Speyer „Wer viel entscheidet, macht auch Fehler“

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Lutz Wagner (53), früherer Bundesliga-Unparteiischer, heute Mitglied der Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bundes und der Lehrwart der deutschen Schiedsrichter, referiert heute Abend beim Schiedsrichter-Empfang des Rhein-Pfalz-Kreises in Dannstadt-Schauernheim (18 Uhr, Zentrum Alte Schule) zum Thema „Entscheiden in Stresssituationen“. Gäste sind noch willkommen. Martin Erbacher hat sich mit ihm unterhalten.

Wann haben Sie zuletzt eine Entscheidung in Stresssituation getroffen?

Vor zehn Minuten, ich komme gerade von der Eingangstür. Bei uns ist ein Lkw an einen Pfosten gefahren. Der Fahrer hat sich vom Unfallort entfernt, und nun geht der Stress los. Er muss gefunden werden und es auch zugeben. Vermissen Sie den Stress auf dem Fußballplatz? Gesunden Stress braucht man, um leistungsfähig zu sein, natürlich nicht permanent. Jetzt habe ich Stress auf anderer Ebene. Es gilt, die vielen neuen Regeländerungen schnellstmöglich von den Profis bis zu den Amateuren umzusetzen. Zuerst müssen wir das Wichtige von dem weniger Wichtigen trennen. Wann haben Sie den größten Stress empfunden? Meistens, wenn ich mir bei einer Entscheidung nicht hundertprozentig sicher war, wenn ein Restzweifel blieb. Wenn man von einer Entscheidung absolut überzeugt ist, kann man sie auch stressfreier vertreten. Welche größte Fehlentscheidung ist Ihnen in Erinnerung geblieben? Wer viel entscheidet, macht auch Fehler. Über meine könnten wir uns bis heute Abend unterhalten. Am meisten habe ich es bedauert, wenn jemand persönlich darunter zu leiden hatte. Ich habe mal einen Spieler zu Unrecht vom Feld gestellt, obwohl er mir seine Unschuld versicherte. Das bedrückt einen im Nachhinein sehr. Können Sie einem Kind raten, Schiedsrichter zu werden? Ich würde es jedem raten, es einmal auszuprobieren. Man sollte aber auch nicht zu früh damit anfangen. Ab 14 Jahren aufwärts ist sicher ein guter Zeitpunkt. Man braucht ein gewisses Verantwortungsgefühl. Sich für Werte einzusetzen, ist sehr, sehr gewinnbringend für die Persönlichkeit und das weitere Leben. Es sind auch sehr wertvolle Erfahrungen, die man dann auch in anderen Bereichen nutzen kann. Wird die Schiedsrichter-Leistung unterschätzt? Wenn Schiedsrichter auffallen, ist es meist, wenn sie Fehler machen oder diskussionswürdig entscheiden. Mich hat noch niemand gefragt, warum ich in der 35. Minute den Strafstoß so klasse gesehen habe. Meist ist die höchste Form der Anerkennung, wenn der Schiedsrichter überhaupt nicht genannt wird. Wer diese Tätigkeit ausübt, muss damit klarkommen. Wer gelobt werden will, sollte kein Schiedsrichter werden. Haben Sie mal in der Region gepfiffen? Zu Bundesligazeiten in Mannheim, im Pokal Pfeddersheim gegen Duisburg, als Duisburg überraschend Tabellenführer war, in Worms. Wenn ich freitags oder samstags gepfiffen habe, bin ich sonntags auch gerne in die Kreis- und Bezirksliga. Da ich aber zu einem Kreis im Taunus in Hessen gehöre, bin ich meist nur bis Guntersblum gekommen. Wer ist zurzeit der beste Schiedsrichter der Welt? Im Moment ist es in der Spitze ausgeglichen. Ich hoffe, die Europameisterschaft straft mich nicht Lügen. Unser deutscher Top-Referee Felix Brych hat höchstes internationales Niveau. Ob es für das Finale reicht, bleibt offen. Ich würde es ihm von Herzen gönnen. Es kommt immer auch darauf an, wie weit Deutschland kommt. Dann dürfen die Schiedsrichter der beteiligten Länder nicht mehr pfeifen. Man will allen Eventualitäten aus dem Weg gehen. Ein Schiedsrichter hat in einem solchen Spiel aber nur ein Ziel, es richtig zu machen. Der Niederländer Björn Kuipers sticht ebenfalls heraus. Er kann zudem alle Spiele leiten, weil sein Land nicht qualifiziert ist. Er befindet sich auf einem Niveau mit Brych. Beide zeigen einen respektvollen Umgang, wissen, wann sie laufen lassen können oder einschreiten müssen. Wie weit sollte der Videobeweis gehen? Zunächst einmal ist die Torkamera sinnvoll. Das sind Schwarz-Weiß-Entscheidungen. Entweder der Ball war drin oder nicht. Die Technik ist hier besser als das menschliche Auge. Das ist absolut zu begrüßen. Nun wird getestet, wie oft bei Torerzielung, Platzverweisen und Strafstoßszenen eingegriffen werden müsste. Es ist gut, dass das begrenzt ist. Denn dem Fußball darf aus meiner Sicht die Dynamik nicht genommen werden.

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