Stadtgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Wie das Fahrradfahren in Speyer begann

Speyer kann gut und gerne als „Stadt der Fahrräder“ bezeichnet werden: Das Foto zeigt Ständer vor dem Kaufhof in der Heydenreich
Speyer kann gut und gerne als »Stadt der Fahrräder« bezeichnet werden: Das Foto zeigt Ständer vor dem Kaufhof in der Heydenreichstraße.

Radfahren wird in Deutschland immer beliebter. Nach Angaben des Deutschen Zweiradhandelsverbands gab es vergangenes Jahr in Privathaushalten rund 79,1 Millionen Fahrräder, 15 Jahre vorher waren es 67 Millionen. In Speyer sind es etwa 55 000, schätzt Karl-Heinz Hepper. Er ist seit 2005 ehrenamtlicher Fahrrad-Beauftragter der Stadt.

Wie war es in der Frühzeit des Radfahrens? 1888 nahm der „chirurgische Instrumentenmacher und Optiker“ Daniel Mayscheider in seinem 1853 gegründeten Geschäft in der Heydenreichstraße 2 als erster Speyerer Händler Niedrig- oder Niederfahrräder nebst Zubehör in sein Angebot. Hochräder hatte er schon früher offeriert. Zudem bot er Fahrunterricht an, der „in wenigen Stunden kostenfrei auf Lern-Velozipeden“ zu absolvieren war. Wer der Erste war, der sich in Speyer auf ein Niederfahrrad wagte, ist nicht bekannt. Anders in Dudenhofen: Aus dem Archiv des dortigen Radfahrvereins geht hervor, dass ein Otto Grundhöfer um 1893 als Erster ein Niederrad hatte. Zusatz: „Er war des Radfahrens kundig und beherrschte auch das Fahren auf dem Hochrad“.

Die Speyerer konnten am 15. Mai 1890 darüber staunen, wie flott sich Menschen auf zwei Rädern bewegen können. Denn an jenem Donnerstag, einem Gautag des Deutschen Radfahrerbundes, führte eine Fahrrad-Tour über Edenkoben und Speyer nach Bruchsal. Der 1884 in Edenkoben gegründete Radfahrer-Verein am Haardtgebirg (ohne „e“) richtete ein Jahr später einen dieser Gautage aus, die Tour am 30. August 1891 begann in Speyer. Bewegt wurden Hochräder, Dreiräder, Tandems. Auf dem Hochrad siegte der Frankenthaler E. Hasemann, auf dem Niederrad Heinrich Common aus Pforzheim.

Ohne Dokument nicht Fahren

Wenige Jahre später, 1900, führte das Königreich Bayern, zu dem die Pfalz gehörte, die Radfahrkarte ein. Diese Bescheinigung war jedes Jahr neu zu beantragen, in Bayern anders als in Preußen ohne darauf die Körpergröße, Haarfarbe und besondere Kennzeichen des Inhabers zu vermerken. „Personen unter 18 Jahren benötigen die Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertreter.“ Ohne das Dokument durfte nicht „auf öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen Rad gefahren werden“. Bei Verstößen gab es Protokolle.

Im Speyerer Stadtarchiv finden sich auch Verfügungen des „Reichsstatthalters in der Westmark“ aus 1943. Unter dem Hinweis „Einschränkung des Fahrradverkehrs“ wird dem Oberbürgermeister mitgeteilt, „dass Fahrräder während der Dauer des Krieges nur in dringenden Fällen benutzt werden sollen. Die Schulleiter sind anzuhalten, auf die Durchführung dieser Anordnung dauernd zu achten.“

Kontrollen der Schutzpolizei

Der Speyerer Oberbürgermeister, in der Nazi-Zeit der Gaupropagandaleiter Ludwig Trampler, gab daraufhin dem Leiter der Schutzpolizei, Mollstätter, „zur Kenntnis, dass die Schupo zur wiederkehrenden Kontrolle des Radfahrverkehrs zu veranlassen ist. Dabei denke ich auch an die abendlichen Bummelfahrten der Jugendlichen auf der Hauptstraße.“ Den Grund erfuhr die Stadt in einem Schreiben der NSDAP. Darin wird „eindringlich darauf hingewiesen, dass mit Rücksicht auf die angespannte Rohstofflage auf dem Gummi- und Kautschukgebiet ein unberechtigtes Radfahren von Jugendlichen zu unterbleiben hat“.

In Speyer kaum bekannt sein dürfte, dass die Stadt auch einmal von einem Star des Radsports mitregiert wurde. Das war der aus Ludwigshafen stammende Sprint-Weltmeister Otto Meyer. Er „residierte“ 1923/1924 als Sozialminister der separatistischen „Regierung der Autonomen Pfalz“ im Regierungsgebäude der damaligen bayerisch-pfälzischen Kreishauptstadt Speyer. Nach dem Scheitern der „Pfalz-Befreier“, auf die im Speyerer „Wittelsbacher Hof“ ein Attentat verübt wurde, verließ Meyer die Pfalz. Seine Spur verlor sich in der Schweiz.

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