Speyer
Versorgungslücke bei Kinderärzten: Wie eine Speyerer Praxis dem Mangel begegnet
Derzeit wartet Esther Angstmann noch auf ihre Facharztprüfung, doch wie ihr weiterer Berufsweg aussehen soll, weiß sie schon genau. „Ich will in dieser Praxis bleiben“, sagt die 34-jährige angehende Kinderärztin mit Überzeugung in der Stimme. Angstmanns Chef, Kinder- und Jugendarzt Bernhard Hock, vernimmt die Aussage seiner Mitarbeiterin mit Wohlwollen. Denn selbstverständlich ist es nach den Worten des Mediziners nicht, dass sich der Ärztenachwuchs für eine niedergelassene Praxis wie jene in der Heinrich-Heine-Straße im Speyerer Westen als Arbeitsort entscheidet.
„Die Krankenhäuser locken mit besseren Bedingungen“, beschreibt Hock die Konkurrenzsituation mit den Kliniken. Dort seien die Arbeitszeiten planbarer und die technischen wie therapeutischen Möglichkeiten größer. Zugleich müssten die Nachwuchskräfte dort nicht das wirtschaftliche Risiko als beruflicher „Einzelkämpfer“ auf sich nehmen. „Diese Verantwortung möchte heutzutage kaum noch jemand haben“, schildert der 68-Jährige, der seit 25 Jahren selbstständig ist. Die Leidtragenden der Entwicklung seien die kinderärztlichen Praxen vor Ort, deren Anzahl stetig abnehme. So gebe es in der Domstadt nur noch deren zwei.
Weiterbildungsplätze fehlen
Die Kinderarztpraxen müssten daher eigentlich alles daransetzen, junge Ärztinnen und Ärzte auszubilden und sie auf diese Weise an sich zu binden, findet Hock, der neben seiner Praxis in Speyer mit fünf Ärzten auch Niederlassungen in Mutterstadt, Maikammer und Bellheim unter dem Dach des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Fitz bündelt. Von dieser Möglichkeit werde aber zu wenig Gebrauch gemacht. Ein Grund hierfür ist nach Darstellung Hocks zum einen der immense bürokratische Aufwand, den ein Praxisinhaber betreibe müsse, um Jungärzte weiterbilden zu dürfen. Dazu komme zum anderen der zeitliche und finanzielle Mehraufwand, der nötig sei, um angehende Fachärzte einzustellen: „Die Praxen werden diesbezüglich noch zu wenig unterstützt.“
Mit Angstmann und einer weiteren Kollegin beschäftigt Hock in seiner Praxis im Gebäudekomplex der Kirche St. Hedwig gleich zwei Ärztinnen in Weiterbildung. Möglich macht dies ein Förderprogramm, das je zur Hälfte von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz und dem Mainzer Gesundheitsministerium getragen wird und das zwei Jahre lang für das Gehalt der Nachwuchskräfte aufkommt. Bis zu 5400 Euro werden pro Vollzeitstelle monatlich ausgezahlt. „Ohne diese Förderung wäre eine Anstellung nur schwer zu finanzieren“, erläutert Hock. Denn eine Praxis müsse erst mal ertragreich genug sein, um eine weitere Stelle zu stemmen.
Langer Weg bis zum Facharzt
Angstmann jedenfalls ist sehr froh, dass sie als eine von laut KV landesweit bisher 30 Nachwuchskräften von dieser Förderung profitiert. Nach Studium und Approbation erwerben Mediziner in einer fünfjährigen ärztlichen Weiterbildung die Qualifikation zum Facharzt. Einen Teil dieser Zeit arbeiten sie im Klinikbetrieb, den anderen können sie in einer Ambulanz oder in einer niedergelassenen Praxis verbringen. Angstmann wählte die Praxis, weil sie die „viel persönlichere Arbeit“ nah an den Menschen schätze. Per Zufall landete die Neustadterin bei Hocks Praxisverbund, der als MVZ die Vorzüge des Angestelltendaseins mit geregelten Arbeitszeiten bieten kann – für die Mutter zweier kleiner Kinder nach eigener Aussage ein Muss, um familiäre Bedürfnisse mit beruflichen Erfordernissen unter einen Hut bringen zu können.
Gut ein halbes Jahr Anlaufzeit benötige es, bis der ärztliche Nachwuchs weitgehend selbstständig in einer Praxis arbeiten könne, hat Hock im Lauf der Jahre beobachtet. „Unsere Medizin ist eine ganz andere als jene im Krankenhaus“, begründet der gebürtige Rheinländer die lange Einarbeitungszeit. Während in den Kliniken Laborbefunde, Röntgenergebnisse oder das Wissen der Kollegen schnell abrufbar seien, müsse man als niedergelassener Arzt die Patienten vor allem gestützt auf die eigene Einschätzung behandeln. Diese Arbeitsweise wolle er den jungen Kolleginnen und Kollegen vermitteln. Im Gegenzug lerne aber auch er selbst immer noch dazu: „Die Jungen bringen das aktuelle Wissen mit, ich liefere die Erfahrung.“ Die gedeihliche Kombination will Hock auch in Zukunft fortführen, um dem Mangel an Pädiatern zu begegnen. Er selbst würde diesen Weg immer wieder gehen wollen: „Es gibt keinen schöneren Beruf.“