Speyer
Waldsee: Gedenkstein für Flugzeugabsturz-Opfer eingeweiht
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs hat sich am Sonntag zum 80. Mal gejährt. Während des Kriegs ereigneten sich auch schlimme Ereignisse in der Vorderpfalz. An eine grauenvolle Nacht ist am Samstag in Waldsee erinnert worden.
Es war eine grauenvolle Nacht am 5. September 1943: Ludwigshafen und Mannheim hatten schlimme Bombenangriffe erlebt. Einer der Bomber, die Halifax JD322 ZA-V der britischen Royal Air Force, war von der Flugabwehr getroffen worden, kam, wie die Tochter eine Augenzeugin berichtete, in niedriger Höhe brennend aus Richtung Limburgerhof angeflogen und drohte, ins Dorf zu stürzen. Er habe um Haaresbreite den Kirchturm von Waldsee verfehlt. Beim Absturz kamen die sieben Besatzungsmitglieder, fünf Briten und zwei Kanadier, ums Leben. Sie wurden zunächst auf dem Waldseer Friedhof bestattet und später auf den Alliierten-Friedhof in Rheinberg umgebettet.
Fast auf den Tag genau 75 Jahre später kamen 17 Angehörige der damals umgekommenen jungen Männer aus Großbritannien und Kanada nach Waldsee. Zusammen mit Abgeordneten der Royal Air Force, der Royal Canadian Air Force und der Luftwaffe sowie Zeitzeugen des Absturzes und Vertretern der Ortsgemeinde Waldsee. Angeführt von Pipemajor MacKenzie liefen sie zur Absturzstelle hinter dem Stennerbrückel Richtung Rheindamm, um einen Gedenkstein einzuweihen. Möglich gemacht haben das Erik Wieman und Peter Berger von der Interessengemeinschaft (IG) Heimatforschung, die mit Hilfe von Zeitzeugen Überreste des Flugzeugwracks geborgen und die Angehörigen der Besatzung ausfindig gemacht haben. Nun gestalteten sie eine würdige Gedenkfeier, die viele der Anwesenden sichtlich rührte.
Reiland erinnert an die Toten
„Wir trauern mit Ihnen und sind auch in Gedanken bei Ihnen. Und wir entschuldigen uns für das Geschehene, das leider nicht rückgängig zu machen ist“, sagte Otto Reiland (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rheinauen, am letzten Tag seiner Amtszeit in Englisch an die Nachfahren gewandt. Er erinnerte auch an die 200 jungen Männer aus Waldsee, die „in diesem fürchterlichen Krieg auch ihr Leben verloren haben“. Ihre Gräber seien auf der ganzen Welt verstreut. Der Zweite Weltkrieg habe zu Millionen von Toten geführt. „Jeder Einzelne dieser Millionen Toten hatte Angehörige, hatte seinen eigenen Lebensweg, Vorstellungen und Träume für die Zukunft.“ Es sei heute unbegreifbar, dass dieser Krieg von deutschen Boden ausgegangen ist, sagte Reiland.
Auch Vertreter der britischen und kanadischen Air Force erinnerten an die Opfer von beiden Seiten. Kaplan Thomas Ott von der Pfarrei Heiliger Christophorus Waldsee weihte den Gedenkstein in einer kleinen Andacht ein. „Es ist wichtig für die Angehörigen, einen Ort zu haben, an dem sie trauern und ihren Frieden schließen können“, sagte er. Auf einer Tafel, die am Gedenkstein angebracht ist, stehen die Namen: Dennis Murray D’Eath, Eric Hubert Dee, Coran Cyman McPherson, Alan Astin, Robert T. Harden Kearnes, John Peter Heinig und William Allen Cooper.
Angehörige und Militärs legten Kränze am Gedenkstein nieder. Zu Ehren der toten Soldaten wurde der „Last Post“, ein militärisches Horn-Signal, gespielt.
Interessengemeinschaft findet Fundstücke
Die IG Heimatforschung Rheinland-Pfalz wurde am 27. Februar 2016 von Erik Wieman und Peter Berkel gegründet und besteht aus etwa zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern. In den vergangenen Jahren hat die IG mehrere Absturzstellen von Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg geortet und in akribischer Kleinarbeit die Nachfahren der Besatzung ausfindig gemacht und informiert. Die Untersuchungen an der Absturzstelle, die, wie Wieman und Berkel ausdrücklich betonen, in sehr enger Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde in Speyer erfolgten, brachten viele Fundstücke zutage. Nach Abschluss der Untersuchungen wurde ein Gedenkstein aufgestellt, der an die toten Soldaten erinnern und den Nachfahren Gewissheit geben soll, wo ihre Väter, Großväter und Onkel ums Leben gekommen sind. Der Gedenkstein in Waldsee ist der vierte, den die IG aufgestellt hat. Weitere stehen in Speyer, Limburgerhof und Speyerdorf. Ähnliche Projekte sind in Iggelheim, Leistadt, Neuleiningen, Speyerdorf und Ludwigshafen geplant. „Wir wollen die Geschichte vor dem Vergessen bewahren und für die Nachwelt erhalten. Auch wollen wir Brücken schlagen zu ehemaligen Kriegsgegnern. Der Gedenkstein ist somit auch ein Mahnmal, das uns wachrütteln soll, dass so etwas nie wieder passiert“, erklärt Peter Berkel.
Kommentar: Ein Mahnmal
Warum setzt man Soldaten, die höchstwahrscheinlich kurz vor ihrem Tod noch Zivilisten in Ludwigshafen bombardiert haben, einen Gedenkstein? Diese Frage kommt auch bei der Einweihung des Denkmals in Waldsee auf. Die jungen Männer haben sich ihr Schicksal nicht ausgesucht. Sie wurden in einen Krieg geschickt, den Hitler-Deutschland begonnen hat. Was wäre wohl passiert, wenn Hitler nicht besiegt worden wäre? Bei diesem Gedenkstein geht es nicht um Freund und Feind. Und schon gar nicht darum, Opfer auf der deutschen Seite zu ignorieren. Dieser Stein mag für die Angehörigen eine Art Grabstein sein. Für alle anderen sollte er Anlass sein, über die Geschichte nachzudenken.