Zweibrücken
Biber Herrmann: Liebeserklärung ans Haus der Großeltern
Der Blues mit seinen ewig gleichen Akkordfolgen und seinen Wiederholungen kann eine verdammt langweilige Angelegenheit sein. Der Sänger und Gitarrist Biber Herrmann hat am Freitagabend in der Alten Feuerwache in Zweibrücken zwei Stunden lang den Blues gespielt. Langweilig wurde es dennoch nie. Weil er zwischen eigenen Stücken und uralten Bluesklassikern wechselte. Weil er immer wieder sanfte Folkstücke einstreute. Weil er so versiert spielte, dass man meinte, da sitzt nicht nur ein einziger Musiker auf der Bühne, sondern es sind mindestens drei. Und weil er ein großartiger Geschichtenerzähler ist.
Drei Gitarren hatte Biber Herrmann dabei, darunter eine 100 Jahre alte Wandergitarre, umgebaut mit einem Metalleinsatz wie bei einer Dobro. Schnell war klar: Immer, wenn er dieses Instrument zur Hand nimmt, kommt ein Klassiker, manche davon waren fast so alt wie die Gitarre selbst: „Come On In My Kitchen“ von Robert Johnson, „Little Red Rooster“ von Willie Dixon, das durch Muddy Waters bekannt gewordene „I Got My Mojo Workin’“.
Biber Herrmann klingt wie eine kleine Band
Bei der Eigenkomposition „Leaving Nothing But The Blues“ demonstrierte Herrmann, was es mit dem Fingerstyle-Spiel auf sich hat, das ihn klingen ließ wie eine kleine Band. Er griff und spielte so, dass die Bassläufe, die Rhythmusgitarre und die Solopassagen gleichzeitig zu hören waren oder sich so schnell abwechselten, dass sie eins schienen. Und das ohne Loopmaschinen oder andere elektronische Tricks, wie er später versicherte und ohne Verstärker und Mikrofon demonstrierte. Dazu stampfte er mit dem Fuß, klopfte mit Handballen oder Fingern auf den Korpus der Gitarre, spielte Mundharmonika und sang – und stellte sich deshalb auch im Scherz als sechsköpfige Band vor.
Dazwischen erzählte Biber Herrmann immer wieder Geschichten. Etwa die, wie ihn urplötzlich der legendäre Konzertveranstalter Fritz Rau anrief und sich so vorstellte: „Hier ist Fritz Rau, der die Rolling Stones nach Deutschland geholt hat.“ Mit dem mittlerweile verstorbenen Rau, der für seine Autobiografie warb, war Herrmann dann vier Jahre lang auf Lesereise. Oder die Geschichte, wie er zu seinem Namen kam: „Ich werde immer wieder gefragt: ,Ihre Eltern haben Sie doch damals nicht Biber genannt’?“ Haben sie nicht, aber damals in Lorchhausen am Rhein hatte jeder Junge einen Spitznamen. „Und mit Biber bin ich noch ganz gut weggekommen.“
Aufgewachsen am Rhein nahe der Loreley
Um sein kleines Heimatdorf nahe der Loreley ging es auch in der rührendsten Geschichte des Abends. Herrmann erzählte von seinem Großvater, 1896 geboren, ein Bäcker, der sieben Instrumente spielte. Und von dessen Haus, in dem der junge Biber und seine zwölf Cousins und Cousinen immer die Ferien verbrachten. Von dem Garten, in dem die Bohnen, Tomaten und Äpfel wuchsen. Von der Mansarde, in der die Kinder die alten Kleider der Urgroßeltern fanden und sich damit verkleideten. Vom Wohnzimmer, dem Salon, in dem das Klavier stand. Herrmanns „This Old House“, eine warmherzige Folkballade, ist eine Liebeserklärung an das Haus der Großeltern, geschrieben wenige Tage, bevor es verkauft wurde und nachdem er es ein letztes Mal besucht hatte.
Sein allererstes Solo-Konzert überhaupt – nach einer Winzerlehre und einer Zeit als Straßenmusiker – spielte Herrmann ausgerechnet in Erfweiler-Ehlingen im Bliesgau, 20 Kilometer von Zweibrücken entfernt. In einer Kneipe, in der die Flipper- und Dartautomaten auch während des Auftritts angeschaltet blieben. Niemand klatschte, und als auf einmal doch Applaus aufbrandete, galt er dem Dartspieler, der genau die Mitte der Scheibe getroffen hatte.
Vor 5000 Zuschauern zu spielen, sei leicht, zitierte er Bob Dylan. Vor 100, wie in Zweibrücken, sei dagegen schwer, weil man nicht vor einer Masse steht, sondern jeden einzelnen überzeugen muss. Mit Dylans „Tomorrow Is A Long Time“ beendete Biber Herrmann nach zwei Stunden seinen Auftritt. Er hatte es geschafft, die 100 Zuschauer zu überzeugen. Und den Blues zu spielen, ohne langweilig zu sein.