Speyer Zen und Poesie an nüchternem Ort

In braunem Ledermantel mit Fellbesatz: Leonard Cohen schreibt vor der Speyerer Stadthalle Autogramme – fotografiert von unserem
In braunem Ledermantel mit Fellbesatz: Leonard Cohen schreibt vor der Speyerer Stadthalle Autogramme – fotografiert von unserem Autor.

In Kanada war er schon immer ein Held, in Europa stets mehr geschätzt als in den USA. Und im sogenannten „Land der Dichter und Denker“, war Leonard Cohen neben Frankreich, England, Spanien, Irland und Polen schon seit seinem ersten Konzert in Deutschland am 4. Mai 1970 in Hamburg erfolgreicher als im Rest der Welt. Im Januar 1985 hielt sich der kanadische Rockpoet aus Montreal gar drei Tage lang in der Speyerer Stadthalle für Konzertproben auf.

Cohen tat in Speyer das, was er immer vor umfangreichen Tourneen tat. Vor dem ersten Auftritt begab er sich in sogenannte „retreats“ oder „rehearsals“, um sich auf seine Konzerte vorzubereiten. 1985 „übte“ er in der altehrwürdigen Speyerer Stadthalle mit seiner Konzertband das Programm, das damals in der Regel 25 bis 26 Songs enthielt, bevor er drei Tage später seine Konzertreise antrat. Anlass war das im Dezember 1984 veröffentliche Album „Various Positions“. Das erste Konzert dieser Europatournee war für den 31. Januar 1985 im Mannheimer Rosengarten geplant. Von Mitgliedern des damals existierenden „Leonard Cohen Informations Service“ hatte ich gehört, dass der Kanadier sich in Speyer „eingebucht“ habe, um für die Europatournee zu „proben“. Ich hatte das Glück, ihn am Tag zuvor am Halleneingang zu treffen, und wurde eingeladen, mit in die Halle zu kommen. Cohen bei seinen Soundchecks zu erleben, was ich auch bei seinen letzten Tourneen mehrmals durfte, ist wie einem Hohepriester bei der Vorbereitung auf eine seiner Zeremonien beizuwohnen. Cohen, damals in schwarzem Nadelstreifenanzug, dunklem Pullover und schwarzem Stiefeln, verstand es, die recht nüchtern wirkende Stadthalle mit seiner Rockpoesie zu einem Ort der Andacht zu machen. Fast schien es, als habe er die Ruhe, die er zuvor in einem Zen-Kloster erfahren hatte, mit nach Speyer gebracht. Ich nahm irgendwo ganz hinten Platz. Fotos traute ich mich nicht zu machen. Cohen stimmte Songs wie „Who By Fire“ und „Bird On A Wire“ an. „Avalanche“ und „Chelsea Hotel“ spielte er allein an der Gitarre. An die genaue Reihenfolge bei der Probe kann ich mich nicht mehr erinnern. Auch ein neuer Song war damals im neuen Programm dabei: „The Law“ – und natürlich „Hallelujah“, der über 30 Jahre später mehrere 100 Mal gecovert worden sein sollte, was damals noch niemand ahnte. Bei „Hallelujah“ spielte seine Band mit Mitch Watkins und Ron Getman an der Gitarre, John Crowder am Bass und Richard Crooks am Schlagzeug, wie ich aus dem Programm erfuhr, das ich mir am nächsten Tag beim Mannheimer Konzert kaufte. Mit dabei und unheimlich freundlich war eine schwarzhaarige Frohnatur namens „Anjani“. Ihr engelsgleicher Gesang in der Stadthalle machte neben dem tiefen Timbre Cohens sofort warm ums Herz. 20 Jahre später produzierte er ihr Album „Blue Alert“, und Anjani Thomas war einige Jahre seine Lebensabschnittspartnerin. In Speyer waren sie damals „nur Freunde“, wie sie im Anschluss an die Proben sagte. Immer noch dezent im Hintergrund verbleibend, verließ ich die Halle, als die Musiker die Proben beendeten. Am Frühabend war es draußen schon dunkel und kalt, einige Fans warteten vor der Halle und baten um Autogramme. Cohen – in braunem Ledermantel mit Fellbesatz – und die Band nahmen sich Zeit für sie, unterschrieben mitgebrachte Schallplatten und unterhielten sich ein bisschen mit ihnen. Ich bedankte mich fürs Dabei sein dürfen. Ich erinnere mich noch, dass Cohen sagte, er sei diese Woche „direkt aus Montreal nach Deutschland geflogen“ und habe dafür zwölf Stunden im Flieger verbracht. Nach den Probenfuhren er und die Band ins Mannheimer Hotel „Maritim“. Cohen begegnete ich nach diesen – für mich sehr bewegenden – Momenten 1985 noch oft. Zuletzt im Oktober vor zwei Jahren in Los Angeles. Am 7. November 2016 starb er. Was bleibt, sind sein Zen, seine Poesie, seine Musik und eine schöne Erinnerung, wenn ich heute die Speyerer Stadthalle besuche. Der Autor Der Zweibrücker Christof Graf, Jahrgang 1963, ist Professor für Wirtschaft & Marketing an der ASW Berufsakademie des Saarlandes und Dozent für Marketing und Medien an der FH Diploma Nordhessen. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Bücher, insbesondere über Leonard Cohen. Im vergangenen April ist sein aktuelles Buch „Zen & Poesie – Das Leonard Cohen Lexikon – Band 1“ (Schardt-Verlag) erschienen. Im November wird Band 2 veröffentlicht.

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