Speyer
Weihnachten ohne Vater tut weh
Von „Ghosting“ ist immer häufiger zu hören. Soziale Kontakte werden abrupt abgebrochen. Schweigen ist die Folge. Für eine besonders tragische Spielart davon fehle jedoch die notwendige Aufmerksamkeit, sagt eine Mutter aus Speyer. Es geht ihr um den sogenannten emotionalen Elternentzug. „Er betrifft mehr Familien, als öffentlich wahrgenommen wird, und hinterlässt Spuren, die oft ein Leben lang begleiten.“ Sie will nicht erkannt werden, aber sie will aufrütteln. Vor Weihnachten. Und weil sie politischen Handlungsbedarf sieht.
Im Speyerer Fall ging die Ehe vor einigen Jahren auseinander. Es gab gerichtliche Klarheit über den Unterhalt und zum geteilten Sorgerecht. Doch der Vater habe sich völlig aus dem Leben seiner beiden Söhne – damals noch Grundschüler beziehungsweise im Teenager-Alter – zurückgezogen. „Ohne ein Gespräch. Ohne Erklärung. Ohne späteres Nachfragen.“ Der Mann habe nie mehr Interesse an den Erfolgen seiner Kinder in der Schule und an ihrem Aufwachsen gezeigt. „Geburtstage vergehen ohne Glückwunsch. Weihnachten ohne ein Zeichen“, beklagt die Mutter. Sie wolle nicht anklagen, sie wolle Aufmerksamkeit für die Belange der Kinder schaffen.
Jedes Jahr Hoffnung
„Jedes Jahr war da die Hoffnung, dass doch eine Karte zum Geburtstag kommt“, sagt die Frau. Sie habe ihre Erwartungen auch in einem Brief an den Vater formuliert, dieser habe jedoch nur über Anwaltsbriefe die Formalien regeln wollen. Nicht nur sie, auch die Kinder hätten darunter gelitten. Bei einem Sohn sei von Anfang an eine Therapie notwendig gewesen, auch der andere habe ein Trauma davongetragen und zeitweise unter Angstzuständen gelitten. Als Erwachsener habe er mit dem Thema abgeschlossen – „zum inneren Selbstschutz“, meint die Mutter.
Solche Fälle kämen weit häufiger vor, als öffentlich angenommen werde, sagt die Speyererin. „Viele Kinder trauen sich nicht, darüber zu sprechen, weil man von außen ja nichts sieht.“ Wenn Schulen, Vereine oder auch Kinderärzte sensibler dafür wären, könnten sie Kindern ein Gefühl geben, dass sie nicht allein sind, so die Mutter. Vom Gesetzgeber wünsche sie sich, dass emotionaler Elternentzug als eigene Form der Kindeswohlgefährdung anerkannt wird. „Dann hätten Kinder endlich das Recht auf Unterstützung und Begleitung.“ Und es wäre klar, dass ein Elternteil Verantwortung trägt, selbst wenn es schweigt.
Kinder sind nicht schuld
„Gerade bei Konflikten unter den Eltern, sei es Streit um das Sorgerecht, den Umgang oder auch beim Rückzug eines Elternteils ist es wichtig, den Kindern zu versichern und zu vermitteln, dass sie nicht Schuld an der Situation sind“, sagt Marlen Bauer, Leiterin des Caritas-Zentrum Speyer, in dessen Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung auch die Mutter und ihre zwei Söhne Hilfe erhalten haben.
In solchen Beratungen werde grundsätzlich ressourcenorientiert vorgegangen, sagt die Expertin für Soziale Arbeit. Gemeinsam mit den Kunden werde dann geschaut, welche Stärken in der Person und im System aktiviert werden könnten und welche Unterstützer es gebe. „Dabei richten wir den Blick nicht nur auf das Familiensystem, sondern auch auf Freunde und Verwandte.“ Kinder und Jugendliche hätten einen eigenen, kostenfreien Beratungsanspruch. Bauer sagt aber auch, dass der beschriebene emotionale Elternentzug in den Gesprächen im Caritas-Zentrum in der Ludwigstraße eher selten Thema sei. „Viel häufiger sind Beratungen während oder nach einer Trennung, bei der es um Umgangsregelungen geht.“
Stolze Mutter
Die Speyerer Familie feiert Weihnachten zu dritt. Es gehe in den Gottesdienst, dann zu Hause an den Baum mit Geschenken und Gesprächen, erzählt die Mutter. Es werde jedoch wie all die Jahre etwas fehlen. „Ich habe alles gegeben“, sagt sie über die Jahre mit ihren Jungs. Die beschriebene Lücke könne sie nicht füllen. Sie habe ihren zitternden Sohn zu Hause empfangen, wenn dieser in der Stadt zufällig seinem Vater begegnet sei und dieser sich abgewandt habe. Sie habe die „Was habe ich getan“-Fragen nicht beantworten können, die die Kinder gestellt hätten. Ihre Söhne hätten ihren Papa gebraucht, ist sie sich sicher. Ihre Seele habe gelitten. Das mindere nicht ihren Stolz auf sie: „Sie haben eine unglaubliche Stärke entwickelt, sind sehr einfühlsam und verantwortungsbewusst.“