Zweibrücken 24 Minuten Gammastrahlen

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Auch das ältere Pärchen, das am Morgen zwei Karten bei Radio Salü gewonnen hatte und gar nicht wusste, wer da am Abend in der Saarbrücker Bel étage auftritt, amüsierte sich am Freitagabend gut zwei Stunden beim Konzert der Deutschrocker von Birth Control. Früher gehörten die fünf Musiker zur Bel Étage des Krautrocks, und noch heute gelingt es ihnen, ihr ausschließlich älteres Publikum mitzureißen. Ihre Musik hätte allerdings mehr als 120 Zuhörer verdient gehabt.

Ihre Glanzzeit hatten Birth Control in den 70er und 80er Jahren. Sie schafften als deutsche Band 1972 mit dem Album „Hoodoo Man“ den internationalen Durchbruch und tourten durch Europa. Drei Jahre zuvor waren sie noch als Begleitband von Michael Holm durch die deutschen Lande getingelt. Längst vorbei. Nach dem Tod der beiden Urgesteine Bruno Frenzel 1983 und Bernd Noske 2014 hatte sich die Band zweimal aufgelöst − und wurde zweimal reanimiert. Zuletzt im Laufe des Jahres 2014 von Martin Ettrich (Gitarre), Sascha Kühn (Keyboards) und Hannes Vesper (Bass). Die beiden Letzteren waren 1998 und 2000 zur Geburtenkontrolle gestoßen, Ettrich kam 2011. Drei gute Musiker, die den neueren Stücken des Albums „Here and Now“ den Stempel aufdrücken. Seit 2016 sind auch wieder zwei Größen der 70er Jahre mit dabei: der stets gut gelaunte, mittlerweile 68-jährige Sänger Peter Föller aus Ingelheim, der noch viel Energie auf die Bühne bringt und sich durch eine beachtliche Rockstimme auszeichnet, und der 66-jährige Saarländer Manfred von Bohr am Schlagzeug. Beim Saarbrücker Altstadtfest hatten sie im vergangenen Jahr schon Werbung für die Neubesetzung betrieben. Diese Fünf stehen für soliden Prog-Rock mit Jazzrock-Passagen. In der Bel étage interpretierten sie zehn Songs − in zwei Stunden. Das ist typisch für Birth Control: lange Stücke und viele instrumentelle Passagen. Den Kultsong „Gamma Ray“ (Gammastrahlen) − mit dem einleitenden Synthesizer-Geheul so unverwechselbar wie die Gitarrenriffs bei „Smoke on the Water“ oder bei „Final Countdown“ von Europe − dehnten sie mit der improvisierten, modernen Mittelpassage, die das Grundthema selten verlässt, auf 24 Minuten. Einfach großartig. Die Gammastrahlen stammen aus dem Album „Hoodoo Man“ von 1972 und sind der größte Hit von Birth Control. Legendär ist die Mittelpassage des Songs, die Bernd Noske mit seinen „Duddelideldi, duddelidelda“-Zungenfertigkeiten von 1972 bis zu seinem Tod 2014 über Generationen maßgeblich prägte. Ein Edelfan erteilte nach dem Auftritt hier Frontmann Peter Föller Nachhilfeunterricht. Von den älteren Stücken ragten „The Work is Done“ und „Titanic“ von dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1978 heraus. Drummer Manni von Bohr gab alles, als wolle er den 1912 gesunkenen Luxusliner nochmals versenken. Und wahrlich steuerte die Band musikalisch vereint die Titanic auf den Eisberg zu, ehe von Bohr das Schiff schließlich auf den Meeresgrund trommelte. Während das einstige Gründungsmitglied Hugo Egon Balder heute wieder im Fernsehen „Genial daneben“ moderiert, geht bei Birth Control nichts daneben. Die Stücke aus dem neuen Album „Here and Now“ wie etwa „Wasting my Time“ und „Lost in the Sea“ erinnern in Passagen immer wieder an Deep-Purple-Sequenzen mit einem Hauch Uriah Heep. Das hat überhaupt nichts mehr von Krautrock. Birth Control verändert sich und bleibt sich treu.

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