Dummerstorf / Zweibrücken
Auch im Norden: Amazon strapaziert die Geduld
Für Amazon scheint es gar nicht groß genug sein zu können. 80.000 Quadratmeter – fast 15 Fußballfelder – groß ist dem Vernehmen nach das Logistikzentrum, das in kaum mehr als eineinhalb Jahren Bauzeit im „Gewerbegebiet Ostsee“ entstanden ist. Zum Vergleich: Der Gigant am Steitzhof misst 51.000 Quadratmeter. 2019 war der amerikanische Weltmarktführer im Online-Handel beim 7500 Einwohner zählenden Gemeindeverband erstmals aufgeschlagen. Dummerstorf liegt verkehrsgünstig an der Kreuzung zweier Autobahnen, A 19 und A 20, südlich von Rostock und damit auch in der Nähe des Seehafens. In Dummerstorf sollen auch Waren für und aus Skandinavien gelagert und umgeschlagen werden. Die ins schwedische Trelleborg pendelnde Reederei Stena Line ist mit im Boot. „Ich kann auch nur vom Hörensagen reden. Demnach will Amazon Mitte nächsten Jahres mit dem Betrieb beginnen, mit zunächst kleiner Mannschaft. 2026 könnten wir dann den Vollbetrieb sehen, 600 bis 800 Stellen“, sagt Axel Wiechmann, der Bürgermeister. Seit 2009 Gemeindeoberhaupt, war der CDU-Kommunalpolitiker von Anfang an in die Gespräche der Gemeinde mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern und Amazon einbezogen. War einbezogen. Denn seit dem Verkauf des Grundstücks und dem Baubeginn Ende 2020 fließen die Informationen seitens des Online-Händlers spärlich. Wenn überhaupt. 2022 sollte Betriebsaufnahme sein. Der äußeren Wahrnehmung nach ist das Zentrum fertig. Allein: Es tut sich nichts.
Bauherr Amazon vermeldet Wasserstände
Im Gegensatz zur Situation am Steitzhof ist Amazon selbst Bauherr in Dummerstorf, kündigte auch selbst eine Investition „in einem niedrigen dreistelligen Millionen-Bereich“ an – und beantwortete in dieser Woche sogar eine Anfrage der RHEINPFALZ: „Wir freuen uns, zukünftig mit unserem neuen Amazon-Logistikzentrum in Dummerstorf präsent zu sein, Hunderte attraktive Arbeitsplätze zu schaffen und aktiver Partner der Gemeinde zu werden. Der Bau eines neuen Logistikzentrums ist ein Großprojekt, bei dem eine Verzögerung des offiziellen Starts nicht gänzlich auszuschließen ist und viele verschiedene Aspekte mit in Betracht gezogen werden.“ Man sei aktuell dabei, weitere Planungen zu konkretisieren. Mit einem Teilbetrieb wolle man 2024 starten.
Zur Zukunft am Steitzhof äußert sich Amazon, wie berichtet, nicht. Anfragen an die Pressestelle des Weltkonzerns laufen ins Leere. Noch nicht einmal die mehrfach verwendete Standardformulierung, „Es bleibt dabei, dass wir keine Ankündigung für einen solchen Standort gemacht haben“, kommt seit Wochen und Monaten zurück. Bauherr auf dem Gewerbe- und Industriegebiet des Zweckverbandes Entwicklungsgebiet Flugplatz Zweibrücken ist tatsächlich auch nicht Amazon, sondern das US-Unternehmen Scannell. Das aber passgenau für den Mieter Amazon ein Logistikzentrum für sperrige Waren auf Contwiger Gemarkung errichtet hat. Geplant war die Übergabe an Mieter Amazon für Juni. Aber auch Scannell äußert sich nun nicht mehr, entkräftet kursierende Gerüchte, dass Amazon abgesprungen sei, auch nicht. Totales Schweigen an der Baustelle.
Weder Grundsteuer noch Gewerbesteuer
In Dummerstorf geht derweil ein anderes Gerücht um, Baumängel seien der Grund für die zweijährige Verzögerung. Bürgermeister Wiechmann will das nicht kommentieren. Auch er wunderte sich, dass Amazon nun nicht länger von mehr als 1000 entstehenden Arbeitsplätzen spricht, sondern nurmehr von Hunderten. Arbeitsplätze, die in der Region Rostock gebraucht werden. Dass aber die gigantisch anmutende Halle nachhaltig leer stehen wird, daran glaubt Wiechmann nicht. „Das wird sich auch Amazon nicht leisten können. So eine große Investition muss gewinnbringend arbeiten. Ob aber Amazon ganz oder nur zu einem Teil einzieht, und ein Dritter ins Spiel kommt, das halte ich für offen“, sagt der 58-Jährige.
Die Arbeitslosenquote im Landkreis Rostock liege längst nicht mehr bei den über 20 Prozent, wie bei seinem Amtsantritt vor 14 Jahren, sondern bei aktuell 5,6 Prozent. Und zusätzliche Arbeitsplätze würden die Sozialetats auch nicht zwangsläufig entlasten. Wiechmann: „Machen wir uns nichts vor, Amazon wird ausländische Kräfte anwerben.“ Trotzdem hofft der CDU-Politiker doch auf einen baldigen Betriebsbeginn. Denn noch flössen Dummerstorf weder Gewerbesteuer noch Grundsteuer zu. „Offiziell ist der Neubau noch nicht als fertig gemeldet. Damit fließt auch noch keine Grundsteuer, die ganz erheblich wäre.“ Mit nennenswerten Gewerbesteuerbeträgen rechnet der Bürgermeister ohnehin nicht. „Das weiß man ja von anderen Amazon-Standorten, das wird so gestaltet, da kommt nicht viel.“