Zweibrücken / Kaiserslautern Christof A. Martin kombiniert Video mit Objekten
„Peace & Freedom Machine“ stand letzten Jahr in der Schau „40 Jahre Kreisgalerie“ in Dahn, jetzt kann man die zwei Meter hohe weiße Säule bei Christof A. Martin zu Hause in Kaiserslautern sehen, demnächst soll sie in eine Galerie in Berlin. Auf weißem Grund ist in Augenhöhe ein Bildschirm platziert, darauf lassen sich einzelne Zeilen lesen: „Mehr Frieden als nur zum Fest!“, „Frieden jetzt“ oder auch nur: „immer“. Denn an der Säule wird man aufgefordert, einen QR-Code zu scannen, selbst ein paar Zeilen per SMS zu schreiben und an die Säule zu schicken. Erst dann ändert sich etwas. Denn von der Säule geht eine Deckenprojektion aus: Drohnen fliegen über Kriegsgebiete mit zerstörten Häuser, in der Ukraine, in Gaza – eben dort, wo Krieg herrscht.
„Überall begegnen uns Bilder von Krieg und Leid. Man fühlt sich sprachlos. Mithilfe des interaktiven Ausstellungsstücks ,Peace and Freedom’ können Sie dieses Dilemma durchbrechen. Ihre Text-Intervention schafft kurzfristig eine Oase des Friedens und der Ruhe“, steht auf der eckigen weißen Säule. Tatsächlich, wenn man etwas schreibt und hinschickt, verschwinden die Kriegsbilder an der Decke – stattdessen sieht man eine Minute lang Wald, See, Natur, Ruhe. Dann kommt wieder Krieg. „Es ist eine politische Arbeit“, erklärt Christof A. Martin, der sonst eher allgemein gesellschaftliche Kunst zum Nachdenken produziert.
Martin, 1970 in Trippstadt geboren, fotografiert, filmt und bastelt, denn er bettet seine Videos meistens in andere Gegenstände ein. So bekommen sie eine zusätzliche Dimension, und der Betrachter hat etwas zum Staunen, zum Nachdenken, oft auch zum Schmunzeln. In der Zweibrücker Formart-Galerie sind zurzeit drei seiner Werke zu sehen, in einer Ausstellung gemeinsam mit seinem in Kunstkreisen bekannteren Bruder, dem Maler Franz Martin.
Das erste Video kann man übersehen, weil alles Grau in Grau ist. Im Aufgang der Wendeltreppe in der Galerie hängt ein Monitor mit einem Video in Endlosschleife: Ein Mann – man sieht ihn nur von hinten – geht eine Metalltreppe hoch, die fast so aussieht wie die Galerietreppe, sie ist es aber nicht. Unmerklich wird aus der statischen Treppe eine Rolltreppe, unmerklich, weil die Stufen genauso hoch sind, weil das metallische Grau dasselbe ist. Dann fällt auf, dass der Treppengänger fehlt. Doch er kommt wieder, aber auf der normalen Treppe. Die Mechanik der Bewegung, die Mechanik des Blicks, die Monotonie des Lebens: je länger man hinschaut, umso mehr kommt man ins Grübeln.
Die zweite Arbeit kann man aus einem anderen Grund übersehen: Das Videobild ist nur so groß wie ein Handybildschirm. Es steht in einem kleinen dunkelbraunen Koffer, relativ hoch auf einem Tisch, der umstellt ist von Bildern. Zu sehen ist eine der typischen gelben Berliner U-Bahnen, die U5, die gerade am Alexanderplatz hält, die Wagentür ist offen, Menschen steigen ein und bewegen sich im Zug. Noch eine Endlosschleife, denn der Zug fährt nicht ab, er bleibt stehen. Das Video assoziiert Reisen und Fortkommen – wegen der Umgebung, wegen des kleinen Koffers. Doch Koffer und Bahn bewegen sich nicht. Wer denkt da nicht sofort an die Unpünktlichkeit der Bahn?
Die dritte Arbeit hat ihren Kontext, ihren Raum, ihre Umgebung, gewechselt. Im Vorjahr war sie in der Kreisgalerie in Dahn in einer Türfüllung zu sehen, nun hat Christof A. Martin sie in die Glaswand zur Küche der Galerie eingebaut: Sie bekam einen neuen weißen Holzrahmen, den Martin so lackierte, dass er zu den weißen Sprossen der Glaswand passt. Der Monitor wurde so perfekt eingepasst, dass man ihn wiederum erst auf den zweiten Blick wahrnimmt und dann in Urlaubsstimmung kommt: Meereswellen mit Schaumkronen bewegen sich, sie kommen am Sandstrand an und fallen wieder zurück, dazu kommt Meeresrauschen (alle Arbeiten von Martin haben eine Geräuschkulisse). Gefilmt hat er 2019 in Étretat in der Normandie, verrät der Künstler.
Die Videos entstehen bei ihm zu Hause in Kaiserslautern, in einem Raum voller Monitore, Tische und Gehäuse. In den kleinen Grill will er einen Monitor einbauen mit einem Küken, das dort ausgebrütet wird. Üblich ist eher das Gegenteil: dass im Grill ein Hühnchen gebraten wird. Bevor man weiter darüber nachdenken kann, bittet der Künstler ins Bad. Auf der Waschmaschine steht ein Gobelinbild im braunen Holzrahmen, eine Waldszene. Doch Martin hat ein Loch in das Bild geschnitten, mitten in einem Baum, und ein Handy eingesetzt. Das zeigt genau das, was ausgeschnitten ist, Zweige eines Baums, aber in real, nicht gestickt. Soll heißen, die echte Natur ist besser – zumal man dazu Vogelgezwitscher hört.
Martins größte Mixed-Media-Arbeit ist 2,40 lang, ein aus mehreren Aufnahmen zusammengesetztes Foto eines langgezogen Mietshauskomplexes in Lettland im Winter. Eigentlich wohnt da niemand, aber Martin hat eines der Fenster ausgeschnitten und zeigt nun darin eine Frau, die tanzt, die Musik dazu hört man natürlich auch. Unverhofftes Leben in der Ödnis im Winter, denn rund ums Haus mit den vielen Fenstern liegt Schnee.
Martin nimmt eine Realität, filmt sie und verschiebt sie durch Bild-im-Bild-Aktionen. Dadurch entsteht eine neue Realität, alles wird atmosphärischer, interessanter, nachdenklicher. Ähnliches gilt für die Geräusche, die er dazu setzt: „Die Töne, die machen die Präsenz, die machen das Optische interessanter, du beobachtest etwas doch ganz anders, als wenn es still wäre“, sagt Christof Martin.
2020 fing er an, Video zu filmen, mit seiner Kamera und auch mit seiner Drohne, und das Gefilmte in andere Kontexte und Räume einzubinden. Seit etwa fünf Jahren erst stellt er auch aus. Daneben betreibt Martin, der gelernte Elektroniker, der einen ganz anderen Hauptberuf hat, noch eine Form von Kunst: Fotografien mit 360-Grad-Effekt. Das bedeutet, dass Teile verdoppelt und andere verzerrt werden, was subtile Verfremdungseffekte ergibt, etwa wann Martin die Kaiserslauterer Pfalzgalerie mit dem großen Stein davor verbindet. 2019 nahm er sich den Kaiserslauterer Hauptbahnhof vor und auch dem Humbergturm.
Er reist viel, den Montblanc hat er in Ausschnitten fotografiert und neu zusammengesetzt, das neue Museum in Oslo, viel in Berlin, die Völklinger Hütte. Doch er hat schon etwas Neues im Auge: Filme mit Virtual Reality-Komponente, bei denen der Betrachter nicht mehr auf den Ausschnitt beschränkt ist, den der Künstler festlegt, sondern überall hinsehen kann. Die VR-Brille nebst zwei Bedienungen liegt schon auf dem Schreibtisch ...
Info
Christof A. Martin, Media Mix Arbeiten, Zweibrücken. Galerie Formart im QHof, Höhenstraße 6, bis 5. Juli, zusammen mit Malerei seines Bruders Franz Martin, Besichtigung nach Vereinbarung unter Telefon 06337 921112.
Finissage: 5. Juli, 11 Uhr, im Beisein der Künstler.
Info: christofmartin.de