Harthausen
Wann ist die richtige Zeit für die Rente?
„Ich wollte von Anfang an so früh wie möglich in Ruhestand gehen“, gesteht Berthold Willy im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Nicht aus Frust, Ärger oder Unzufriedenheit im Job oder wegen Problemen mit dem Team. Im Gegenteil. Willy, von Beruf Informatiker, macht Karriere bei der Firma AbbVie. Als ihn Ende Juni 2024 seine Kollegen an seinem letzten offiziellen Arbeitstag zu seiner Überraschung mit dem Feuerwehrauto von zu Hause abholen und zur Abschiedsfeier in die Firma bringen, hat der 61 Jahre alte Harthausener alles erreicht, was er wollte.
Der Leiter der IT-Infrastruktur-Abteilung trägt von Ludwigshafen aus weltweit Verantwortung dafür, dass, salopp gesprochen, die Netzwerk-Verbindungen und die Rechenzentren laufen, die Sicherheitsmechanismen auf dem neuesten Stand sind und die Kommunikation funktioniert. Er koordiniert, coacht, plant und strukturiert – letztlich 24/7 bis auf die Urlaubstage. Er erlebt drei Umstrukturierungen von BASF Pharma zu Abbott und dann zu AbbVie. Willy berichtet seit über 20 Jahren ausschließlich an Vorgesetzte, die am Hauptsitz des amerikanischen Unternehmens in Chicago sitzen. „Mein Job war erfüllend, hat Spaß gemacht, ich hatte alle Freiheiten und ich konnte auch die Nachfolge selbst regeln“, blickt er heute zurück.
Entscheidende Auslöser
Willy erlebt aber auch den frühen Tod seines Vaters. Der stirbt im Alter von 67 Jahren, nur kurz nachdem er in Rente ist. Das ist der letzte Auslöser für Willys Wunsch nach dem möglichst frühen Rückzug und dem Beginn der „Selbstbestimmung über meine Zeit“. Schnell ist klar, dass die Voraussetzungen für Vorruhestandsregelungen bei ihm passen. Gespräche mit dem Arbeitgeber und mit der Deutschen Rentenversicherung (DRV) – „beides sehr offen, fair, sehr hilfreich“ – beseitigen restliche Unklarheiten. Willy unterzeichnet seinen Altersteilzeitvertrag.
Mindestens ebenso wichtig ist das Gespräch mit seiner Frau über das Thema. Schnell steht fest, dass beide fast zeitgleich aus dem Arbeitsleben ausscheiden können – „solange wir noch gesund sind und etwas gemeinsam unternehmen können“. Renate Sattel ist 63 Jahre alt, als sie mit 45 Jahren im Beruf am 1. August offiziell in Ruhestand geht. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau bei den Stadtwerken Speyer und weiteren Stationen arbeitete sie 24 Jahre im BASF-Konzern, zuletzt als Geschäftsführer-Assistentin bei der BASF Digital Solutions GmbH.
Bloß nicht in ein tiefes Loch fallen
„Alles passt, die Tochter ist aus dem Haus, wir sind noch fit, haben zwar verschiedene Charaktere, aber dennoch viele Gemeinsamkeiten, das müsste gehen“, analysiert sie und stimmt im Wunsch nach Arbeitszeitende mit ihrem Mann überein. „Ich habe mir dennoch viele Gedanken gemacht, ob ich damit umgehen kann, da ich meinen Job sehr gerne gemacht habe.“ Sattel liest viel zum Thema, macht sich eine rund 20 Punkte umfassende „Bucket-List“ mit Vorhaben für den neuen Lebensabschnitt, organisiert und strukturiert ihr Projekt „Was will ich tun, wenn ich nicht mehr arbeite“. Sie erklärt: „Man hört ja durchaus, dass Leute dann in ein tiefes Loch fallen, das wird mir sicherlich nicht passieren.“
„Ich hatte keinen Plan“, erzählt ihr Mann. Er sei spontan, schon immer ein Outdoor-Freak, liebe Laufen, Rad- und Motorradfahren, lebe sein handwerkliches Geschick wieder verstärkt aus, engagiere sich im kirchlichen Umfeld etwa beim Hoffnungssterne-Projekt zur Weihnachtszeit in Harthausen. „Ich helfe gerne, will aber kein Amt, kein Termin-Korsett mehr, sondern tun und lassen können, was ich will“, erklärt er. Er schaue morgens, wie das Wetter ist, und entscheide dann, was er mache. Nur eines hatte er sich vorgenommen für den Ruhestand: ein Klavier kaufen und spielen lernen. „Jetzt übe ich.“
„Gutes Gefühl haben“
Sattels Sorgen über Langeweile sind inzwischen verschwunden. Sie merkt bald, dass sie ihre Liste nicht komplett abarbeiten kann. Sie kümmert sich intensiver um ihre Mutter, geht regelmäßig ins Sportstudio, vertieft ihre Französischkenntnisse, hat die Ausbildung zur Kultur- und Weinbotschafterin der Pfalz begonnen, ist in Vereinen aktiv. Beide stehen inzwischen auf der Fahrerliste des Bürgerbusses im Tabakdorf. Daneben bleibt den Ruheständlern Zeit zum Reisen, zu gemeinsamen Rad- und Motorradtouren sowie zur Pflege des sozialen Lebens und ihres Freundeskreises.
„Vorbereitung und Information waren ganz wichtig für den Prozess“, betonen sie noch einmal. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen hilft. „Du musst am Ende ein gutes Gefühl bei der Entscheidung haben. Es muss einem aber bewusst sein, dass man überrascht werden kann.“ Die Harthausener sind überzeugt: „Uns ist der Übergang aus heutiger Sicht gelungen.“
Zur Sache: Beratung über den Wechsel in den Ruhestand
Was die DRV bietet
Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hat einen gesetzlichen Auftrag zur Beratung der Versicherten über die Rente. Insgesamt 21 Berater in Voll- und Teilzeit, darunter neun nur am Servicetelefon, kümmern sich in Speyer um die 2024 rund 50.000 Renten-Neuanträge im Jahr. „Die meisten Menschen fragen eine Beratung nach“, sagt Valentin Schall. Der 33-jährige Beamte gehört zum Team, nennt sich selbst „Erklärbär“, der gerne berät. 30 Minuten dauert in der Regel die Beratung. Zwölf Termine schafft Schall pro Tag. Trotz aller Individualität gibt es auch generell gültige Tipps. „Rechtzeitig anfangen“ gehört dazu. „Ab Mitte 50 sollte man sich mal bei uns melden“, rät der Experte. „Am wichtigsten ist der vollständig dokumentierte Versicherungsverlauf.“ Darin sind alle Zeiten und Arten der Beschäftigung lückenlos verzeichnet – es ist die Grundlage für die Höhe der Rente. Das Besorgen von Nachweisen könne dauern, weiß Schall. Die DRV liefert aufgrund der Daten und der Vorstellungen der Versicherten Berechnungen über die Höhe der zu erwartenden Altersbezüge. „Es gibt immer wieder Modelle und Möglichkeiten, die bisher noch nicht auf dem Schirm waren“, betont er. „Die entscheidende Frage lautet, wie und wann nehme ich die Rente in Anspruch“, sagt er. Zuletzt habe der unbegrenzte Hinzuverdienst für Rentner neue Möglichkeiten eröffnet. „Ich empfehle auch Selbstständigen dringend, sich rechtzeitig zu erkundigen.“ Zwei bis drei Monate dauert es bis zum persönlichen Gesprächstermin. Der Zugang zur Beratung in Speyer ist persönlich, per Video, per Telefon oder Mail möglich. Im Netz: https://www.deutsche-rentenversicherung.de
Was die BASF bietet
Beim Ludwigshafener Chemieriesen bietet die Abteilung Sozialberatung seit 2013 bereits sogenannte Renten-Informationsgespräche für Mitarbeitende der BASF SE und der Gruppengesellschaften am Standort an. Wer 58 Jahre alt ist, kann ein Gespräch buchen. Es gibt dabei – jeweils individuell – Infos zu möglichen Austrittsszenarien, über die betrieblichen Altersversorgungsleistungen, die gesetzlichen Rentenansprüche sowie die betrieblichen Regelungen beim Austritt. Nach Angaben der Pressestelle nehmen etwa 95 Prozent der Mitarbeitenden das Angebot wahr. Wie die Pressestelle betont, wird im Gespräch immer nur die Sachlage dargelegt. „Es erfolgt kein Beraten zur einen oder anderen Variante.“ Nicht explizit angesprochen werde die Frage, was Mitarbeitende nach der Pensionierung machen möchten. Allerdings enthalte das Info-Paket, das die Mitarbeitenden erhalten, einige Informationen für die Zeit in der Rente, zum Beispiel soziales Engagement und ein Informationsangebot der BASF Sozial- und Lebensberatung. „Bei einer Feedback-Umfrage der Ausgeschiedenen wurden die Informationsgespräche von über 95 Prozent der Befragten mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertet“, teilt die Pressestelle noch mit. ell
Der Report
Die Jahrgänge von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er-Jahre gehen jetzt in Rente. Sie waren die stärksten in Deutschland. Das wirkt sich bis heute auch in Speyer und dem Umland aus. Diese Artikelserie beleuchtet die Folgen auf die Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven. Alle bislang erschienen Folgen finden Sie im Internet unter www.rheinpfalz.de/boomer01.


