Saarland RHEINPFALZ Plus Artikel Das kurze Leben von Willi Graf

Porträt Willi Graf
Porträt Willi Graf

Er wurde 250 Tage gefoltert, bevor die Nazis ihn hinrichten: Willi Graf (1918-1943), Mitglied der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose. Eine Ausstellung erzählt sein Leben.

Die Ausstellung über Willi (eigentlich Wilhelm) Graf ist da, wo man sie nicht unbedingt vermutet: im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen, sieben Kilometer vom Weltkulturerbe Völklinger Hütte entfernt – und es gibt auch Zeitungsartikel, in den über ihn berichtet wird. Vor allem aber gibt es viele Fotos, Nazi-Dokumente, handschriftliche Briefe von ihm und Objekte, mit denen sein Leben nachgestellt wird, das nur vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg reichte, er starb mit 25 Jahren – und wurde posthum zum Ehrenbürger von Saarbrücken, wo sich auch sein Grab befindet.

Willi Graf war vier Jahre alt, als seine Eltern 1922 von Euskirchen ins (nicht zum deutschen gehörende, unter der Herrschaft des Völkerbundes stehende) Saargebiet nach Saarbrücken zogen, wo sein Vater Geschäftsführer des Veranstaltungssaals Johannishof in der Mainzer Straße (später: Willi-Graf-Haus) wurde. Er war Messdiener, Mitglied der katholischen Jugend. Schon als Jugendlicher war er unkonventionell, las viel und lehnte alles ab, was ihm gut bürgerlich erschien.

Katholische Gruppen statt Hitlerjugend

Mit elf wurde er Mitglied des Bund Neudeutschland, einer Gruppe, einem Verband katholischer Schüler an Oberschulen und Gymnasien, die viel reiste (es gibt Foto von glücklichen Jugendlichen 1936 aus Montenegro) und das Gemeinschaftsgefühl stärkte, 1939 wurde der Bund verboten. Willi Graf hatte Probleme in der Schule, dem Saarbrücker Ludwigsgymnasium, denn er weigerte sich, in die Hitlerjugend (HJ) einzutreten – im ausliegenden Klassenbuch ist notiert, wer in der HJ ist. Dennoch konnte er 1937 sein Abitur machen, wurde aber sofort danach zum Reichsarbeitsdienst beordert. In Bonn begann er Medizin zu studieren, da war er schon Mitglied der christlichen Jugendorganisation Grauer Orden – und kam ins Gefängnis, als die Nazis sie entdeckten.

Als Sanitätssoldat war er im Zweiten Weltkrieg an in Frankreich, Belgien und an der Ostfront, wo er sah, was im Warschauer Ghetto passierte. 1942 schickten ihn die Nazis nach München, wo er sein Medizinstudium beenden sollte. Es kam anders, er kam in Kontakt mit Hans und Sophie Scholl und wurde er Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Es ist bekannt, dass er in den Weihnachtsferien 1942/43 im Saarland weitere Mitglieder zu gewinnen versuchte, im Januar ein Vervielfältigungsgerät weitergab, Flugblätter verteilt und einer derjenigen war, die in München die Parole „Nieder mit Hitler“ an ein Haus schrieb (die Hauswand ist rekonstruiert).

Sanitätssoldat im Ghetto

Kurz nachdem die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 verhaftet wurden, erwischten sie auch ihn. Im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl wurde er jedoch nicht schon nach vier Tagen hingerichtet, sondern 250 Tage in der Haft gefoltert, weil man hoffte, so weitere Mitgliednamen und Informationen zu bekommen, doch Graf schwieg und wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet, „Todesursache: Enthauptung“ steht schlicht auf dem Schreiben, das seine Eltern erhielten – und das in der Ausstellung zu sehen ist.

Viele Fotos von Willi Graf waren vorher nicht bekannt, hier sieht man mehr als Dutzend, vorwiegend Privatfoto mit jugendlichen Freunden, mit seinen Eltern und seiner Schwester. Die meisten sind in einem gemütlichen Wohnzimmer-Eck mit rotem Sofa, Anrichte, Wanduhr und Kreuz an der Wand. Sein ebenfalls anheimelndes Arbeitszimmer in München mit Schreibtisch, Stuhl, antiquierter Schreibmaschine anderer Hingucker, der den Museumsbesuchern den jungen engagierten Mann näherbringen soll – und in die Zeit und das Milieu einführt, in dem er lebte.

Ein Dreivierteljahr lang Haft und Folter

Natürlich gibt es die sechs Flugblätter der Weißen Rose (mehr gab es ja nicht) und viele Nazi-Dokumente, die man so wahrscheinlich noch nie präsentiert hat wie einen Sprechzettel, der Willi Grafs Eltern erlaubt, Ende April 1943 exakt 15 Minuten mit ihrem Sohn in der Haft zu sprechen, die von Hitler unterschriebene Ablehnung des Gnadengesuchs. Man erfährt, dass auch Grafs Eltern 1943 für einige Woche inhaftiert waren. Doch erschütternd sind die Briefe Grafs aus der Haft, vor allem seine letzten Worte, die er dem Gefängnisgeistlichen diktiert hatte (der sie herausschmuggelte), an Schwester Anneliese gerichtet, die ihn auch besuchen durfte:

„Nun musst du alleine den Eltern helfen in diesem Leid und versuchen zu ersetzen, was ich den Eltern nicht sein konnte. Du weißt, dass ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern dass ich aus tiefster Sorge und dem Bewusstsein der ersten Lage gehandelt habe. Du mögest dafür sorgen, dass dieses Andenken in der Familie, den Verwandten und Freunden lebendig und bewusst bleibt“. Das tat sie: Anneliese Knoop-Graf (1921-2009) war eine deutsche Publizistin zur Thematik Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie konnte noch die Ehrenbürgerwürde für Willi Graf entgegennehmen.

Zwiespältig ist der letzte Teil der Ausstellung, er ist komplett digital. An einer großen Wand laufen Zitate von Willi Graf entlang, aber so dicht wie Buchseiten, richtig lesen kann man sie nicht. Dazu kann man in eine Mikrofon sprechen und Fragen an Willi Graf direkt stellen, die dann ein mechanisch klingende (eigens für die Ausstellung entworfene) KI ebenso mechanisch beantwortet.

Info

„Willi Graf – Ein Leben für die Freiheit“, Deutsches Zeitungsmuseum Wadgassen, Am Abteihof 1, bis 17. August, Dienstag bis Sonntag: 10 bis 16 Uhr.

Nachgestellt: Die Parole, die Willi Graf mit Gleichgesinnten in München an eine Hauswand schrieb.
Nachgestellt: Die Parole, die Willi Graf mit Gleichgesinnten in München an eine Hauswand schrieb.
Familienfotos im Wohnzimmer.
Familienfotos im Wohnzimmer.
Nchgestellt: Willi Grafs Schreibtisch als Student in München.
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