Speyer Zum Sterben schön

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Zum Zeichen dafür, dass die Verstorbenen nicht vergessen sind, werden die Gräber mit Blumen und Kerzen geschmückt – besonders die Familiengrüfte der Sinti und Roma auf dem Friedhof. Hier findet sich zu Allerheiligen außergewöhnlicher Blumenschmuck.

Glänzender Marmor, rote Rosen und weiße Lilien, deren Duft in der Luft liegt: Auf dem Friedhof fallen die Familiengrüfte der Sinti und Roma sofort ins Auge. Unmittelbar am Eingang in der Wormser Landstraße zu finden, heben sie sich durch ihre aufwendige Gestaltung von den umliegenden Gräbern ab; gerade jetzt, zu Allerheiligen, ist der Blumenschmuck zum Preis eines I-Phones für vorderpfälzische Verhältnisse außergewöhnlich. „Hier ruhen in Gott unser lieber Vater Troyano Michael Kwiek (1.5.1886 - 13.3.1982) und unsere liebe Mutter Karolina Kwiek (10.5.1898 - 4.5.1963) – unvergessen“, lautet die Inschrift auf dem ältesten Grabstein; vor dem mit Säulen verzierten und von Kerzen flankierten Grab steht eine marmorne Bank. „1963 hat die erste Beisetzung eines Mitglieds der Familie Kwiek stattgefunden; insgesamt sind 33 Familienmitglieder in 20 Grüften beigesetzt worden“, informiert Wolfgang Tyroller, der seit 2006 auf dem Friedhof arbeitet, seit August als Verwalter – nicht lange genug, um zu wissen, warum Speyer so gefragt ist. Denn die Kwieks leben nicht hier, sondern sind über ganz Europa verstreut – wenn auch mit Schwerpunkt in Karlsruhe. „Wahrscheinlich wollen die Familienmitglieder – nach Karolina Kwiek und anderen in den 1960er Jahren – ebenfalls hier beigesetzt werden“, versucht sich Hartmut Jossé, Leiter des Standesamts und Friedhofs, in einer Erklärung – und fügt ganz pragmatisch hinzu: „In der Region gibt es wenige, die ausgemauerte Grüfte anbieten; Speyer ist eine der Städte mit einem solchen Angebot.“ Die ausgemauerte Gruft ist von zentraler Bedeutung, weil der Sarg – nach der Tradition der Sinti und Roma – keinen Kontakt mit Erde haben soll, wie Tyroller und Jossé aus den Verhandlungen mit den männlichen Kwieks über Kosten und Termine wissen. „Das ist für einen Bauunternehmer, der in der Regel zum ersten Mal eine Gruft ausmauert und gewährleistet, dass die Statik – für eine Nutzungsdauer von 50 Jahren – hält, ein heißes Eisen“, sagt Jossé mit Blick auf die zuletzt gebaute Gruft, als das Mauerwerk aufgrund der Kälte im Winter 2013 fast nicht schnell genug habe trocknen können. Denn drei Tage nach Eintritt des Tods, in denen der Verstorbene zu Hause aufgebahrt wird und die Familienmitglieder sich bei der Totenwache abwechseln, soll das Begräbnis stattfinden. „Und wenn der Termin feststeht, wird eine Telefonkette aktiviert; die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in ganz Europa, so dass Hunderte von Trauergästen erwartet werden“, erläutert Jossé. „Das haben wir sonst nie auf dem Speyerer Friedhof.“ Auch die Begräbniszeremonie ist anders, wie der katholische Pfarrer Hubert Ehrmantraut aus eigenem Erleben berichtet – „nicht hoffnungslos, sondern zum Leben dazugehörend“: Die Trauerrituale der Sinti und Roma dienen nicht dazu, dem Schmerz nur insoweit Ausdruck zu verleihen, als er die gängigen Konventionen nicht gefährdet. Sie zielen vielmehr darauf ab, der Schmerzbewältigung keine Grenzen zu setzen. So schaffen persönliche Gegenstände, die ins offene Grab geworfen werden, und musikalische Darbietungen eine besondere Nähe zum Verstorbenen. „Bei einer der vier, fünf Zeremonien, die ich gehalten habe, sollte eigentlich eine Blaskapelle zum Grab marschieren“, erinnert sich der Pfarrer. „Aber wir haben keine gefunden.“ Auch ohne Pauken und Trompeten seien die Zeremonien alles andere als leise, so Ehrmantraut schmunzelnd: je bedeutender der Verstorbene, desto lauter die Klagen der weiblichen Familienmitglieder in der Trauerhalle; nebenbei werde schon einmal mit dem Handy telefoniert, über den Lohn eines Sargträgers verhandelt und – statt Geld – ein Teppich als Gegenleistung angeboten. So ganz ohne „Zigeuner“-Stereotype geht es dann doch nicht – mehr noch: Der Tod bedeute die endgültige Sesshaftigkeit des „fahrenden Volks“, wie die Sinti und Roma – gläubige Katholiken, aber mit einer eher losen Kirchenbindung – früher im Volksmund auch genannt worden sind. Bei den Gräbern der Vorfahren versammle sich die ganze Familie – gerade jetzt, zu Allerheiligen. Und wahrscheinlich kommen auch viele Speyerer, um rote Rosen und weiße Lilien auf den Gräbern zu sehen.

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