Speyer
Suchtberatung: Glücksspiel kann viel kaputtmachen
Das Bild ist eindeutig. Jeder einzelne der 45 neuen Klienten (davon 41 Männer), die sich im letzten Berichtsjahr 2023 wegen Glücksspielsucht an Nidro wandten, spürt negative Folgen der Spielerei. „Die sozialen Folgeschäden dieser Sucht in Form von Überschuldung, Scheidung und psychischer Erkrankung – vor allem Depressionen – sind dabei nicht zu übersehen“, heißt es im jetzt vorgelegten Jahresbericht. In mehr als 90 Prozent der Fälle werden etwa Depressionen angeführt, in 60 Prozent Konflikte mit den Partnern, in 30 Prozent sozialer Rückzug und Einsamkeit. 70 Klienten mit Glücksspielsucht und Medienabhängigkeit sind der Beratungsstelle für Speyer und den Rhein-Pfalz-Kreis zugeordnet, 73 der in Germersheim und 38 dem Neustadter Standort.
Bei den neuen Glücksspiel-Klienten bewegte sich demnach die Altersspanne von 19 bis 80 Jahren (Durchschnitt 39,3), bei der Medienabhängigkeit von elf bis 49 Jahren (Durchschnitt 23). „Es ist immer wieder erschreckend, dass einige der Klienten bereits im Kindesalter ihre ersten Glücksspielerfahrungen gemacht haben“, schreibt Nidro. „Meistens mit dem Vater in der Kneipe am Automaten.“ 69 Prozent der in Beratungen befragten Glücksspieler, die sich im wahrsten Wortsinn mit dem Mut der Verzweiflung an Nidro gewandt haben, kamen von Automaten in Spielhallen nicht los. Es folgen Online-Gambling mit 35 Prozent, Sportwetten mit 29 Prozent, Lotterien (20 Prozent) und illegales Spiel (16 Prozent).
Wetten von der Toilette
Die Verführungen nehmen zu, teilt Nidro mit: „Mit dem Online-Zugang des Smartphones muss weder das Haus verlassen werden, noch wird man von Bekannten in Spielhallen angetroffen. Um Wetten von mehreren tausend Euro zu platzieren, reicht ein Besuch in der Toilette aus, ohne dass Eltern oder Partner etwas bemerken.“ Viele Spieler surften auf illegale Seiten und umgingen so die Schutzmechanismen der legalen Angebote.
In den Beratungen haben sich weitere Probleme der Zielgruppe gezeigt. Bei 41 Prozent spielt demnach „Beschaffungskriminalität“ eine Rolle. 71 Prozent wiesen weitere Suchterkrankungen auf. Ein ähnlich hoher Anteil habe Schulden – zu 87 Prozent Spielschulden; mittlere Höhe: 29.800 Euro. Die Schulden seien neben der drohenden Trennung vom Partner der Hauptgrund, die Beratungsstelle aufzusuchen, berichtet Nidro.
Bei der Medienabhängigkeit liegt der Schwerpunkt in der Nidro-Beratung bei Kindern und Jugendlichen. 47 der Klienten gingen noch zur Schule. 62 Prozent wiesen mindestens eine weitere psychische Erkrankung auf. Die meisten Betroffenen kämen von Online-Computerspielen nicht los, aber auch Streaming und Chatting könnten süchtig machen. Hier sei aufgrund des jugendlichen Alters vieler Nutzer Streit mit Familie und Angehörigen die häufigste Folge (82 Prozent). Verdoppelt hätten sich finanzielle Probleme (29 Prozent), was nach Einschätzung der Berater „neben gestiegenen In-Game-Käufen auch auf das Konto kostenpflichtiger Online-Sex-Angebote gehen dürfte“.
Tendenz zum Mischkonsum
An seinen vier Standorten – zu den drei pfälzischen kommt Worms – ist das zum Therapieverbund Ludwigsmühle (Landau) gehörende Nidro-Netz mit knapp 15 Beraterstellen vertreten. Neben Einzelberatung spielen Prävention sowie die Betreuung von Selbsthilfegruppen wichtige Rollen. Für 2023 stehen insgesamt 1653 Betreute mit 7070 Gesprächen in der Statistik. Dies wird als Stabilisierung auf hohem Niveau eingeordnet. Die meisten Sucht-Klienten gab es bei Nidro in Speyer (627) vor Neustadt (364), Worms (344) und Germersheim (299). In Neustadt stellte Alkohol den Beratungsschwerpunkt dar, an den anderen Standorten war es Cannabis. Dahinter liegen Aufputschmittel und Kokain, deren Anteil allerdings an allen Standorten gestiegen sei. Weitere Entwicklung: die Tendenz zum Mischkonsum („Polytox“).