Zweibrücken
Booze oder Muffel? Wie’s die Fraktionschefs mit Fasenacht halten
Pascal Dahler (CDU) ist ein großer Freund des närrischen Treibens. Er versucht nach Möglichkeit, nicht nur Zweibrücker Veranstaltungen mitzuerleben. Auch Prunksitzungen im Fernsehen interessieren ihn, vor allem „Mainz bleibt Mainz“. Was Dahler als Kind jedoch nicht mochte, waren Kostümierungen. „Meinen Eltern ist es gar nicht leichtgefallen, ein Bild zu finden, wo ich vermoddelt war“, erzählt er schmunzelnd. „Auf dem Foto haben sie mir eine Tracht übergezogen. Das hat funktioniert.“
In Dahlers Erwachsenenleben ist das anders. Zum Beispiel, wenn er mit Freunden nach Köln fährt. Wie in die Köln-Arena, am 11.11. Die Verkleidungen der Gruppe stehen jährlich unter einem Motto. Mal waren sie Panzerknacker, diesmal sind sie Mainzelmännchen. Heiliger als der Fasching ist Dahler der 1. FC Kaiserslautern. Nachdem der endlich wieder in der Erfolgsspur ist, reist der Fan den Roten Teufeln auswärts nach, wann immer es geht. Deshalb fehlte Dahler wegen wichtiger Auswärtsfahrten nach Hannover und St. Pauli bei einigen Prunksitzungen daheim.
In Kurt Dettweilers (FWG) Erinnerungen spielt Fasching nahezu keine Rolle. „In meiner Kindheit hat Fasching eigentlich gar nicht stattgefunden. Da gab es wohl mal was im Mittelbacher Sportheim, wo man dann hingegangen ist. Aber ansonsten habe ich keine Erinnerungen. Ich war nie ein großer Fasenachter. Ich bin ja 1955 geboren. Das war eine andere Welt. Wir waren vielleicht mal auf dem Umzug. Aber selbst daran kann ich mich nicht erinnern. Das ist so lange her. Meine Eltern hatten eine Landwirtschaft. Da war man schaffen, da sind wir mit aufs Feld gefahren. Meine Eltern hatten gar keine Zeit, um mit uns auf den Fasching zu fahren. Ich hatte eine schöne Kindheit, würde ich sagen. Aber Fasenacht hat für mich erst später angefangen, da war ich schon bei der Feuerwehr. Ich habe Dienst in der Festhalle geschoben, mit 18.“
Ab und an fuhr Dettweiler mit seiner Frau zum Fasching nach Köln, „aber nicht zum Umzug“. So richtig gefeiert hätten sie Fasching nie. „Wir waren in der Festhalle tanzen. Und mittlerweile nehmen wir mit den Freien Wählern am Umzug teil. Dieses Jahr zum dritten Mal“, so Dettweiler.
„Wenn ich meine Erinnerungen an Fasching in drei Schlagworten zusammenfasse, dann waren das in meiner Jugend die Verkleidung, der Umzug – der war immer Pflicht – und der Kinderfasching in der Festhalle. Das waren meine Fixpunkte“, sagt Stéphane Moulin (SPD). Hatte er als Kind ein Lieblingskostüm? „Das weiß ich gar nicht mehr. Ich kann mich aber erinnern, dass ich alle klassischen Verkleidungs- und Kostümvarianten hatte. Vom Clown über Cowboy, Indianer und Pirat war eigentlich alles dabei.“ Heute stehe das Verkleiden nicht mehr ganz oben auf der Prioritätenliste, freue er sich eher auf den organisierten Fasching. „Ich gehe auf die Sitzungen unserer Karnevalsvereine. Ich finde es wichtig, ihre Arbeit zu unterstützen, für das, was da auf die Beine gestellt wird.“ Der Umzug sei immer noch Pflicht, „jetzt halt aus der Perspektive des Teilnehmers“. Seit er erwachsen ist, verfolgt Moulin auch das närrische Treiben im Fernsehen. „Hauptsächlich die Mainzer Fasnacht. Weil die mir wegen ihrer politischen Ausrichtung am sympathischsten ist.“
Fasching in der Jugend? Das gab es bei Nobert Pohlmann (Grüne) nicht. „Wo ich aufgewachsen bin, in der Nähe von Osnabrück, gab es keine Faschingstraditionen. Man sprach zwar von Karneval, meine Eltern sahen sich ,Mainz bleibt Mainz’ im Fernsehen an. Und am Rosenmontag gab es Berliner. Das war’s. Möglicherweise waren die Geschäfte bei uns am Rosenmontag-Nachmittag geschlossen. Ich weiß es nicht mehr. An Faschingsveranstaltungen irgendwelcher Art erinnere ich mich nicht, auch wenn ich möglicherweise mal mit Cowboyhut und -weste in die Schule gegangen bin. Konkret weiß ich dazu nichts mehr; es hat offenbar keinen Eindruck bei mir hinterlassen.“
Nun lebt Pohlmann in Zweibrücken. „Ich bin ja schon länger in der Pfalz. Insofern habe ich natürlich auch die eine oder andere Faschingserfahrung gemacht. Ich habe gelernt, dass Fasching hier ein Kulturgut ist. Trotzdem habe ich Faschingsveranstaltungen weitgehend gemieden. Eine Prunksitzung habe ich mal mitgemacht, das war ganz okay. Aber einmal hat genügt“, erzählt Pohlmann schmunzelnd. Zum Umzug gehe er hin und wieder. „Da er von der Stadt veranstaltet wird, sehe ich mich als Stadtrat in der Pflicht, ihn mir anzugucken.“ Den Sturm aufs Rathaus versteht er „als todernste Sache“. Es gehe darum, das Rathaus zu verteidigen gegen die Karnevalisten. „Und am Ende gibt es Orden von den Faschingsvereinen. Ich habe die Orden immer als Auszeichnung verstanden, für tapfere Verteidigung des Rathauses.“
Die Partei wurde als Satirepartei gegründet. Aaron Schmidt sitzt als alleiniger Vertreter für sie im Zweibrücker Stadtrat. Wie war denn sein Verhältnis zu Fasching, als Kind? „Ich bin in Mainz geboren. Aber damals durfte ich noch keinen Alkohol trinken und damit ist die Frage doch beantwortet, hoffe ich.“ Jetzt darf er ja schon lange Alkohol trinken. Wie steht Schmidt heute zu Fasching? „Jetzt trinke ich keinen mehr.“ Weshalb die tollen Tage für ihn „kein großes Thema mehr“ seien. Was ebenfalls für seine Partei gilt. „Ich muss zugeben, wir hatten sogar mal kurz überlegt, beim Umzug selbst was zu machen. Damit das Ganze tatsächlich mal einen politisch-satirischen Anstrich bekommt. Weil das beim Fasching ja irgendwann mal so gedacht war. Wir haben es uns aber dann anders überlegt. Weil wir einfach nicht genug trinken. Und dann macht das keinen Spaß mehr.“
Aus seiner Kindheit hat Ulrich Schüler (FDP) ebenfalls keine allzu wilden Faschingserinnerungen mitgenommen. „Tiefer hineingeraten bin ich eigentlich erst durch das Studium in Mainz. Der erste Fasching dort war spektakulär. Das bedeutete: Donnerstag tagsüber noch schnell eine Prüfung gemacht, dann umziehen, schminken. Wir sind bis Aschermittwoch an jedem Abend in einen anderen Vorort gezogen, haben dort gefeiert und uns dann irgendwo einen Platz zum Schlafen gesucht. Am nächsten Tag nachmittags in der Alkoholverdunstungsstunde umschminken und weiter ging es. Irgendwann später habe ich zwei Türen neben dem Präsidenten der Mainzer Ranzengarde gewohnt. Der wurde zum 11.11. immer mit einer Vierspänner-Kutsche und Funkenmariechen abgeholt, und damit ging die Session los.“
Heute trifft sich Schüler eher mit Freunden aus seiner Clique. „Großartig wegfahren, das mache ich nicht. Wenn, dann gehe ich zum Zweibrücker Fasching. Ich mag Fasching immer noch unheimlich gerne. Ich werde mich jetzt immer noch nicht in eine Ecke drängen, in der viel los ist. Aber endlich mal wieder dem Umzug zuschauen und vielleicht auch mal in die Vororte gucken. Das Leben fängt wieder neu an, und das muss man wirklich genießen.“
„Ich bin 1953 geboren. Damals waren noch die Amerikaner auf dem Flugplatz. Die waren auch ein Teil des Faschingsumzugs. Da hat es immer weißes und grünes Eis von den Amerikanern gegeben. Das war Blockeis und natürlich der Renner“, schwärmt Harald Benoit (AfD). Ein Kinderfoto zeigt ihn als Cowboy, „da war ich sechs, sieben Jahre alt. Ich habe mich an Fasching immer am meisten auf den Umzug gefreut. Weil wir uns dann verkleiden konnten“.
Als 14-Jähriger begann Benoit eine Ausbildung bei der BASF in Ludwigshafen. Damit war es vorbei mit dem jährlichen Umzugsbesuch. „Ich konnte nur alle drei Jahren dafür frei nehmen.“ Auch Veranstaltungen in der Festhalle besuchte der 69-Jährige gerne, „das war eine schöne Zeit.“ Jetzt feiert Benoit mit den Kindern seiner Geschwister. „Und diese Kinder haben jetzt auch schon Kinder. Natürlich gehen wir wieder auf den Umzug. Dabei stehen wir immer in der Lammstraße, seit Ewigkeiten am selben Platz.“
Ob die Vertreter der Fraktion Bürgernah den Fasching wieder genießen, war nicht herauszufinden. Beide im Stadtrat sitzenden Vertreter wollten sich zum Thema nicht äußern.