Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel „Stadtradel-Star“ wirbt für mehr Radwege in Speyer

Mit ihrem Fahrrad: Sabrina Albers.
Mit ihrem Fahrrad: Sabrina Albers.

Sabrina Albers wirbt als Speyerer „Stadtradel-Star“ für den Umstieg in den Sattel. Sie verzichtet während der dreiwöchigen Beteiligungsaktion „Stadtradeln“ bis 24. September komplett aufs Auto. Dass das in Speyer nicht nur Vorteile hat, hat sie am eigenen Leib erfahren. Patrick Seiler hat sie interviewt.

Frau Albers, kein Auto als Stadtradel-Star – haben Sie überhaupt eine Auto-Vergangenheit?
Ja, ich habe ganz klassisch zum Führerschein damals von meinen Eltern einen Wagen geschenkt bekommen. Das war ein Corsa. Der ist dann irgendwann kaputtgegangen, da habe ich gedacht: Nö, das war’s jetzt.

Hat sich damit etwas geändert in Ihrem Leben?
Ich habe damals schon in Speyer in der Innenstadt gewohnt. Da war mir ganz schnell klar, dass ich alles fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Die Ausgaben für ein Auto konnte ich mir sparen.

Wäre das anders, wenn Sie jetzt etwa in Schwegenheim wohnen würden?
Vielleicht schon. Meine Eltern wohnen in einem Dorf an der Weinstraße. Wenn ich die mit dem Auto besuchen würde, wären es 25 Minuten. Mit Zug und Bus ist es eine Stunde. Das geht ab und zu, und auch Schwegenheim hat ja eine gute Busanbindung. Aber wenn ich dort wohnen würde, müsste man schon mal sehen …

Klappt es mit dem Einkauf in Speyer?
Mein Freund und ich gehen relativ oft auf den Wochenmarkt und kaufen regional, selten in den großen Supermärkten. Letzte Woche war ich dann doch einmal spontan im Supermarkt, weil ich in der Ecke zu tun hatte. Prompt hatte ich zu viel gekauft und stand vor dem Problem, wie ich das in den Fahrradkorb bekomme.

Und hat’s funktioniert?
Ja, mit viel Umschichten und Tetris spielen, sag’ ich mal. Ich glaube, ich wurde interessiert dabei beobachtet, weil es verrückt aussah. Es kam aber alles heil zu Hause an. Ich weiß, bei welchen harten Bordsteinen ich einen kleinen Umweg nehmen muss.

So etwas könnte ja mit besserer Planung vermieden werden. Aber wo sind die Punkte, auf die Sie selbst keinen Einfluss haben und die Ihnen das Radfahren in Speyer verleiden?
Im letzten Jahr hatte ich einen Unfall und wurde angefahren als Radfahrerin. Das war in der verkehrsberuhigten Zone des Domplatzes. Ein Auto hat mich überholt, ist zu früh eingeschert und hat mein Vorderrad mitgenommen. Ich hatte Glück, dass ich beim Sturz neben dem Poller aufgekommen bin und nichts gebrochen oder gerissen habe. Trotzdem musste der Rettungswagen kommen. Es waren gleich Leute da, die mir geholfen haben, aber der verursachende Fahrer ist weitergefahren. Das fand ich erschreckend. Obwohl ich kein ängstlicher Mensch bin, war mir danach einige Zeit lang nicht wohl im Sattel. In Speyer gibt es immer wieder diese Knoten, wo man sich fragt: Sieht mich das Auto? In der Johannesstraße am Finanzamt ist so eine Stelle. Wer da aus der Großen Greifengasse kommt, hat oft gar nicht auf dem Schirm, dass von links Radler kommen können. Das Radeln gegen die Einbahnstraße ist dort aber ausdrücklich erlaubt, zwei Schilder weisen darauf hin.

Parallel gibt’s die Wormser Straße, die viele Radler unerlaubt stadtauswärts befahren. Wie halten Sie es dort?
Ich fahre da nicht. Ich darf es nicht. Ich bin auch froh, dass diese Strecke nicht gegenläufig freigegeben ist, weil sie viel zu eng dafür ist und die Autos zu schnell. Ich werbe für gegenseitiges Verständnis und bin der Meinung, dass dieses viel größer wäre, wenn sich beide Seiten an die Regeln hielten. Auf die Wormser Straße bezogen: wenn die Radler nur stadteinwärts führen und die Autofahrer beim Überholen 1,50 Meter Abstand hielten.

Was macht eine Stadtradlerin, wenn Sie einmal alt und gebrechlich ist?
Oje, daran will ich gar nicht denken. Klar ist, dass Verkehrsplanung die Bedürfnisse aller Gruppen berücksichtigen muss, gerade derjenigen, die nicht so mobil sind. Aber ich habe am Postplatz oft beobachtet, dass es viele Falschparker gibt, die definitiv nicht eingeschränkt sind. Die könnten das Fahrrad oder den Bus nehmen. Dann wären auch mehr Parkplätze für die da, die mobilitätseingeschränkt sind.

Im historischen Stadtkern ist es eng. Wie können Politik und Verwaltung da allen Interessen gerecht werden?
Gute Frage. Alles auf einmal geht wahrscheinlich nicht. Gut fand ich, dass die Partei der Grünen die Bürgerinnen und Bürger um Vorschläge zu Verkehrsthemen gebeten hat. Die Politik sollte vielleicht stärker auf solche Ideen der Betroffenen hören.

Diese Vorschläge sind dann in Anträge für den Stadtrat gemündet – und der hat sich darüber zerstritten …
Ich habe kürzlich einen Film über die Maximilianstraße gesehen, als diese noch komplett für den Verkehr freigegeben war. Ich war total erschrocken, als ich diese vierspurige Autobahn, äh Straße gesehen habe. Im ersten Moment macht jede Änderung ein bisschen bange, aber die Maximilianstraße ist doch das beste Beispiel dafür, wie man beim Verkehr mehr mit der Zeit gehen kann. Das sollte auch für andere Straßen ermutigen.

Warum werden Verkehrsthemen eigentlich immer so emotional und kontrovers diskutiert?
Ja, das sind immer so komische verhärtete Fronten. Als die Stadt Speyer bei Facebook die neue Fahrradstraße Mühlturmstraße vorgestellt hat, meldeten sich unter dem Eintrag gleich Leute zu Wort, die das gar nicht verstehen konnten und es als Minderheitenpolitik bezeichnet haben. Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich bleibe doch auch stehen und freue mich, wenn ich ein schönes altes Auto sehe. Wenn wir alle mehr aufeinander achten würden, würde das auch viel besser klappen im Straßenverkehr.

Braucht Speyer mehr Rad-Infrastruktur: Radwege, -streifen, -straßen?
Auf jeden Fall mehr Radwege. Die Radwege, die wir haben, sind teilweise in katastrophalem Zustand und müssen saniert werden. Dann brauchen wir vor allem mehr Barrierefreiheit, das kommt nicht nur den Radfahrern entgegen. Wir haben oft unglaublich hohe Bordsteinkanten.

Teilen Sie die Kritik vieler Fahrradfans, dass es in Speyer zu lange dauert, bis sich in dieser Hinsicht etwas tut?
Das kommt einem ja immer so vor, wenn man auf etwas wartet. Ich habe Verständnis dafür, wenn die Vorarbeit der Verwaltung Zeit braucht. Die tut schon einiges. Wenn man aber sieht, dass es ein Jahr bis zur Ausweisung der nächsten Fahrradstraße gedauert hat, muss ich schon sagen: Da ist noch Luft nach oben.

Zur Person

Sabrina Albers, 40, Verwaltungsangestellte des Historischen Museums der Pfalz und Autorin. Ihre Stadtradel-Erfahrungen im Blog: www.stadtradeln.de/speyer.

Gefahrenstelle: Radeln gegen die Einbahn beim Finanzamt.
Gefahrenstelle: Radeln gegen die Einbahn beim Finanzamt.
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