Speyer Zurück an den Verhandlungstisch
«Ludwigshafen.» Der Arbeitsbeginn wurde von 7 Uhr auf 6.55 Uhr vorverlegt. Eigentlich nur fünf Minuten Unterschied. Doch für einige Kollegen hieß es, dass sie einen wesentlich früheren Zug nehmen mussten, um pünktlich zu kommen. Gunther Kollmuß war damals in der Ausbildung zum Maschinenschlosser bei Schott in Mainz und ärgerte sich über „die einseitige Macht des Arbeitgebers“. Damals kam ihm zum ersten Mal in den Sinn, was ihn bis heute als Gewerkschafter antreibt: „Das Ziel, Arbeitsbedingungen in Betrieben zu verbessern.“ Seit Anfang November ist Kollmuß Bezirksleiter bei der IG BCE in Ludwigshafen. Und damit sehr glücklich. „Ich bin jemand, der stark in der Region verhaftet ist“, sagt der 51-Jährige, der von 2007 bis 2014 schon mal in Ludwigshafen gearbeitet hat, als Gewerkschaftssekretär bei der IG BCE. Zwischendurch war er drei Jahre lang in Hannover und dort als Projektleiter dafür zuständig, bundesweit ein sogenanntes System für Enterprise Resource Planning (ERP) einzurichten. Solch ein System soll den Ablauf bestimmter Prozesse verbessern und vereinfacht zum Beispiel die Mitgliederverwaltung. Während dieser Zeit ist er gependelt: zwischen seiner Frau, die bei der BASF arbeitet, dem Sohn (19) und der Tochter (21), die in Ludwigshafen-Süd leben, und der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Zwei Lebenswelten“ seien das gewesen, sagt er. Jetzt wurden sie wieder vereint. „Die Arbeit in Hannover war für mich eine gute Grundlage“, sagt Kollmuß. Nun wisse er, wie die vielen administrativen Prozesse ablaufen. Doch: Nach drei Jahren habe er sich wieder nach „originär politischer Gewerkschaftsarbeit“ gesehnt. Der Bezirk Ludwigshafen, den Kollmuß nun leitet, ist unter anderem auch für Betriebe in Frankenthal, Neustadt, Landau, Germersheim und dem Rhein-Pfalz-Kreis zuständig. Er hat etwa 34.400 Mitglieder – die meisten aller IG BCE-Bezirke. Wer unter den 55 betreuten Betrieben der dominanteste ist, keine Frage. Allein 20.000 Gewerkschaftsmitglieder seien der BASF zuzurechnen, sagt Kollmuß. Die Zusammenarbeit mit dem Chemiekonzern beschreibt er als „guten sozialpartnerschaftlichen Diskurs“. Mit der BASF hätten bereits viele Lösungen erarbeitet werden können. Das könne dann immer auch für kleinere Betriebe „Standards setzen“, sagt er. Und was hält er davon, dass die BASF in den vergangenen Jahren immer wieder neue Gesellschaften gegründet und Sparten ausgelagert hat, so wie 2016 mit den Pigmenten in die „Colors & Effects GmbH“ geschehen? „Das sehen wir kritisch. Da hat die BASF viel Vertrauen verspielt.“ Früher habe der Aniliner sicher sein können, wenn er bei der BASF eine Ausbildung macht, geht er dort auch in Rente. Das habe sich verändert. Andere große Unternehmen in Ludwigshafen, für die die IG BCE schon alleine ihres Namens wegen verantwortlich ist, sind die Pharma-Firma Abbvie und das Chemie-Unternehmen Raschig. Die Themen eines Gewerkschafters sind vielfältig. Natürlich geht es zentral um Tarifverhandlungen, aber auch um die Arbeitsbedingungen generell. Kürzlich haben die Wirtschaftsweisen eine Debatte über den Acht-Stunden-Tag und flexiblere Arbeitszeiten angestoßen. „Der Acht-Stunden-Tag muss als Anker bleiben“, sagt Kollmuß. Ansonsten steige der Druck, immer mehr Aufgaben abzuarbeiten – auch wenn die reguläre Arbeitszeit überschritten ist. Natürlich müsse flexibel auf den jeweiligen Mitarbeiter reagiert werden, aber „wir halten an einer grundsätzlichen Regelung fest“. Im Moment sind Kollmuß und seine Kollegen damit beschäftigt, die Betriebsratswahlen in zahlreichen Unternehmen vorzubereiten. „Das ist ein großer Abstimmungsprozess“, ergänzt er. Gewählt wird alle vier Jahre zwischen dem 1. März und 31. Mai. Und wenn sich Kollmuß, der auch SPD-Mitglied ist, nicht gerade für die Belange der Arbeitnehmer und Kompromisse mit Arbeitgebern einsetzt, ist er mit dem Mountainbike oder zu Fuß in der Pfalz unterwegs. Außerdem fotografiert der gebürtige Koblenzer gerne und sucht hin und wieder auch einen „handwerklichen Ausgleich“. Womit er dann wieder bei seiner Ausbildung zum Schlosser ist. Und beim Beginn seines Engagements für andere. „Ich wurde hier von ganz vielen Leuten positiv empfangen“, sagt Kollmuß. Darüber habe er sich sehr gefreut, ergänzt er lächelnd. „Aber das ist auch eine Verpflichtung.“ Die nimmt er sehr ernst.