Speyer
Weißt du noch? Drei Kollegen in Ulis Wohnzimmer
Drei Kollegen aus der Liedermachszene hat Uli Zehfuß kurz vor dem ersten Adventssonntag in sein Speyerer Wohnzimmer eingeladen. Unter der Stehlampe im Philipp eins saßen Linus Kleinlosen und Luis Schwamm (Duo Noth) und Kim Heinen auf der Bühne. Angereist waren die Künstler aus Hamburg, Köln und Koblenz. Die älteste Speyerer Gaststube ist fast überfüllt, als Zehfuß zum ersten Mal an diesem Abend zur Gitarre greift.
Der Singer-Songwriter beginnt mit der Liebe. „Wenn uns nur noch ein Wort bliebe – Liebe“ singt er so anrührend, dass im Publikum sofort die Stimmung Raum greift, die das gesamte Konzert überwiegend bestimmen soll, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor. Auch Zehfuß’ „Schwimmer in den Wellen“ ist voller Melancholie wie auch die Lyrik, die der Künstler vorträgt, bevor er Heinen ans Mikrofon bittet. Dass er auch in der Komik zu Hause ist, beweist der Speyerer Sänger mit dem Lied „Gut, dass wir schlauer als Hefe sind“ auf ganz besondere Weise.
Die Riffs der Koblenzer Liedermacherin sind stark und eingängig, ihre Stimme trägt, die Texte haben viel zu sagen. Für Kim Heinen beginnen Menschen, die sich mögen, zu leuchten. Auch ihr Thema ist die Liebe, aber auch die Heimat. Ihre Hymne auf Koblenz spricht von Sehnsucht und Wurzeln, von der Möglichkeit zurückzukehren, hat sie doch vor drei Monaten den Ort verlassen, in dem sie aufgewachsen ist.
Heinen ist in den Westerwald gezogen. Dort lebt sie mit ihrer Liebe und dem Kind in einem selbst gebauten Haus. Im Garten steht der Zauberbaum, an dem Kuchen, Limonade wächst. Heinen besingt das Wunder im Westerwälder Garten und den Glauben der Kinder an den Zauber der Fantasie gefühlvoll. Am Ende beschreibt sie die Farben des Lebens wunderschön melodiös. Heinens Stimme wirkt nach wie ihre Texte.
Das Duo Noth hat Gitarre, Saxofon, Piano, zwei ungewöhnliche Stimmen und einen Vierspur-Kassettenrecorder mitgebracht. Für Schwamm ist der Tag in zweifacher Hinsicht ein besonderer. Seine erste Soloplatte erscheint – und wieder kann er Zehfuß in Speyer besuchen, mit ihm gemeinsam musizieren und das Leben feiern.
Die Musik des Duos bleibt hängen
Zuletzt war der Singer-Songwriter im April vergangenen Jahres in der Domstadt und wird ganz sicher bald wieder vorbeikommen. Viele berufliche Wünsche haben Schwamm und Kleinlosen nicht mehr offen. Einen Traum hingegen haben sie sich noch nicht erfüllt. Duo Noth denkt fürs nächste Jahr über eine „coole Weihnachtsplatte“ nach. Die Musik des Duos trägt Traurigkeit in sich, erhebt sich über jede Oberflächlichkeit, bleibt hängen.
In „Wie schön“ singen die Liedermacher zweistimmig über Bürgerlichkeit, die dem Glück so oft entgegensteht, und werfen ihre Setlist zugunsten eines neuen Stückes kurzentschlossen um. Der Song über das, was nie geschehen, aber dennoch echt ist, heißt „Weißt Du noch?“. Er ergreift die Zuhörer musikalisch und emotional gleichermaßen.
Deutscher Indie-Pop mit neuen Nuancen
Kleinlosen bringt für „Die Wahrheit“, einen Ausschnitt aus der ersten Platte des Duos, sein wunderbares Saxofon zum Einsatz. Gemeinsam mit Zehfuß singt Schwamm eine poetische Beschreibung über den Weg, den der Künstler nehmen muss. Die Zeilen stammen vom 2015 verstorbenen Schriftsteller, Liedermacher und Kabarettisten Christoph Stählin. Ihm setzen Gast und Gastgeber mit „Der Trampelpfad“ ein Denkmal. Den Song „Wartungsarbeiten“ haben die Singer-Songwriter gemeinsam geschrieben. In Ulis Wohnzimmer tragen sie ihn, begleitet von stürmischem Applaus zusammen vor. Das Duo Noth verleiht deutschem Indie-Pop ganz neue Nuancen. In ersten Begegnungen ist der Abschied bereits inbegriffen. Traurigkeit attraktiv werden zu lassen, ist ein Ziel des Duos. Wahrlich, es ist ihnen gelungen. „Wir genießen unser Leben, auch wenn es mal nicht so läuft“, beschreibt Schwamm seine und die Einstellung seines Bühnenpartners und stimmt das nächste Abschiedslied an.
Am Ende eines ganz besonderen Besuchs in Ulis Wohnzimmer bilden Künstler und Zuschauer spontan den „Gesangverein Philipp eins“. Matthias Claudius’ Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ erfüllt die Gaststube mit Gesang, der Jahrhunderte überdauert hat. Vielleicht wie irgendwann Lieder von Uli Zehfuß, Kim Heinen und dem Duo Noth.