Speyer Werke eines Hofglockengießers

Denkwürdiger Tag in der Geschichte Waldsees: die Weihe der neuen Glocken im September 1950.
Denkwürdiger Tag in der Geschichte Waldsees: die Weihe der neuen Glocken im September 1950.

«Waldsee.» Die Diskussion um die sogenannte „Hitler-Glocke“ in Herxheim am Berg hat über die Grenzen der Pfalz hinaus Wellen geschlagen. Auch wenn es im Speyerer Umland wohl keinen vergleichbaren Fall gibt, haben die Glocken oft bewegte Zeiten erlebt. Ihre Geschichten sollen in dieser Serie erzählt werden. Heute: die Kirchenglocken in Waldsee.

Eine Barockglocke schlägt noch – oder wieder – in Waldsee. Sie hat einen Durchmesser von knapp 80 Zentimetern und wiegt 356 Kilogramm. Die Glocke wurde 1796 vom Heidelberger Hofglockengießer Anselm Speck für die Waldseer Pfarrkirche St. Martin gegossen. Bis 1950 diente sie als kleinste im Geläute, bevor sie dann später in den Dachraum der Leichenhalle kam. Ihr „Handicap“ war, dass die Glocke nur von Hand mit Seil sowie nur schwer und unrhythmisch geläutet werden konnte. Da sie nicht mehr verwendet wurde, geriet sie auch schnell in Vergessenheit. Jahrzehnte später erinnerte man sich wieder an diese stumm gewordene Glocke, und nachdem sie fachmännisch untersucht und für immer noch gut befunden wurde, erhielt sie einen neuen, für schonendes Läuten richtig dimensionierten Klöppel sowie eine elektrische Läutemaschine. Seit November 2003 erklingt sie wieder im Turm der Friedhofshalle beim letzten Gang zur ewigen Ruhe sowie auch am Abend als „Friedensglocke“. Gestaltet ist diese Glocke kunstvoll im spätbarocken Stil: Sechs-Henkel-Krone, um die Schulter ein umlaufendes Zierfries aus Rollwerk und Blumenranken, darunter umlaufend die Gießer-Inschrift. In der Glockenmitte sieht man ein Relief der Heiligen Katharina, gegenüber das Zeichen von Waldsee, ein Kreis mit Querbalken. Wie in der RHEINPFALZ nachzulesen ist, herrschte in der Gemeinde große Freude darüber, dass „diese sympathisch und samt klingende Glocke nun wieder regelmäßig läutet“. Seit dem Mittelalter hatte die Gemeinde Waldsee die Unterhaltspflicht für den Kirchturm und musste daher auch für die Uhr und Glocken finanziell aufkommen. Ein Glöckneramt ist in der ältesten Kirchenrechnung von 1598 genannt. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden mehrmals neue Glocken geweiht. Zweimal seit Bestehen der Pfarrkirche St. Martin mussten die Bronzeglocken geopfert werden. Im Ersten Weltkrieg erfolgte die Ablieferung der Glocken am 19. Juli 1917, auch im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken für Kriegszwecke benötigt. Für die Bevölkerung war es jedes Mal ein schmerzlicher Verlust. Im Jahre 1950 erhielt die Gemeinde vier neue Glocken mit den Tönen dis, fis, gis und ais, die in Gescher in Westfalen gegossen worden waren und deren Weihe der Domkapitular Alfred Scheller am 3. September 1950 vornahm. In der ab 1953 neu erbaute protestantische Kirche in Waldsee schlägt eine Bronzeglocke aus Neuhofen. Auch sie wurde laut Inschrift von Anselm Speck in Heidelberg gegossen. Die 130 Kilogramm schwere Glocke wurde am 17. November 1954, einem Buß- und Bettag, in einem feierlichen Zug nach Waldsee überführt. Aufgrund der Enge des Dachreiters ist sie die einzige Glocke der Kirche.

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