Speyer
Stadtführer erinnert sich an Ende des Zweiten Weltkriegs
Hermann Schmid erinnert sich noch gut an den Morgen des 23. März 1945. An jenem Freitag, keine sieben Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs am 7. und 8. Mai, ist die Polizei durch die Straßen von Speyer gefahren. „Sie haben gesagt, dass alle Fenster geöffnet werden sollen, weil die Rheinbrücke gesprengt wird“, sagt der heute 93-jährige Ur-Speyerer. Bis zu seinem Elternhaus in der Diakonissenstraße hatte sich herumgesprochen, dass in der Siedlung im Norden der Stadt erste US-Soldaten aufgetaucht waren. Die Angehörigen der Wehrmacht wollten mit der Brückensprengung den Vormarsch der Alliierten erschweren.
„Es war Gefechtslärm aus der Siedlung zu hören“, berichtet Schmid von jenem Freitag vor 80 Jahren. Am frühen Nachmittag habe es dann einen oder zwei gewaltige Schläge gegeben. „Das war die Sprengung der Rheinbrücke“, sagt er. Eine gewaltige Wolke aus Staub und Rauch stieg gen Himmel. „Unsere Soldaten sind dann mit Booten über den Rhein ans badische Ufer gefahren.“ Schmid verfolgte das Geschehen mit seinem Bruder.
Hasen und Hühner mussten dran glauben
Am Samstag, 24. März, rückten die „Amis“ in Speyer ein. „Die Soldaten gehörten zur Patton-Armee“, sagt Hermann Schmid. „Sie gingen von Haus zu Haus und fragten, ob hier noch deutsche Soldaten sind.“ Doch die waren alle schon weg. Gegen die Einnahme der Stadt durch die Amerikaner habe es nun keinen Widerstand mehr gegeben. „Ungefähr 100 Panzer waren in der Stadt. So viele sah ich hier nie wieder.“
Der spätere Chemieingenieur bei der BASF erinnert sich auch an die Ankunft von französischen Soldaten eine Woche nach den Amerikanern, die daraufhin abgerückt seien. „Die Franzosen waren arm, haben viele Lebensmittel der Einwohner an sich gebracht und sind in die verlassene Kaserne eingezogen“, sagt der inzwischen älteste Stadtführer. Vier Hasen, die Schmid gehalten hatte, mussten ebenso dran glauben wie die Hühner von Nachbarn. Der große Mangel an Nahrungsmitteln, der schon die letzten Kriegsjahre prägte, habe bis 1946 angehalten.
Speyer blieb weitgehend von Bomben verschont
Ein anderer Ausdruck der Mangelwirtschaft in den ersten Nachkriegsjahren waren die schweren Schäden an der Infrastruktur. Vor der Sprengung der Speyerer Rheinbrücke zerstörten deutsche Soldaten bereits die entsprechenden Bauwerke bei Worms, Mannheim und Maxau (heute Teil von Karlsruhe). Die Brücken bei Speyer und Maxau hatten mit sieben Jahren deutlich kürzer Bestand als die wesentlich älteren Bauwerke stromabwärts. Schäden durch Bombardierungen der Alliierten in Speyer habe es fast keine gegeben, sagt Schmid. Nur ganz wenige Wohnhäuser und das damalige Bahnhofsgebäude seien zerstört worden.
Elf Jahre sollte es dauern, bis wieder eine feste Brücke bei Speyer den Rhein überspannte. Die Salierbrücke, wie das Bauwerk seit ein paar Jahren genannt wird, ist im November 1956 für den Verkehr freigegeben worden. Allerdings ist sie eine reine Straßenbrücke, denn nach der Stilllegung der Bahnstrecke Speyer-Heidelberg (1873-1945) war keinen Bedarf mehr für Gleise über den Strom. Zwischenzeitlich diente der Flussüberquerung eine Ponton-Brücke, also aneinander befestigte Schwimmkörper (Pontons), die die Franzosen im Frühjahr 1945 errichteten, sowie Boote und Fähren wie die Katharina („Zonen-Kattl“), die Karl Theodor und die „gute alte Pfalz“ (Quelle: „Speyer und seine Brücken“, 1987).
Erste feste Brücke für Radfahrer und Fußgänger
Über Jahrhunderte waren die Menschen ausschließlich auf Boote, Schiffe und schwimmende „Brücken“ angewiesen, um den Rhein bei Speyer zu überqueren. Nach jahrelangem Kampf für ein dauerhaftes Bauwerk, vor allem vom damaligen Oberbürgermeister Karl Leiling geführt, folgte am 1. März 1933 der Spatenstich zur ersten festen Rheinbrücke, über die ab Anfang 1938 der Verkehr rollte.
Verkehr, das hieß damals nur vereinzelt Autos. 1938 gab es lediglich 715.000 davon im Deutschen Reich (https://de.statista.com). Zum Vergleich: Seit 2024 sind es mehr als 49 Millionen Pkw in der Bundesrepublik – ein Rekord (https://www.kba.de). Die erste feste Rheinbrücke bei Speyer benutzten vor allem Fahrradfahrer und Fußgänger sowie die Eisenbahn. 7,60 Meter breit war die Straße, 5,20 Meter waren für die Schienen reserviert und es gab einen 2,25 Meter breiten Rad-/Fußweg neben der Straße („Eisenbahnbrücken in Deutschland“, 2003).
Stadt will Ende des Zweiten Weltkriegs gedenken
Nach der Sanierung der Salierbrücke von Anfang 2019 bis Ende 2021 schätzte Walter Katzik, Leiter des Referats Ingenieurbau beim zuständigen Regierungspräsidium Karlsruhe, die Restlebensdauer des Bauwerks auf maximal 30 Jahre. Deshalb sollte die Planung eines Ersatzbaus bald beginnen, so der Experte.
Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg forderten bereits damals einen baldigen Projektstart durch den Bund, denn die Salierbrücke führt die Bundesstraße 39 über den Rhein. Speyers Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) bat im Mai 2023 die Landesverkehrsministerin Daniela Schmitt (FDP) in einem Brief um Auskunft zum Stand des Vorhabens, teilt Stadtsprecherin Annika Roth mit. Bisher steht die Antwort aus Mainz noch aus.
Dem Ende des Zweiten Weltkriegs will die Stadt Speyer übrigens am Donnerstag, 8. Mai, gedenken, informiert die Sprecherin. Die Planungen, wie dieser Gedenktag genau begangen wird, seien noch nicht abgeschlossen.
