Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Angelika Godaus neuer Roman ist eine Seniorenabschiedsreise

Das Cover stammt von Axel Aldenhoven.
Das Cover stammt von Axel Aldenhoven.

Eine Zweibrücker Autorin entführt ihre Leser in eine wundersame Welt. Es ist eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist, in der Glück und Trauer stets im Wechsel in den Gedanken brodeln. Und dann ändert sich alles.

Angelika Godau bietet in ihrem neuen Roman „Ach herrje!“ zusammen mit ihrem Co-Autor Axel Aldenhoven eine Geschichte voll großer Gefühle, Liebe – aber auch voller schwarzem Humor.

Reisende soll man nicht aufhalten – das gilt auch für das fast 90-jährige Ehepaar, das in seinem Oldtimer zu seiner letzten Reise aufbricht. Es ist eine Reise, um noch ein letztes Mal so richtig zu leben. Denn Jupps Frau Maggie hat Demenz. Damit Maggie die wohlige Vergangenheit ihrer Gedankenwelt weiterhin zu ihrer Realität machen kann, hat der 89-jährige Jupp die Zeit in ihrem Haus angehalten: Jeden Abend gibt’s, wie in den 80ern, die „Schwarzwaldklinik“, und vorher noch ein paar Sekunden der immer gleichen Nachrichten von 1987, die verkündeten, dass die Berliner Mauer „weiter erhöht“ wurde.

Noch ein paar Wochen

Die Autoren zeichnen von Maggie das zarte Bild einer Frau, die ihren Ehemann umsorgen will, es aber eben nicht mehr kann. So findet sich Senf und Erdbeermarmelade auf seiner Brotscheibe. Trotzdem weiß er all diese Gesten zu schätzen. Denn die Liebe zwischen ihnen spürt man die ganze Zeit über. Das ist der Pfeiler, auf dem das Buch aufgebaut ist. Denn: Jupp würde alles dafür tun, um seiner Frau noch ein paar schöne letzte Tage zu bescheren.

Dieser geplante Roadtrip führt die beiden ins Land der Joints. Jupp, der in seinem Berufsleben Arzt war und Kiffen immer verteufelte, will es noch mal so richtig krachen lassen. Denn während seine Frau mit dem geistigen Verfall zu kämpfen hat, schreitet dieser bei ihm in körperlicher Art voran: Jupp hat Prostatakrebs. Er weiß, die beiden haben vielleicht noch ein paar Wochen, um die letzten Züge ihres Lebens zu genießen. Und die will er voll ausnutzen.

Coffeeshop in Amsterdam

Das ist zugleich auch sein größter Fehler: Über Aachen fahren die beiden in ihrem alten Porsche nach Amsterdam, wo er einen Joint raucht, und sie „Space-Brownies“ isst. Völlig belämmert und in einen unfassbaren Zustand versetzt, der ihrer Demenz wohl nicht gerade zuträglich ist, steigt sie einfach in einen schwarzen Kombi vor dem Coffeeshop, als ihr Mann aufs Klo muss. Dumm nur, dass im Kombi Drogendealer ihr nächstes Geschäft eintüten möchten. Das Unheil nimmt seinen Lauf, und der Roadtrip Fahrt auf.

Die ersten 60 Seiten rasen dahin – das geht auch so weiter. Denn Godau und Aldenhoven haben aus einfachen Szenen Passagen voll literarischem Gold gesponnen. Es sind Sequenzen voller Emotionen und Gedanken.

„Schwarzwaldklinik“ in echt

Man nimmt jeden seiner Gedanken ernst, denn er ist – leider erst jetzt – ein liebevoller Ehemann, der seine Berufssucht bereut. Damals war er nur auf seine Karriere als Arzt fixiert und fuhr meist dorthin in Urlaub, wo er hinwollte. Deshalb will er jetzt seiner Frau ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen: Sie möchte die ZDF-„Schwarzwaldklinik“ mal in echt sehen. Das soll der Höhepunkt ihrer „Abschiedstour“ werden.

Zurück zum Anfang des Buchs: Als er seiner Frau von seinen Plänen erzählt, kriegt man Gänsehaut. Denn sie will direkt die Koffer packen. Sie vertraut ihrem Mann blind; und freut sich total. So finden sich Nachttischlampe und Klobürste in ihrer Tasche, und der Kaffee für unterwegs schwimmt in einer Blumenvase rum. Diese Passagen sind traurig, aber auch sehr unterhaltsam.

Witzige Momente

Das Autorenteam schafft es, in die Schwere des Loslassens und drohenden Todes eine nicht unerhebliche Portion Humor einzuflechten. Auch die Erlebnisse, die die beiden im Lauf der letzten Reise ihres Lebens machen, sind skurril und witzig. Am Ende ist ihnen sowohl die Polizei auf den Fersen – und die Familie, letzteres ist für sie vermutlich schlimmer. Dem Buch gelingt eine Balance zwischen Trauer und euphorischem Glück.

Die Idee der Geschichte ist nicht neu, die hat etwa Til Schweiger mit „Honig im Kopf“ schon vor fast zehn Jahren mit Dieter Hallervorden als dementem Opi ins Kino gebracht. Aber die Art der Erzählung im Buch ist einzigartig. Inspiration von Filmen oder anderen Büchern holen, ist ja nicht verboten. Oft verlassen die Autoren den Pfad der ausgetretenen und vorhersehbaren Handlungsstränge in dem Stoff über demenzkranke Roadtrip-Gefährdete. Sie schaffen mit Jupp und Maggie Figuren zum Liebhaben. Man kann sich gut in sie reinversetzen. Auch wenn man 65 Jahre weniger auf der Lebensuhr stehen hat.

Das Leben hinterfragen

Wenn man sich drauf einlässt, kann das Buch sogar ein Lehrmeister sein: Man hinterfragt das eigene Leben und wägt ab, ob man mit seinen Lieben genug Zeit verbringt – denn die Lebenszeit, das schwingt subtil mit, ist das kostbarste, was einem mit dem Leben geschenkt wurde.

Der Roman ist zum Liebhaben und Träumen, zum Lachen und Nachdenken. Die Autoren erzählen in den knapp 260 Seiten ein ganzes Leben. Sogar, wie Jupp seine Frau kennenlernt, wird herrlich süß beschrieben. Das Buch lässt einen mit einer Fülle von Gedanken zurück. Man freut sich über das Paar, das 61 Jahre seines Lebens miteinander verbringen konnte. Die Erleichterung, dass Jupp endlich geschnallt hat, dass die Zeit mit seiner Frau vergänglich ist, hallt auch noch Tage nach dem Lesen in einem nach. Und vielleicht sehen sie die „Schwarzwaldklinik“ am Ende ja auch noch.

Lesezeichen

Angelika Godau und Axel Aldenhoven, „Ach herrje!“, 278 Seiten, Selbstverlag, 2023, 12,99 Euro, auch als Hörbuch downloadbar.

Angelika Godau wurde durch ihre Krimis bekannt, nun hat sie etwas ganz anderes geschrieben.
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