Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel St. Hedwig: Bernhard Linvers’ Lebenswerk feiert Jubiläum

Mit Flachdach, ohne Glockenturm: St. Hedwig als besondere Kirche.
Mit Flachdach, ohne Glockenturm: St. Hedwig als besondere Kirche.

50 Jahre Kirchengemeinde St. Hedwig – das sollte am Sonntag gefeiert werden. Corona macht’s unmöglich, und ein Nachholtermin ist nicht geplant, aber das Jubiläum dieser katholischen Seelsorge-Einheit der besonderen Art in Speyer-West ist einen näheren Blick wert.

„Die einzige katholische Kirche ohne Glockenturm und ohne Weihwasser an der Tür“ – Markus Lamm, der als Pastoralreferent der noch recht neuen Großpfarrei Pax Christi seinen Einsatzschwerpunkt in St. Hedwig hat, kennt die Besonderheiten des Gebäudes an der Heinrich-Heine-Straße. Bernhard Linvers (82), von 1970 bis 2007 Pfarrer in St. Hedwig, hat sie über die Jahre immer wieder gern erklärt. Im umliegenden Geschosswohnungsbau widerhallende Glocken habe er den vielen Schichtarbeitern im Viertel schlicht nicht zumuten können. Denjenigen, die diese Meinung nicht teilten, bot er verschmitzt das Geschenk einer Armbanduhr an.

Und das mit dem Weihwasser? „Wir haben sehr sparsam gebaut, wollten keine großen Schulden machen“, so Linvers. Als die Kirche 1974, vier Jahre nach Errichtung der Pfarrei, geweiht wurde, fehlten anfangs auch Tabernakel und Ambo. Diese folgten zwar später, Behälter für Weihwasser hätten dann aber nicht mehr zur Debatte gestanden – was den hemdsärmeligen Linvers nicht grämte: „Seine“ Kirche sollte ohnehin nie eine nur für die frommsten Katholiken sein. Der Geist des erst wenige Jahre alten Zweiten Vatikanischen Konzils ist nicht nur im Gebäude, sondern auch im pastoralen Konzept erkennbar.

Arbeitskampf in der Kirche

St. Hedwig hatte von Anfang an variable Raummöglichkeiten für Begegnungen verschiedener Gruppen, war nie „nur“ Gottesdienstraum. Seit 2012 hat die Gewo darin die Quartiersmensa Q+H eingerichtet. Und schon 1975 hatte Linvers Mitarbeiter der Pfalz-Flugzeugwerke im Arbeitskampf zu Betriebsversammlungen eingeladen. Das ist Theresia Füchtenschnieder, einem langjährigen Mitglied der Pfarreigremien, in ihrer Chronik ebenso wichtig zu betonen wie der Verweis auf die heutige Flüchtlingsarbeit. Sie steht in der Tradition des Wachstums von Speyer-West in den 1950er- bis 70er-Jahren, als der Zuzug vieler Heimatvertriebenen die neue Seelsorge-Einheit erst möglich gemacht hatte.

„Bernhard Linvers prägt diese Pfarrei bis zum heutigen Tag“, sagt Pastoralreferent Lamm. „Und wir machen sozial weiter.“ So komme es auch nicht von ungefähr, dass er seit Jahren der Sprecher des Interreligiösen Forums Speyer sei, erklärt der 55-Jährige. Und auch nicht, dass manche Entscheidungen in St. Hedwig mutiger ausfielen als in anderen Pfarreien: Linvers, dem der eigene Kindergarten stets ein großes Anliegen war, erinnert daran, wie revolutionär dessen frühe Ganztagsbetreuung für eine katholische Einrichtung gewesen sei. Lamm macht es am Pfarrfest deutlich, das wohl eingeschlafen wäre, „wenn wir uns nicht Gott sei Dank für das völlig Verrückte entschieden hätten“: Es sei ein fröhliches Nachbarschaftsfest geworden, das mit der Kirche nach außen hin wenig zu tun habe.

Neue Herausforderungen

St. Hedwig habe stets als offene Kirche überzeugt, „aber das alleine funktioniert nicht mehr, wir müssen raus zu den Menschen“, sagt Lamm. Rund 2500 Katholiken sind diesem Fünftel der knapp 17.000 Angehörige zählenden Pfarrei Pax Christi zugeordnet, aber streng getrennt war das alles nie. „Wir hatten einen sehr hohen Kirchenbesuch aus der ganzen Stadt“, so Linvers. Heute sei der Gottesdiensttermin sonntags um 18 Uhr dafür ein Garant, sagt Lamm. Beide Seelsorger blicken stolz auf „ihr“ Werk. Linvers sagt, dass jetzt die Corona-Zeit erneut belege, wie gut der Zusammenhalt ist. Er gesteht aber auch: „Dass die Pfarrei mit hauptamtlichem Personal immer schlechter bestückt ist, stellt eine große Schwierigkeit dar.“

Mit Megafon im Arbeitskampf: Bernhard Linvers (rechts) als besonderer Pfarrer.
Mit Megafon im Arbeitskampf: Bernhard Linvers (rechts) als besonderer Pfarrer.
x