Zweibrücken Am Ende könnte ein Medikament gegen Alzheimer stehen

Arbeitsgruppenleiter Professor Bernd Bufe (links) begutachtet die Labor-Ergebnisse von Lukas Busch.
Arbeitsgruppenleiter Professor Bernd Bufe (links) begutachtet die Labor-Ergebnisse von Lukas Busch.

Forscher an der Zweibrücker Hochschule haben eine Entdeckung gemacht, die zu einem Medikament führen könnte, das die Entstehung von Alzheimer aufhält oder verlangsamt.

Ganz vereinfacht gesagt: Wenn die Abwehrzellen des Gehirns auf ein bestimmtes Eiweiß treffen, entsteht ein Teufelskreis, der das Gehirn zerfressen kann. Die Entdeckung der Zweibrücker Forscher hängt mit diesem Eiweiß zusammen. Bis tatsächlich ein Medikament entsteht – falls das möglich ist –, dauert es aber zehn bis 15 Jahre. Für die Forscher geht es nun darum, Forschungsgelder und die Erlaubnis für Versuche mit Mäusen zu bekommen.

Die Hochschule erklärt die Entdeckung so: Schon länger wisse man, dass Amyloid-Beta, ein körpereigenes Eiweiß, im Gehirn eine zentrale Rolle für die Auslösung der Alzheimer-Erkrankung spielt. Lukas Busch, ein Doktorand in der Arbeitsgruppe von Professor Bernd Bufe, habe am Standort Zweibrücken der Hochschule Kaiserslautern neue Rezeptoren entdeckt, die viele verschiedene Amyloid-Beta-Varianten erkennen und daher maßgeblich das Erkrankungsgeschehen beeinflussen könnten.

„Lochfraß im Gehirn“

In der Meldung der Hochschule heißt es weiter: „Das Gehirn hat sein eigenes Immunsystem. So genannte Mikrogliazellen durchforsten das Denkorgan auf der Suche nach Eindringlingen oder Verletzungen. Treffen sie auf für das Gehirn schädliche Stoffe, werden sie aktiv und sorgen für Entzündungsprozesse. Dieser Mechanismus ist eigentlich eine gute Sache für die Abwehr von Krankheitskeimen und Giftstoffen. Doch wenn Mikrogliazellen auf Ablagerungen des körpereigenen Amyloid-Beta Eiweißes treffen, führt die Entzündung zu unwiderruflichen Schäden im Gewebe des Gehirns. ,Wenn das passiert, wird ein Teufelskreis an Schädigungsreaktionen ausgelöst. Nervenzellen gehen kaputt und es kann zu einem regelrechten Lochfraß im Gehirn kommen’, erklärt Professor Bernd Bufe den Vorgang.“

Die genauen Ursachen, warum Amyloid-Beta diese Schädigung auslöst, verstehe man bislang nur teilweise. Von dem Eiweiß gebe es mehr als hundert Varianten, und bislang seien nur zwei bis drei gut untersucht. Die Ergebnisse der Forschungsgruppe wiesen darauf hin, „dass es sehr wichtig ist, insbesondere die wenig untersuchten Varianten genauer anzuschauen“. Die Gruppe habe nämlich drei Rezeptoren identifiziert, die besonders viele dieser Varianten erkennen können. Einige davon kämen sogar noch viel häufiger im Gehirn vor als die bislang gut untersuchten Formen.

Schäden an den Nervenzellen

Derzeit sei die genaue Rolle der Rezeptoren im Gehirn noch unklar. Die Forschungsgruppe vermutete ein Szenario, nach dem einer der neu gefundenen Rezeptoren nach dem Kontakt mit Amyloid-Beta Entzündungsreaktionen auslöst, während ein anderer Rezeptor vermutlich bei der Eindämmung von Schäden an den Nervenzellen des Gehirns hilft. Nach den Messdaten der Arbeitsgruppe reagiere dieser aber erst bei größeren Mengen von Amyloid-Beta. Bis dahin könne im Körper schon viel Schaden entstanden sein. Deshalb könnte es sinnvoll sein, den hilfreichen Rezeptor medikamentös zu aktivieren und den schädigenden Rezeptor zu blockieren, um die Immunreaktion im Gehirn einzuschränken. Über den dritten Rezeptor, sei derzeit so gut wie nichts bekannt.

Für die weitere Untersuchung dieser Rezeptoren in Zellmodellen finde die Arbeitsgruppe am Campus Zweibrücken nahezu ideale Bedingungen vor. „Unsere Laborausstattung in der Arbeitsgruppe kann sich mit der von Leibnitz-Instituten messen“, ist Professor Bufe überzeugt. Nachdem sie die Reaktion der Rezeptoren bislang vor allem in Zellkultur-Versuchen untersucht haben, wollen die Zweibrücker Forscher in der nächsten Phase ihre Erkenntnisse in Versuchen mit Mäusen bestätigen.

Tierversuche als nächster Schritt

Wenn alles gut läuft, könnte am Ende ein Medikament stehen, das die Entstehung von Alzheimer aufhält oder verlangsamt, schreibt die Hochschule. Auf Nachfrage sagte Bernd Bufe, dass es zehn bis 15 Jahre dauere, bis ein solches Medikament auf den Markt käme. Das Zulassungsverfahren sei sehr kompliziert, und man müsse „in der Regel viele, viele Anträge stellen“. Dazu zählen derzeit die Anträge auf Forschungsgelder. Etwa 250.000 bis 300.000 Euro koste die weitere Forschung für die nächsten zwei bis drei Jahre – für das Gehalt eines promovierten Biologen, das Forschungsmaterial und die Kosten für die Mäuse, an denen im nächsten Schritt geforscht werden soll.

Da Studien von Kollegen bereits mit Tieren ermutigende Ergebnisse zeigten, beantrage die Gruppe derzeit Gelder für die weitere Forschung, „doch es ist leider in Deutschland zunehmend schwierig, Tierversuche genehmigt zu bekommen“, bedauert der Gruppenleiter. Zwar empfinde er es als sinnvoll, die Tiere so weit wie möglich zu schonen, doch er übt auch Kritik: Neue extrem strenge Antragsverfahren und lange unflexible Genehmigungsverfahren machten es den Wissenschaftlern in der Bundesrepublik zunehmend unmöglich, ihre Forschung in Tiermodellen weiterzuführen.

„Ich kenne einige Kollegen, die dieses Jahr ihre Tierversuchshaltung aufgeben müssen, da sie den bürokratischen Aufwand und die hohen Kosten nicht mehr bewältigen können, obwohl diese Experimente auch in den nächsten Jahrzehnten für die Medikamentenentwicklung unverzichtbar sein werden“, sagt Professor Bufe. Deshalb sei es erfreulich, dass es der Arbeitsgruppe bereits gelungen sei, „die renommierte Forschungsgruppe“ von Professor Frank Kirchhof von der Homburger Uniklinik für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Gemeinsam wollen die Forscher Entzündungsprozesse, wie sie für Alzheimer typisch sind, direkt im lebenden Mausgehirn beobachten und durch die Gabe von Rezeptorwirkstoffen die Entzündungsreaktionen lindern. Ob die Forschungsgelder und die Tierversuche genehmigt werden, wisse man im Sommer, schätzt Bufe. Bis dahin laufe die Forschung unabhängig von den Tierversuchen weiter.

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