Kolumne: Ich sag’s mal so RHEINPFALZ Plus Artikel Böller weg – Lasst uns feiern wie die Dänen oder wie die Spanier

Mon dieu, les Allemands, ohne Ballern können die wohl nicht.
Mon dieu, les Allemands, ohne Ballern können die wohl nicht.

Silvesterbräuche anderer Länder sind oftmals weniger krawallig als unsere. Ganz schön schräg sind manche auch, und das gefällt unserer Autorin.

Was? Was haben Sie gesagt? Moment, ich höre so schlecht, kommt vom Feuerwerk an Silvester. Da hat’s wieder ganz schön gerummst und gewummst, und Ohrenstöpsel wollte ich nicht anlegen, damit ich nicht überhöre, wenn mir jemand ein frohes neues Jahr wünscht. Das waren dann gar nicht so viele, dafür rauscht’s jetzt in meinen Ohren als hätte ich eine Klospülung hinterm Trommelfell. Oder die Niagarafälle. Womit wir auch schon im Ausland wären, und da habe ich mal so überlegt und nachgelesen, was in anderen Ländern so passiert an Silvester. Ob da auch so ein Radau gemacht wird.

In den frühen 90ern war ich mal zu Silvester in einem Dorf in der Bretagne, weil mein Bruder dort eine Freundin hatte. Nach 14 Stunden Fahrt, es war Glatteis, wurde in der Dorfkneipe gefeiert, und um Mitternacht packte die deutsche Reisegruppe Böller und Raketen aus und feuerte los. Es dauerte ein paar Minuten, bis wir bemerkten, dass wir die einzigen waren und die Einheimischen uns mit großen Augen ansahen. Mon dieu, les Allemands, ohne Ballern können die wohl nicht, schienen ihre entgeisterten Gesichter zu sagen. Schnell zurück in die Kneipe zur Zwiebelsuppe, die dort um Mitternacht aufgetischt wurde. Was ja auch ein schöner Brauch ist. Und nicht ganz so laut.

Zwölf Weintrauben

Auch in anderen Ländern geht’s zur Begrüßung des neuen Jahres weniger krawallig zu als bei uns. In Spanien kriegt jeder um zwölf zwölf Weintrauben zu essen, zu jedem Glockenschlag eine, das soll Glück bringen. Ein Glück ist es ja schon mal, dass dazu Trauben ausgewählt wurden und nicht etwa Wassermelonen, was den Prozess unnötig in die Länge ziehen würde. So hat man schnell wieder Zeit, Rioja zu trinken oder was sonst noch so ansteht in der Nacht der Nächte. Die Klamotten sind egal, bis auf die Unterwäsche. Die muss rot sein an Silvester in Spanien. Warum? Weil auch das Glück bringen soll. Was natürlich Unsinn ist, Glück bringen bekanntermaßen allein Schornsteinfeger, Schweinchen, Hufeisen und Kleeblätter, aber woher sollten die Spanier das wissen.

Mexikaner, die im kommenden Jahr viel reisen wollen, so habe ich mir sagen lassen, rennen an Silvester um Mitternacht mit einem Koffer um ihr Haus. Dänen springen von Stühlen. In Ecuador verbrennen sie Puppen. In Schottland bringt die erste Person, die nach Mitternacht das Haus betritt, Glück – sofern es sich um einen dunkelhaarige Mann mit Whisky, Kohle, Salz und Shortbread handelt. Rothaarige Frauen sind nicht so gerne gesehen, ob mit oder ohne Whisky, sie bringen, man ahnt es schon, Unglück, jedenfalls bei den Schotten, so dass deren Jahr dann schon gleich von Anfang an versaut ist.

Lieber vom Stuhl springen

Bei mir ist erst mal das Innenohr versaut. Ich werde deshalb in der Familie und im Freundeskreis vorschlagen, dass man nächstes Silvester grenzüberschreitend begeht. Vielleicht auf dänische und/oder spanische Art. Kulturelle Aneignung? Mir doch egal. Wenn ich in roten Unterhosen vom Küchenstuhl springe, kann ich wenigstens nicht mich oder andere verletzten. Okay, vielleicht doch, aber nicht mit einem fehlgezündeten Böller. Und überhaupt, beim allgemeinen deutschen Silvester-Essen Raclette und Fondue ist es ja auch allen egal, dass beides in der Schweiz erfunden wurde. Wo übrigens in manchen Landesteilen an Silvester Maskierte lärmend durch die Gassen laufen. Dämonen vertreiben, Sie wissen schon. Auch das ein sehr vernünftiges Konzept. Jedenfalls besser als böllern.

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