Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Tipps für Anfänger: „Zu 100 Prozent konzentriert fahren“

Arbeit auch mit drastischen Methoden: Autowrack beim Verkehrssicherheitstag am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium.
Arbeit auch mit drastischen Methoden: Autowrack beim Verkehrssicherheitstag am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium.

„Die sieben tödlichsten Jahre“ für Verkehrsteilnehmer seien die zwischen 18 und 24 Jahren, sagt Jürgen Krenz-Göllinger. Der ist seit zehn Jahren Obmann für Verkehrserziehung am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium. Er kennt die Gefahren und die Möglichkeiten der Abhilfe. Im Interview mit Patrick Seiler sagt er: Es könnte mehr getan werden.

Herr Krenz-Göllinger, der Verkehrssicherheitstag, den das „Niki“ und das Schwerd-Gymnasium gerade angeboten haben, richtet sich an Oberstufenschüler. Was machen gerade diese falsch im Straßenverkehr?
Die Gruppe junger Fahranfängerinnen und -anfänger zwischen 18 und 24 Jahren hat statistisch betrachtet das höchste Unfallrisiko, denn jeder fünfte Verletzte oder tödlich Verunglückte kommt laut Verkehrswacht aus dieser Altersgruppe. Umgekehrt betrachtet, gibt es aber eine überwältigende Mehrheit an jungen Fahrerinnen und Fahrern, die sich vorbildlich an die bekannten Regeln und die Straßenverkehrsordnung halten und vorsichtig sind. Sie fahren rücksichtsvoll, trinken keinen Alkohol vor Fahrtantritt, benutzen kein Handy während der Fahrt. Um auf Ihre Frage konkret zu antworten: Es gibt noch ein ausgeprägtes Fehlverhalten, was die Einschätzung von Geschwindigkeit, Imponiergehabe und Rauschmittel betrifft.

Wie kann man sie erreichen, um Verhaltensänderungen zu bewirken?
Ein Verkehrssicherheitstag in der Jahrgangsstufe 12 setzt einen Impuls – und genau diesen müssten eigentlich alle Schulen mit Oberstufen und sicherlich auch die Berufsschulen setzen, um ein Bewusstsein, eine Erfahrung für sicheres Fahren zu entwickeln. Schließlich hat Schule auch den Auftrag, junge Menschen, künftige Leistungsträger unserer Gesellschaft, über das reine Fachwissen hinaus in puncto Verkehrserziehung zu schulen.

Welche drei zentralen Botschaften haben Sie für die Verkehrssicherheit dieser jungen Leute?
Die zentralen Botschaften, die ich als Verkehrserzieher und als Vater zweier junger Fahranfänger sehe, lauten: Erstens fahre nie schneller, als es die zulässige Höchstgeschwindigkeit erlaubt, eher etwas langsamer – auch und gerade in der Innenstadt, wenn eine Autofahrt unvermeidlich ist. Um sicher ans Ziel zu gelangen, musst du zweitens zu 100 Prozent konzentriert fahren können, deshalb keine Rauschmittel und keine Handyablenkung während der Fahrt, um die tödliche Gleichung „tipp-tipp-tot“ zu vermeiden. Drittens: Wenn du merkst, dass du müde bist, fahre sofort einen Parkplatz an, um mithilfe von „Powernapping“, einem Zehn-Minuten-Nickerchen, einen Unfall durch „Sekundenschlaf“ zu vermeiden.

Sieht es bei den Fünftklässlern anders aus? Sind die nicht auch besonders gefährdet?
Bei den Fünftklässlern haben wir grundsätzlich noch eine völlig andere Wahrnehmung im Verkehrsraum, was die Einschätzung vor allem von Geschwindigkeiten zeigt. Hier arbeiten wir in der Prävention zum Beispiel mit der Aktion „Achtung Auto“ auf dem Schulhof daran, wie man zunächst mal seine eigene Geschwindigkeit richtig einschätzt, wenn man rennt und plötzlich abbremst. Die meisten sind dann total verblüfft, wie lang der eigene Bremsweg ist und wie lang die Reaktionszeit ist – daraus ergibt sich dann ein Bewusstsein, das in der Formel „Anhalteweg ist Bremsweg plus Reaktionszeit“ gelernt und abgespeichert wird. Im Verlauf dieser Präventionsveranstaltung wird in einem Sicherheitsbereich auf dem Schulhof auch die Notbremsung mit einem echten Auto demonstriert.

Sind Kinder und Jugendliche heute aufgeklärter im Straßenverkehr unterwegs als früher?
Die Verkehrserziehung in der Schule ist eigentlich seit Jahren ziemlich breit aufgestellt. In den Grundschulen werden regelmäßig Programme der Jugendverkehrsschule in Zusammenarbeit mit der Polizei durchgeführt – das ist ein guter Anfang und sehr praktische Aufklärung. Je nach weiterführender Schule wird dann das Thema Verkehrserziehung nur noch theoretisch und am Rande gestreift oder eben durch engagierte Verkehrsobleute und eine Schulleitung, die diesem lebenswichtigen Thema Raum gibt, vorangetrieben – oder eben nicht.

Sind Kinder und Jugendliche heute sicherer im Straßenverkehr unterwegs als früher?
Die Unfallzahlen geben bei Kindern und Jugendlichen Signale der Hoffnung: Sie sind grundsätzlich eher rückläufig. Dennoch ist jeder Unfall, jeder Schwerverletzte, jeder tödlich Verunglückte in dieser Altersgruppe immer eine Folge eines Fehlverhaltens, das möglicherweise vermeidbar war. Es würde schon helfen, wenn junge Menschen sich im Verkehrsraum, ob als Fußgänger oder als Zweiradfahrer, mit allen Sinnen auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren würden. Keine Handynutzung – kostet übrigens 55 Euro beim Fahrradfahren – und auch keine Musikbeschallung über Kopfhörer. All dies lenkt grundsätzlich ab. Parallel hierzu müssten aus meiner Sicht unbedingt die Eltern mit den Kindern verstärkt über Verkehrserziehung sprechen und auch ihre eigenen Verhaltensweisen überprüfen. Apropos Überprüfen: Bei unseren alljährlichen Fahrradkontrollen am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium stellen wir immer wieder fest, dass einige Schüler mit Fahrrädern kommen, die man sofort aus dem Verkehr ziehen müsste, weil beispielsweise die Bremsen nicht mehr funktionieren oder weil die Lichtanlage fehlt oder defekt ist.

Zur Person

Jürgen Krenz-Göllinger (62), Oberstudienrat für Deutsch und Sport, unterrichtet seit 2009 am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium, ist seit 2012 Obmann für Verkehrserziehung der Schule und richtet seit 2014 Verkehrssicherheitstage aus.

Jürgen Krenz-Göllinger.
Jürgen Krenz-Göllinger.
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