Zweibrücken
Das Kreuz mit dem Buchstabieralphabet
Ich telefoniere im Büro. Mit jemandem, der einen komplizierten Namen hat. Sowas wie Zbigniew Brzezinski oder Bartosz Stronczyk. Manche Leute nuscheln auch ein bisschen. Auf jeden Fall verstehe ich den Namen nicht. Aber ich habe gelernt: Namen sind Nachrichten. Schreibst du den Namen falsch, ist der ganze Text unglaubwürdig.
Ich frage also, ob der Gegenüber seinen Namen buchstabieren könne. Es kommt wie aus der Pistole geschossen: „Zacharias, Berta, Ida, Gustav, Nordpol, Ida, Emil, Wilhelm, Berta, Richard, Zacharias, Emil, Zacharias, Ida, Nordpol, Siegfried, Konrad, Ida.“ Häähh?? Ich bin schon bei Gustav raus. Mein Hirn macht Verrenkungen, es kommt nicht hinterher.
„Bitte, ganz langsam zum Mitschreiben“
Ich beherrsche dieses Buchstabieralphabet nicht. Ich weiß auch gar nicht, wer das kann. Ich glaube nicht, dass eine meiner Freundinnen das kann. Journalistinnen, Lehrerinnen, Geschäftsfrauen. Sie können es nicht. Ich glaube ja, dass Menschen mit einem komplizierten Namen irgendwann gedacht haben: „So Leute, ab heute schlage ich zurück. Ich räche mich. Ich blase Euch das Buchstabieralphabet um die Ohren, dass euch hören und sehen vergeht…“
Egal wie, ich muss nochmal fragen: „Bitte, ganz langsam zum Mitschreiben.“ Aber sagt er Zacharias, denkt mein Gehirn automatisch: „Ach so, er heißt Zacharias.“ Und ich notiere Zacharias. Mein Hirn sagt meiner Hand: „Schreib! Schreib auf, was er sagt!“ Aber am Ende steht da: Zachariasbertaidagustavnordpol…. Dann folgt unleserliches Gekrakel und dann bin ich raus. Das Telefonat bekommt etwas Absurdes, ich bin verzweifelt. Ich versuche es auf meine Weise, wiederhole, was ich verstanden habe, aber eben so, wie ich buchstabiere, wenn ich buchstabiere: „Also: Zett, Be, I, Ge, Enn, I, E, We, Be, Err, E…“ „Nein“, schnauft er. Ich spüre: Er ist genervt. „Nicht E! Zacharias!“ Eigentlich hatten wir ein gutes und aufschlussreiches Gespräch geführt. Ich glaube, wir waren uns sympathisch. Doch nun sind alle guten Vibes dahin. Wir nähern uns einem Konflikt. Es ist mir peinlich, mittlerweile hält er mich für komplett bescheuert. Aber der Name! Ich brauche den Namen! Namen sind Nachrichten!
Ich probiere etwas Neues. Ich sage: „Wissen Sie was? Es war ein langer Tag, mein Hirn macht die Grätsche. Schicken Sie mir doch einfach eine Mail mit ihrer Signatur, und dann hab ich das.“ Er hält das für eine gute Lösung. Er sagt: „Sagen Sie mir bitte ihre Mail-Adresse.“ Ich sage: „Melanie“. Das bekommen wir unfallfrei hin. Ich sage: „Müller von Klingspor“. Ich sage: „Das sind drei Worte. Müller wie Müller. Von wie von. Klingspor geht so: Kling, wie die Klinge. Spor wie Sport, nur ohne Tee.“ Ich finde das eine gute Erklärung, die benutze ich seit 30 Jahren.
Der Zacharias kann doch auch nichts dafür
Aber Zbigniew Brzezinski versteht mich nicht. Er fragt, ob ich das nicht buchstabieren könne. Aber ich kann ja nicht. Also nicht so wie er. Ich improvisiere: „Ka wie Kabeljau, Ell wie Landau, I wie Informatik, Enn wie Nebenbuhler, Ge wie Georgien, Ess wie Sofakissen, Pe wie Patrick, O wie Ostdeutschland, R wie Rheinland-Pfalz.“
Wir werden irgendwie handelseinig. Ich lege auf und bin erschöpft. Denke darüber nach, dass selbst Leute mit einem wirklich einfachen Namen trotzdem immer irgendein Erklärsprüchlein haben, um es anderen leicht zu machen. Der Kollege Thomas Büffel sagt immer: „Büffel, wie das Tier.“ Meine Freundin heißt mit Nachnamen Kessel. Sie sagt immer: „Kessel, wie der Topf.“ Und das geht doch auch. Die Menschen verstehen das. Funktioniert halt nur bei wenigen Nachnamen. Dann muss man halt doch buchstabieren. Aber, liebe Leute, ich bitte euch inständig, lasst den Zacharias in Ruhe, der kann doch auch nichts dafür.