Speyer
Willi Fix und sein Fotoarchiv: Speyers Seele eingefangen
1932 wurde er zum ersten Schützenkönig der Schützengesellschaft Speyer gekürt. Und gewiss war es das am Abzug bewiesene scharfe Auge, das Willi Fix zu einem genauen Beobachter seiner Heimatstadt werden ließ. Die Aufnahmen, die der leidenschaftliche Fotograf mit seinen Kameras gefertigt hat, sind ikonografische Ansichten, die das Bild von Speyer des vorigen Jahrhunderts geprägt haben. Doch nun hat sein Enkel, Bernd Fix, ein Zeitproblem: Wann endlich kann er sich dem umfangreichen Nachlass seines Großvaters widmen?
In einem Speyerer Sportgeschäft in der Wormser Landstraße, wo der 58-Jährige ein Studio als Textildrucker und Mediengestalter betreibt, schlägt Bernd Fix einige der zahlreichen Ordner auf, die Ausschnitte aus dem fotografischen Werk des Großvaters enthalten: ein Selbstporträt mit Motorrad und Freundin Luise, der künftigen Ehefrau, auf dem zugefrorenen Rhein 1929. Die Speyerer Schiffbrücke Ende der 1930er Jahre. Und natürlich: der Wartturm 1925, eine seiner ersten Aufnahmen. Einige der Fotografien sind im Geschäft ausgestellt.
Bilder von der Prozession 1930 sind zu sehen, bei der die Marienstatue nach päpstlicher Segnung in den Dom getragen wird. Oder von Reichspräsident Hindenburg, der nach einem Dombesuch aus dem Hauptportal tritt. Pferdekutschen auf Kopfsteinpflaster. Die Badeanstalt im Floßhafen 1948. Eine Dampflok, die quellend weiße Wolken ausstößt. Brezelfestumzüge. Und das Stadttor, an dem sich Mitte der 1950er-Jahre ein Verein mit einem Banner für die Sanierung einsetzt: „Rettet das Altpörtel“.
Fotobücher früher und heute
Auf den Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt sich Speyer im Wechsel der Jahreszeiten: mal tief im Schnee vergraben, mal in blühender Frühlingsatmosphäre. Es sind obendrein historische Dokumente darunter, die Veränderungen im Straßenbild oder in der Bebauung nachvollziehbar werden lassen. Sie spiegeln natürlich auch Zeitgeschichte: Fahnen mit Hakenkreuzen, die vor dem Speyerer Rathaus wehen. Die Trümmer der Rheinbrücke, die Willi Fix – verbotenerweise – 1945 ablichtete.
Viele der Fotografien sind den Domstädtern bekannt. Willi Fix hat sie über seinen Speyer-Kalender, der zwischen 1954 und 1993 mit wenigen Ausnahmen jährlich erschienen ist, publik gemacht. Auch in seinen beiden Auflagen des Fotobuchs „In Speyer unterwegs“, das er gemeinsam mit dem Speyerer Journalisten und Autor Peter Schmidt herausgegeben hat, zeigt die Domstadt ihre idyllischen Seiten; häufig erscheint sie romantisch verklärt. Und es ist gewiss die Liebe des Fotografen zu seiner Heimatstadt, die sich auf künstlerische Weise ausdrückt.
Experimentierfreudiger Künstler
Um ungewöhnliche Ausschnitte und optimale Aufnahmen zu erhalten, hat Willi Fix, der 1930 sein erstes Fotofachgeschäft neben der heutigen Polizeidienststelle eröffnete, eigene Kameras konstruiert. Legendär sind auch seine Luftaufnahmen, die er mit einem Ballon oder einem 20 Meter hohen Stativ gemacht hat. Auf diese Weise sind Perspektiven entstanden, die keinem menschlichen Auge zugänglich sind.
Willi Fix ist 1996 verstorben. Sein fotografisches und filmisches Erbe – so hat er den Bau der Schiffsbrücke auch in laufenden Bildern festgehalten – hat er seinem Enkel Bernd vermacht. Der kann gar nicht beziffern, wie viele Negative in seinem Besitz sind. „Es sind Tausende“, schätzt er. Vor 24 Jahren hat er damit begonnen, den Nachlass zu digitalisieren. Seit 2012 fertigt er auf Anfrage Poster oder Fotobücher an. Vor allem über Facebook, in das er des Öfteren alte Aufnahmen einstellt, erreichen ihn zahlreiche solcher Wünsche. Doch um alle Kisten und Ordner auszuwerten, fehlt dem Mediengestalter die Zeit.
Auch das nächste Projekt, ein Buch mit historischen Fotografien, denen heutige Ansichten gegenübergestellt werden sollen, ist über das Stadium eines „Hirngespinsts“ noch nicht hinausgekommen. Das Bedauern darüber ist Bernd Fix anzumerken. Zudem ein gewisses inneres Drängen, die wertvollen Hinterlassenschaften des Großvaters aus den Archiven ans Licht zu bringen. Viele Speyerer werden ihm die Zeit dazu wünschen.