Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn die Erinnerung schwindet: Wie man mit Demenz-Erkrankten umgeht

 Die Anzahl von Alterserkrankungen wie Demenz steigt stetig.
Die Anzahl von Alterserkrankungen wie Demenz steigt stetig.

Die Menschen in Deutschland und der Pfalz werden älter, und damit steigt auch die Anzahl von Alterserkrankungen wie Demenz stetig. Wie Angehörige, Pflegende und Mediziner mit Betroffenen am besten umgehen sollten, wissen die Expertinnen Iris Sebastian und Hedwig Neu von den Diakonissen Speyer.

„Vor etwa 20 Jahren waren 40 Prozent der Bewohner von Senioreneinrichtungen von einer Demenz-Erkrankung betroffen, inzwischen sind es schon 70 Prozent“, sagt Hedwig Neu. Sie leitet seit 2005 das Autorisierte Zentrum für Validation in Wachenheim, eine Einrichtung der Diakonissen Speyer. Validation bedeutet allgemein Pflege, hier steht der Fachbegriff für eine von Naomi Feil (1932-2023) entwickelte Methode zum Umgang mit Personen, die an bestimmten Alterserkrankungen leiden.

Sieben Stadien

Demenz-Erkrankungen äußern sich im Schwinden geistiger Fähigkeiten. Nach Angaben des Informationsportals Alzheimer Deutschland der Ärztlichen Interessensgemeinschaft Alzheimer-Demenz-Therapie (TPS) lassen sich dabei sieben Stadien unterscheiden.

Die ersten drei Phasen verlaufen weitgehend unauffällig. Zu Beginn der Erkrankung gibt es noch keine Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerungsfähigkeit und Denkvermögen. Das zweite Stadium ist dadurch gekennzeichnet, dass zunehmend Namen und Gegenstände vergessen werden. In der nächsten Stufe kommt es zu Problemen beim Sprechen und die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab. All diese Symptome können allerdings auch gewöhnliche Begleiterscheinungen des Alterns sein.

Ab Demenz-Stadium vier vergessen Betroffene bereits Ereignisse, die sich erst kurz zuvor zugetragen haben. Die Erkrankten können ihren Alltag immer weniger selbstständig bewältigen. Denn es fällt ihnen zunehmend schwer, diesen zu organisieren. So bleiben Rechnungen unbezahlt, werden Einkäufe nicht oder nur unvollständig erledigt. Spätestens diese Veränderungen bemerken auch Angehörige und Freunde.

Unerledigtes aufarbeiten

„Es ist wichtig herauszufinden, welchen Grund die jeweilige Verhaltensänderung hat“, betont Hedwig Neu. Insbesondere bei einer Demenz-Erkrankung sei es das Ziel für Bezugspersonen wie Betroffene, miteinander in Beziehung zu kommen und zu bleiben. Die US-amerikanische Sozialarbeiterin Naomi Feil ging davon aus, dass alte, desorientierte Menschen danach streben, die unerledigten Aufgaben ihres Lebens noch aufzuarbeiten. Die Anwender der Validation nach Feil machen es sich zur Aufgabe, diese Menschen bei ihrer Aufarbeitung zu unterstützen. Hedwig Neu sagt, das Konzept der Validation umfasst neben Hinweisen zur Begleitung von Betroffenen, auch Informationen zur Vorbeugung der Demenz-Erkrankung.

Viel Zeit bleibt nach Krankheitsbeginn häufig nicht. Mit Stadium fünf setzt der fortschreitende Identitätsverlust von an Demenz erkrankten Menschen ein. Sie wissen oft nicht mehr, wer und wo sie sind. Auch Ehepartner, Angehörige und Freunde werden immer seltener von ihnen erkannt. Die Erkrankten sind nun auf andauernde Hilfe angewiesen.

Persönlichkeit geht verloren

In der nächsten Stufe löst sich die Persönlichkeit des Betroffenen immer mehr auf. Wahnvorstellungen, Misstrauen anderen gegenüber, Zwangsverhalten und Stimmungsschwankungen sind weitere Symptome einer schweren Demenz. Auch Inkontinenz, also der Kontrollverlust über das Entleeren von Blase und Darm, kann auftreten. Im letzten Stadium zieht sich der erkrankte Mensch immer mehr nach innen zurück, der Kontakt zur Außenwelt geht zunehmend verloren.

Tod als Teil des Lebens sehen

Die Validation ist ein Teil der Palliative Care, also der Begleitung schwerkranker Menschen. Iris Sebastian ist bei den Diakonissen Speyer zuständig für die Aus- und Fortbildung in diesem umfassenden Bereich. Ihr ist es wichtig, dass Sterben und Tod immer mehr von ihrem Makel als Tabu-Themen verlieren und stattdessen als Teil des Lebens begriffen werden. Die „Kultur der palliativen Pflege“ möchte die Pädagogische Mitarbeiterin beim Diakonissen Bildungszentrum in die Gesellschaft tragen. Die Workshops und Kurse der Diakonissen richten sich deshalb nicht nur an medizinisches und pflegendes Personal, sondern auch an Bürger. Über ihre vielfältigen Angebote informiert die Einrichtung im Netz unter www.fortbildung-extern.diakonissen.de.

Um sich über die Erfahrungen als Fachfrau oder -mann mit Kolleginnen und Kollegen auf internationaler Ebene auszutauschen, veranstalten die Diakonissen unter anderem Symposien. Die jüngste Fachkonferenz unter dem Titel „In Frieden sterben – Validation und Palliativ Care in der letzten Lebensphase“ war im Juni. Zu Gast war dabei auch mit Vicki de Klerk-Rubin die Tochter der jüngst verstorbenen Validationsgründerin. Sie hielt einen Vortrag über „Validation bei herausforderndem Verhalten“. Hedwig Neu sprach bei dem Symposium über „Identität im Wandel – wandelbare Identität“. Teilnehmer kamen nach ihren Angaben außer aus Deutschland aus der Schweiz, Österreich, Finnland, Dänemark und den USA.

Expertin im Umgang mit Demenz: Hedwig Neu.
Expertin im Umgang mit Demenz: Hedwig Neu.
Zuständig für die Aus- und Fortbildung: Iris Sebastian.
Zuständig für die Aus- und Fortbildung: Iris Sebastian.
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