Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wie berührend die Verlegung von 16 Stolpersteinen für die Nachfahren ist

Sichtbares Andenken: Jonathan Roos (rechts) verlegt die Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus seiner Vorfahren in der Burgst
Sichtbares Andenken: Jonathan Roos (rechts) verlegt die Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus seiner Vorfahren in der Burgstraße.

Die Stolperstein-Initiative hat am Dienstag weitere 16 sichtbare Zeichen zur Erinnerung an Speyerer Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums am Kaiserdom und des Edith-Stein-Gymnasiums haben Biografien verlesen und die Steine vor den Häusern der Opfer eingelassen.

Historischer Rats- und Trausaal sind voll besetzt, als Angehörige, Freunde und Bekannte der früheren Einwohner die Räume betreten. Aus Speyer, ganz Deutschland und aus den USA sind sie angereist, um dabei zu sein, wenn ihrer Liebsten gedacht wird. Auf den Tag genau vor 84 Jahren, am 22. Oktober 1940, dem letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes, wurden 51 Jüdinnen und Juden in Baden und der Saarpfalz aus ihren Wohnungen getrieben, zunächst ins Lager Gurs und von dort aus ins Unvorstellbare deportiert. Viele von ihnen haben das Nazi-Regime nicht überlebt, sind ermordet worden oder an den Haftbedingungen der Konzentrationslager gestorben. Elisabeth Süßel und Ernst Mayer waren zwei von denen, die damals aus Speyer verschleppt wurden.

Andrang: Zur Verlegung der Stolpersteine sind die Bürger zahlreich erschienen.
Andrang: Zur Verlegung der Stolpersteine sind die Bürger zahlreich erschienen.

Maximilianstraße 96 und 78, Wormser Straße 8, Schützenstraße 7, Landauer Straße 60, Burgstraße 11: Das sind die letzten Adressen der Familien Roos, Blum, Mayer, Goldschmidt, Bonem und Süßel. 102 Stolpersteine wurden seit 2018 im Speyerer Stadtgebiet verlegt. Seit Dienstag sind es 118.

Bewunderung für den Mut der Angehörigen

Vom großen Schweigen über die Qualen, denen Angehörige ausgesetzt waren, berichten die Nachkommen, über das Tabu ihrer Schicksale. Cornelia Reiß, Großnichte von Betty und Eugen Blum, berichtet beispielsweise vom Überleben ihrer Tante im KZ Theresienstadt, vom Vater, der als „Mischling ersten Grades“ gedemütigt wurde. Peter Goldschmidt, Nachfahre der Brüder Kurt und Walter Goldschmidt, erzählt vom Vater, der das Gymnasium nicht besuchen durfte, zum Bäcker ausgebildet wurde und als Zwangsarbeiter in Frankreich war.

In der Landauer Straße wird seit Dienstag Eugen und Betty Blum mit den Steinen gedacht.
In der Landauer Straße wird seit Dienstag Eugen und Betty Blum mit den Steinen gedacht.

„Geschächtet wurde damals gegenüber der Gaststätte ,Halbmond’“. Eine Schülerin des Gymnasiums am Kaiserdom klärt die zahlreich Umstehenden vor der früheren Metzgerei, wo heute der „Kochlöffel“ in der Maximilianstraße zu finden ist, über jüdische Schlacht- und Essgewohnheiten auf. Vor dem Haus sind Stolpersteine verlegt für Flora Süßel sowie für Amalia, Margarethe, Franz und Hermann Bonem. Den Familien gelang die Flucht nach Amerika. Franz ist demnach als GI nach dem Krieg nach Speyer zu seiner früheren Adresse gefahren.

Schülerin verliest Familien-Biografie

Vor dem ehemaligen Stoffhaus in der Wormser Straße erfahren die Zuhörer von Nepomuk Blum, der bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Speyer aufgewachsen und zunächst auch zur Schule gegangen ist. Vater Eugen hat demnach bis zu den antidemokratischen und antisemitischen Ausschreitungen der Nazis 1933 als Rechtsanwalt gearbeitet. Lilly Alcantara verliest die Biografie der Familie, bevor Mitschüler Stolpersteine für sie verlegen. „Es ist hart, solche Geschichten zu hören und zu lesen“, sagt die 16-jährige Oberstufenschülerin der RHEINPFALZ. „Hier zu stehen, nimmt emotional sehr mit“, beschreibt sie ihre Gefühle vor dem Haus, in dem die Familie Blum zur Miete gewohnt hat. Lilly bewundert die vielen Angehörigen für ihren Mut, zur Stolperstein-Verlegung zu kommen, ihre Erfahrungen zu formulieren und damit ihre Vorfahren vor dem Vergessen zu bewahren.

Schülerinnen verlegen Stolpersteine für die Famiilie Blum in der Wormser Straße.
Schülerinnen verlegen Stolpersteine für die Famiilie Blum in der Wormser Straße.

Für Renate Herrling ist es die erste Stolperstein-Verlegung. Sie gehört der gleichnamigen Initiative noch nicht lange an. Sichtlich mitgenommen macht sie sich auf den Weg zur vierten Station in der Schützenstraße. „Den Nachfahren der Holocaust-Opfer so unmittelbar zu begegnen und ihre Gefühle zu teilen, erwärmt mir das Herz“, sagt die Ehrenamtliche, die sich in der seit sieben Jahren bestehenden Initiative für die Suche nach Opfern und ihre Familien und für die Organisation der Stolperstein-Verlegungen engagiert.

Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU) teilt die Sorge, wie sich die politische Situation auch in Deutschland entwickeln könnte, mit zahlreichen Speyerern, die sich an der aktuellen Stolperstein-Verlegung beteiligen. Umso wichtiger sei es, der Speyerer zu gedenken, die einem unmenschlichen Regime zum Opfer gefallen seien, betont Kabs. „Ihre Namen sollen sichtbar bleiben im Gedächtnis der Stadt.“

Zur Sache: Ein Amerikaner in Speyer

Zum vierten Mal ist Jonathan Roos mit Ehefrau Wendy in Speyer. Der US-Amerikaner aus Tempe im Bundesstaat Arizona will keine Stolperstein-Verlegung versäumen. Am Dienstag hat er vor dem Tor zur Villa in der Burgstraße 11 gestanden, in der seine Vorfahren gelebt und in der gleichen Straße eine Schuhfabrik betrieben haben. „Von 1802 bis 1942 haben sie hier gewohnt“, berichtet Roos. Als einer der jüdischen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg fühle er sich verpflichtet, das Andenken an seine verfolgten, verschleppten und ermordeten Angehörigen zu bewahren, betont der Senior im Gespräch mit der RHEINPFALZ: „Das alles bewegt mich sehr“, sagt Roos, die Augen voller Tränen. Gerade hat er weiße Rosen auf die Stolpersteine für Eugen und Alice Roos und ihre Tochter Nina gelegt. Sie seien von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden, berichtet er mit erstickter Stimme vom traurigen Schicksal seiner Vorfahren.

Vor dem wiederaufkeimenden Antisemitismus in Deutschland und Amerika will und kann Roos seine Augen nicht verschließen. „Bei euch ist es die AfD, bei uns Trump“, sagt er. Angst habe er keine, aber große Sorge vor rechten Strömungen, die auch die Universitäten erreichen könnten“, räumt er ein. Seine Hoffnung, dass ein weiterer Rechtsruck weltweit verhindert werden kann, will sich Roos erhalten und wiederkommen, wenn weitere Stolpersteine in der alten Heimat verlegt werden. „Ich bin fast schon ein Speyerer“, sagt er auf Deutsch und hofft voller Zuversicht auf eine Zukunft, die Opfer wie seine Angehörigen nicht vergisst.

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