in eine bestimmte Richtung. Martin Weinert sieht die Stücke natürlich alle in Bezug zu Susan. „,Bunte Lichter in der Dunkelheit’ entstand in der Adventszeit 2019. Die Fenster von Susans Studio gehen in Richtung Garten, wo sie zur Weihnachtszeit stets alles mit bunten Lichtern schmückte, was eine ganz wohlige und heimelige Atmosphäre schuf.“ Er verrät auch, dass „Sonnenwende“ Susan Weinerts letzte Komposition war: „Sie entstand am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 2019, am 22. Dezember.“
Unabhängig davon kann man die Titel der CD am ehesten als typische ECM-Musik charakterisieren: ECM ist Deutschlands führendes Label für Instrumentalmusik zwischen Jazz, Klassik und anderen Misch- und Experimentalformen, die sich harmonisch-elegisch bis minimalistisch bewegen. Diese hohe Kunst findet man auf „Nachtwind“.
Video, Performance, Malerei
Was man auf der CD nicht sieht: Es entstehen noch Videos zu den Songs, sie stammen von der Multimedia-Künstlerin Klaudia Stoll (Rastatt), dem Sandmaler Chris Kaiser (Schwäbisch Gmünd), dem Maler und Bildhauer David Kaps und den Tänzerinnen Sarah Gros (Schwäbisch Gmünd) und Bérengère Brulebois (Völklingen). Man kann sie sehen, in dem man den QR-Code im Booklet scannt (aber erst im März), ebenso wie Infos zur Entstehungsgeschichte.
Damit – und mit dem Künstlerbuch von Julia Johannsen – ist „Nachtwind“ das umfangreichste und interessanteste Projekt der Region, das es in den letzten zehn Jahren gab. Ein Meisterwerk!
CD
„Nachtwind“: Martin Weinert (Kontrabass), Daniel Weber (Schlagzeug, Percussion), Sebastian Voltz (Piano), Héloïse Lefebvre (Violine), acht Tracks, 63 Minuten, Booklet, Tough Tone Records, Vertrieb: Edel Kultur, erhältlich bei toughtonerecords.com, in der Galerie Julia Johannsen in Homburg und bei Bücher König in Neunkirchen. Offizielles Veröffentlichungsdatum: 1. März 2024.