Saarbrücken Am 26. März beginnt das einzige Free Jazz Festival in der Region

Zu den Höhepunkten des 6. Free Jazz Festivals 2020 in Saarbrücken gehörte das Ensemble Arashi.
Zu den Höhepunkten des 6. Free Jazz Festivals 2020 in Saarbrücken gehörte das Ensemble Arashi.

Wenn am 25. März, das Free Jazz Festival Saarbrücken seine Konzerte beginnt, geschieht nichts, was sich bequem konsumieren ließe. Stattdessen: Klang als Risiko.

Gegründet wurde das Festival 2015 aus der freien Szene heraus, nicht als Prestigeprojekt, sondern als Notwendigkeit, als „Kontrapunkt gegen die seelenlose Massenkultur“, wie es im „Manifest“ der Veranstalter heißt. Akteure wie der aus Zweibrücken stammende inzwischen 83-jährige Hans Husel, der über Jahrzehnte Performance, Bildende Kunst und Improvisation im Saarland vernetzte, und der international arbeitende Posaunist Christof Thewes schufen mit dem Verein Free Jazz Saar eine Plattform, die weniger Event als Labor sein wollte.

Mittlerweile hat sich das Free Jazz Festival Saarbrücken als ein international bekanntes Festival der improvisierten Musik etabliert. Schon mit der Namensgebung haben die Gründer signalisiert, was sich seit dem zweiten Jahr auch deutlich im Format widerspiegelt. Bei dem Projekt geht es nicht nur um ein vordergründiges, ästhetisches Wohlfühlevent, sondern auch um die Vermittlung einer ganz charakteristischen und jazztypischen Haltung. Sie kommt im Free Jazz in aller Radikalität zum Ausdruck ist und nicht nur eine Spielhaltung, sondern eigentlich eine Lebenshaltung. Weiter heißt es dazu in dem „Manifest“: „In musikalischer Hinsicht ist unsere Initiative sowohl ein Gegenentwurf zu den verflachenden Tendenzen des kommerziellen Mainstreams als auch zu den überintellektualisierten der sogenannten Hochkultur.“

Ein Festival fürs Risiko

Free Jazz, jener in den 1960er Jahren entstandene Aufbruch, war nie nur eine musikalische Stilrichtung. Er war eine ästhetische und politische Geste: die Aufkündigung harmonischer Hierarchien, die Suche nach kollektiver Freiheit, die Emanzipation des Künstlerischen vom Erwartbaren. Ob zur Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, in der DDR oder der westdeutschen Nachkriegszeit: stets war Free Jazz zugleich ein emotionaler Ausdruck der Unterdrückung als auch eine unbändige Freiheitsbekundung. In Saarbrücken wird diese Tradition nicht museal verwaltet, sondern als lebendige Praxis verstanden. Das Festival nicht als Ort der Repertoirepflege, sondern fürs Risiko.

Die Konzerte sind oft Begegnungen im wörtlichen Sinne: Musikerinnen und Musiker treffen erstmals aufeinander, ohne Proben, ohne festgelegte dramatische Bögen. Was entsteht, ist nicht reproduzierbar. Jeder Ton ist Entscheidung und Reaktion zugleich. Die Zuhörer werden Teil dieses Prozesses – nicht als Konsumenten, sondern als Zeugen. Wer kommt, weiß selten genau, was ihn erwartet. Und genau darin liegt die besondere Form von Aufmerksamkeit, die diese Musik verlangt. Dabei beschränkt sich das Festival nicht auf Konzerte. Filmvorführungen, Gesprächsformate und interdisziplinäre Projekte öffnen die Perspektive auf Improvisation als künstlerisches Prinzip. Tanz, Performance und bildende Kunst treten in Dialog mit Klang. Der Free Jazz erscheint hier als Haltung, nicht als Genre.

Mit Life-Action-Painting

Zu den internationalen Free-Jazz-Größen, die schon bei dem Festival in Saarbrücken aufgetreten sind, gehören Joe McPhee, Trevor Watts, Evan Parker und Gerry Hemingway. Die europäische Szene wurde widergespiegelt von Musikern wie Klaus Kugel, Thomas Borgmann und Günter „Baby“ Sommer, der zur ersten Generation europäischer Musiker gehört, die den Free Jazz eigenständig weiterentwickelten. Die Region repräsentierten Christof Thewes, Stefan Scheib, Martin Speicher und Tom Lengert. Aber auch Ensembles wie die Nu Band, das Kaluza Quartett oder Arashi waren schon in Saarbrücken zu hören.

Entstanden ist im Laufe der Jahre ein Festivalformat, das nicht nur aus einer Aneinanderreihung von Auftritten bereits eingespielter Formationen besteht, sondern neben solchen Konzerterlebnissen auch andere Zugänge eröffnet: Durch Live-Action-Painting von Jorgo Schäfer zu dieser Musik und Livemusikimprovisationen zu Experimentalfilmen wird auch die Verbindung von auditiven und visuellen Medien ausgelotet. Mit Hilfe von Dokumentarfilmen wollen die Veranstalter exemplarische Einblicke in die musikhistorischen, gesellschaftspolitischen und schöpferisch-ästhetischen Aspekte des Free Jazz geben. Diese werden ergänzt durch Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen.

Konzert auf dem Theaterschiff

In mehrtägigen Workshops für Anfänger und Fortgeschrittene kann die Kunst des Improvisierens unter Anleitung eines Freejazzmusikers selbst eingeübt und praktiziert werden. Bei eintrittsfreien Jamsessions in Szenelokalen gibt es die Möglichkeit, Festivalmusiker in nie dagewesenen Besetzungen auf eine sehr intensive Weise in einer familiären Atmosphäre zu erleben.

Regelmäßig sind es über 600 Besucher, mehr als die Hälfte davon auswärtig, die an den fünf Tagen das Festivals besuchen. Dabei erhalten die bildungspolitisch ausgerichteten Prologtage einen immer größeren Zuspruch. Auf dem Programm beim 11. Free Jazz Festival vom 25. bis 29. März stehen am Eröffnungstag unter anderem ein Gespräch mit Ulrich Stock über die Entwicklung des Free Jazz seit den 60er Jahren und ein Konzert mit dem luxemburgischen Saxofonisten Luciano Pagliarini, der von Joe Fonda am Bass, dem Drummer Peter Perfido und der Saxofonistin Ada Rave begleitet wird. Tags drauf spielen auf dem Theaterschiff Maria Helena der Festivalinitiator Christof Thewes (Posaune) und Volker Schütz (Oszilloskop). Thewes ist auch Teil der Swinging Berserks, die anschließend auftreten. Auch Ada Rave ist ein weiteres Mal zu hören– am Freitag, 27. März, im Sektor Heimat im Trio Bioluminus mit Aaron Lumley (Kontrabass) und Onno Govaert (Schlagzeug).

Info

freejazzsaar.de.

Posaunist Christof Thewes ist einer der Initiatoren,
Posaunist Christof Thewes ist einer der Initiatoren,
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