Speyer Wie eingefroren

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In der Veranstaltungsreihe „Lebendige Erinnerung“ des Seniorenbüros mit den Speyerer Archiven hat Fotojournalistin Erika Sulzer-Kleinemeier gestern im Historischen Ratssaal ihren neuesten Fotoband „Eine Kamera für die Freiheit“ vorgestellt.

Der Band zeigt eine Auswahl ihrer Arbeiten aus mehr als 40 Jahren. Dazu haben zwei Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums, Marie Fischer und Rebecca Blum, sie zu den gezeigten Bildern interviewt. Eine passende musikalische Begleitung lieferte Jesse Saffering mit Protestsongs, vor allem von Bob Dylan, zur Gitarre. Erika Sulzer-Kleinemeier wurde 1935 in Rostock geboren, studierte Fotografie und Malerei in Karlsruhe und war ab 1967 als Fotojournalistin unterwegs. Seit 1976 lebt sie in Gleisweiler. Ihr erster Bildauftrag für eine Zeitung und auch das erste Foto im Bildband war die Beerdigung Konrad Adenauers im April 1967. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete sie für eine Reihe namhafter Zeitungen und Zeitschriften. Die gezeigten Fotos umfassen einen großen Teil der Geschichte der alten Bundesrepublik – darunter die Frankfurter Studentenrevolten, sehr viele Demonstrationen wie die gegen die Notstandsgesetze 1968 oder den Nato-Doppelbeschluss 1979 sowie Streiks der Gewerkschaften. Sulzer Kleinemeier ist keine kühl-distanzierte Chronistin. Gerade die Fotos kleinerer Szenarien zeigen, wo ihr Herz schlägt, etwa die Gastarbeiter-Fotos aus einer Ausstellung „Malochen für Deutschland“, die an Litfass-Säulen quer durch Frankfurt hingen: viel zu beengte Unterkünfte in abbruchreifen Häusern, verschwitzte, erschöpfte Arbeiter, die mit der Schippe die U-Bahn-Tunnels ausgraben, die aber auch fröhlich in der Kneipe tanzen können. Oder, sehr berührend, ledige junge Mütter mit ihren Kinderwagen vor dem Mädchenheim in Fuldatal, das wie ein Gefängnis wirkt, oder eine Jugendgruppe vor den Verbrennungsöfen in Dachau. Gerade in diesen Fotos zeigt sich ihr sicheres Gespür für den „richtigen“ Moment, der die Bedeutung des Ereignisses offenbart – wie eingefroren in der Zeit. Auch etliche Porträts von Personen der Zeitgeschichte sind darunter: Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen, Rudi Dutschke, Heinrich Böll, auch Ulrike Meinhof, damals noch brillante Journalistin, also vor ihrer Zeit als Terroristin. Entlarvend: ein siegessicher strahlender Kurt Georg Kiesinger zwischen fackelbewehrten CDU-Hostessen nach der Wahl 1969, als er sich noch als Wahlsieger sah – kurz ehe ihm die Koalition von SPD und FDP die Kanzlerschaft entriss. Schlussbild war, sehr passend, die betagte Witwe Ernst Blochs, wie sie fröhlich vor einem Friedensbild in Tübingen eine Zigarette raucht.

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