Speyer „Wahrheit zu hören ist wichtig“
Ich finde, diese Leute sehen das falsch. Ich verstehe, was sie meinen. Aber respektlos den Opfern gegenüber ist das nicht. Mittlerweile gibt es 70.000 Stolpersteine quer durch Europa. Die Menschen, für die sie verlegt werden, haben meistens keinen anderen Ort, an dem ihrer gedacht wird – kein Memorial, keinen Grabstein, nichts. Für mich sind die Stolpersteine auch kein Kunstprojekt, sondern ein Projekt des Gedenkens. Es bedeutet mir sehr viel, und ich bin froh, dass meine Familie dieses Andenken nun hat. Sie waren sehr jung, als Sie Speyer verlassen haben, gerade einmal sieben. Welche Erinnerung haben Sie überhaupt an die Stadt? Ich habe durchaus gute Erinnerungen an meine Kindheit hier. Mein Speyer war sehr klein, es umfasste quasi die Maximilianstraße. Ich kannte hier jeden Süßwarenladen, die Verkäufer kannten mich und haben mich ihre Waren oft probieren lassen. Ich hatte viele Freunde. Bis sich alles änderte und keiner mehr mit einem „dreckigen Juden“ spielen wollte. Ihnen blieb kein einziger Freund? Nein, keiner. Die Kinder waren stark indoktriniert von der Nazi-Ideologie, die ihnen unter anderem in der Schule vermittelt wurde, wo ja alle Lehrer irgendwann durch Nazis ersetzt wurden. Mein Bruder und ich wurden auf dem Weg nach Hause oft von den Kindern abgefangen und verprügelt. Wenn ein Polizist das sah, tat er nichts. Meinen Bruder traf es viel schlimmer als mich, er ist drei Jahre älter. Ich war der Kleinste, mich haben die ab und zu in Ruhe gelassen. An welche schlechten Dinge erinnern Sie sich noch? Die Nazi-Paraden durch die Maximilianstraße. Alle machten den Hitlergruß. Ich war sehr jung und verstand das alles erst nicht wirklich, also machte ich ihn auch. Mein Vater erwischte mich und machte mir sehr eindringlich klar, warum ich das nicht darf. Ich erinnere mich auch daran, dass wir plötzlich gar nichts mehr durften – nicht im Park spielen, nicht in die Bücherei gehen. Meine Eltern haben aber versucht, die schlechten Dinge so gut wie möglich von uns wegzuhalten. Für sie war die Zeit natürlich viel schlimmer. Sie hatten hier zuerst alles. Mein Vater hatte ein erfolgreiches Schuhgeschäft, es ging uns gut. Und das war plötzlich vorbei. In den USA mussten sie ganz von vorne anfangen. Das war nicht leicht, das Land erholte sich gerade von der Wirtschaftskrise. Sie haben Speyer in der Vergangenheit sehr oft besucht. Was hat Sie bewogen, hierher zurückzukehren? Es hat sehr lange gedauert, bis ich darüber überhaupt nachgedacht habe. Ich wollte früher nichts mit Deutschland zu tun haben, habe mich sogar geweigert, deutsche Produkte zu kaufen. Es war dann eine langsame Entwicklung hin zur Vergebung. Es gab da nicht diese eine Ursache, sondern viele. Deutschlands Unterstützung für Israel war zum Beispiel ein Grund. 1985 kam ich das erste Mal nach Speyer. Ich besuchte einige der Süßwarenläden, die ich aus meiner Kindheit kannte, und einige der Frauen dort erkannten mich. Der damalige Oberbürgermeister (Christian Roßkopf, Anm. d. Redaktion) brachte mich zu meinem früheren Haus, und auch da erinnerte sich jemand an mich. Die Leute waren sehr nett zu mir. Deutschland hat sich verändert. Klar habt ihr immer noch Nazis und Skinheads, die mit ihren Parolen durch die Straßen laufen, aber das ist nicht der Großteil der Bevölkerung. Aber auch in Deutschland nehmen antisemitische Strömungen wieder zu. Und in den USA ist das gesellschaftliche Klima unter Präsident Donald Trump ja sehr angespannt. Ja, ich hoffe dieser Typ verschwindet bald. Seine Anhänger, das ist die gleiche Art von Leuten, die Hitlers Machtergreifung möglich gemacht haben. Ich sehe da einige Ähnlichkeiten zu früher – es ist nicht genauso, aber die Lage ist ernst genug, dass Leute sich Sorgen machen sollten. Ich hoffe aber, dass es weiterhin anständige Menschen gibt, die sich für die richtige Sache einsetzen. Ich spreche oft an Schulen über meine Vergangenheit. Es ist wichtig, dass die nachfolgenden Generationen hören, was damals passiert ist, dass sie die Wahrheit hören, denn es gibt immer weniger Zeitzeugen. Und es gibt durchaus Leute auf dieser Welt, die behaupten, die Shoah habe es nie gegeben. Mir erscheint der Leitspruch zur Erinnerung an den Holocaust heute wichtiger denn je: Never forget.