Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyer: Wildbienen-Nester fallen Baggerschaufel zum Opfer

Vorgarten der Kita Rulandstraße: von Wildbienen keine Spur mehr.
Vorgarten der Kita Rulandstraße: von Wildbienen keine Spur mehr.

Tausende Frühlings-Seidenbienen sind in der Rulandstraße ausgeflogen. Sehr zur Freude von Doris Hoffmann von der Speyerer Bieneninitiative. Doch dann kam ein Bagger im Vorgarten der dortigen Kita zum Einsatz und bereitete dem Naturschauspiel ein jähes Ende.

Doris Hoffmann wohnt nicht weit von der Kita Rulandstraße entfernt. Als Mitglied im Imkerverein Speyer und als Mitgründerin der (Wild)Bieneninitiative ist sie besonders aufmerksam, wenn es summt und brummt. Im März war es im Vorgarten der Kita soweit: Hoffmann hielt dort immer wieder an, als erst ein paar wenige und schließlich Tausende Frühlings-Seidenbienen aus ihren Niströhren im Erdboden ausflogen.

„Es ist toll, dass es so etwas in der Stadt gibt“, sagt Hoffmann. „Wildbienen brauchen gar nicht so viel zum Leben. Ungefähr 80 Prozent der in Deutschland vorkommenden rund 560 Arten leben in Niströhren im Erdboden. Sie brauchen dazu nur noch Nahrungspflanzen im Umkreis von einigen Hundert Metern.“ Die Frühlings-Seidenbiene (wissenschaftlich Colletes cunicularius) benötigt während ihrer von März bis Mai andauernden Flugzeit blühende Weiden-Bäume als Pollen- und Nektarquellen.

Am 17. März hat die Stadt-Imkerin etliche Fotos und Videos der Frühlings-Seidenbienen aufgenommen. Kurz darauf rückten Bauarbeiter mit Bagger im Kita-Vorgarten an und hoben auf der circa 300 Quadratmeter großen Fläche den Erdboden bis zu den beschädigten Kanalrohren ab, berichtet die Speyererin. „Die Niströhren der Wildbienen sind dabei zerstört worden. Vielleicht haben sich einige der Bienen retten können und sie haben auf einer anderen Fläche neue Röhren angelegt.“ Die Bauarbeiten habe sie selbst gesehen und die Untere Naturschutzbehörde bei der Stadtverwaltung informiert.

Von Firma übersehen

„Das ist schade“, sagt Hoffmann über den Niststättenverlust. Weil Fluginsekten in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland laut mehrerer Studien um ungefähr 80 Prozent zurückgegangen sind, seien alle „Habitate“ mit Wildbienen besonders wertvoll. „Außerdem sind alle heimischen Wildbienenarten nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt“, so Hoffmann. Nach Paragraf 4 darf besonders geschützten Arten weder nachgestellt werden, noch dürfen sie angelockt, gefangen oder getötet werden. Wobei die im vorliegenden Fall ursächlichen Baggerarbeiten zwar nicht zu den genannten Verfahren wie Begasen und Ausräuchern zählen. Das Ergebnis – Tötung von Bienen und Niststätten-Zerstörung – ist gleichwohl dasselbe.

Barbara Fresenius, Sprecherin des Kita-Trägers Diakonissen Speyer, teilt auf Anfrage mit, dass die Nester „von den Mitarbeitern der ausführenden Baufirma bei den Erdarbeiten leider nicht wahrgenommen und infolgedessen unbeabsichtigt von der Baggerschaufel erfasst wurden“. Der Grund für den Kanalaustausch „auf der gesamten Länge des Hauses“ seien Baumwurzeln, die die alten Tonrohre „komplett verschlossen“. Außerdem seien die Rohre an mehreren Stellen gebrochen gewesen. „Zum anderen erforderten Feuchtigkeitsschäden am historischen Mauerwerk, die in den 70er-Jahren vorgenommene Aufschüttung des Vorgartens zurückzubauen, um das Gebäude sanieren zu können.“

Laut Fresenius soll die Außenanlage neugestaltet werden – auch zum Nutzen von Wildbienen: „Neben zwei Anlieferungs-Stellplätzen für den Betrieb der Kindertagesstätte und Fahrradparkflächen werden wieder Grünflächen mit Blühpflanzen und Kleingehölzen angelegt, die Bienen an diesem Standort wieder Nahrung bieten werden.“ Die Sprecherin weist darauf hin, dass die Diakonissen „in den vergangenen Jahren neugestaltete Flächen auf dem Campus hochwertig mit saisonal blühenden Pflanzen und einer Vielzahl von neuen Bäumen ausgestattet haben“. Als Beispiel nennt sie die Außenanlage des Mutterhauses an der Ecke von Hilgard- und Diakonissenstraße.

Stadt-Imkerin Hoffmann weiß, dass meist unbeabsichtigte Zerstörungen von Wildbienen-Niststätten nicht selten vorkommen. Sie wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die Insekten. Deshalb ruft Hoffmann die Einwohner von Speyer und der umliegenden Gemeinden dazu auf, ihr Niststätten von Wildbienen inklusive Hummeln zu melden – mit Angabe der ungefähren Größe und der „Flugzeiten“. Falls möglich, sollen Entdecker auch ein Foto von den Insekten machen. Hoffmann möchte dann mit Mitstreitern der Bieneninitiative die Fundorte sammeln und beschreiben.

Video: Doris Hoffmann/frei

 

Kontakt

Doris Hoffmann; Telefon 0171 1046683; E-Mail info@bieneninspeyer.de

 

Zur Sache: Der Vorfall aus Sicht der Stadt

Doris Hoffmann hat die Stadtverwaltung per E-Mail am 30. März über die Baggerarbeiten an der Kita Rulandstraße informiert. Das bestätigt Sprecherin Lisa Eschenbach. Die Nachricht über die Zerstörung der Niststätten habe eine Mitarbeiterin der Abteilung Umwelt und Forsten erhalten. Diese zähle jedoch nicht zur zuständigen Unteren Naturschutzbehörde (UNB). Die Kollegin bei der UNB sei wegen Corona-bedingter Regelungen erst ab 6. April im Dienst gewesen. Da sei der Boden bereits abgehoben gewesen.

Eschenbach betont, dass die städtische Mitarbeiterin „umgehend telefonischen Kontakt zu Frau Hoffmann aufgenommen und ihr erläutert [hat], dass ein Eingreifen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, einerseits, weil die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten waren, andererseits, weil eine gültige Baugenehmigung vorlag“. Um die Zerstörung von Wildbienen-Lebensraum in Zukunft zu vermeiden, solle das Verfahren angepasst werden. Denkbar sei, dass ein Vorhaben erst genehmigt werde, wenn der Bauherr einen Nachweis erbracht habe, dass keine Lebensräume von Wildbienen beeinträchtigt oder zerstört werden.

Bei dem bisherigen Genehmigungsverfahren sind behördliche Prüfungen auf das Vorkommen besonders geschützter Arten vorgeschrieben. Doch diese Prüfungen können Jahre vor Projektbeginn durchgeführt worden sein. Laut Eschenbach sind auch bei Einzelbauvorhaben außerdem Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes zu beachten. Im Regelfall gebe die UNB eine Stellungnahme an die Bauaufsichtsbehörde ab. Im Fall Kita Rulandstraße sei dies 2016 erfolgt. Damals habe die UNB keine Bedenken geäußert, „weil an dieser Stelle kein Wildbienenvorkommen beziehungsweise ein Vorkommen anderer geschützter Tierarten bekannt war“, so Eschenbach. Die Stadt bedauere, dass „keine flächenhaften Kartierungen über Wildbienenvorkommen im Stadtgebiet vorliegen“. Deshalb sei sie für Meldungen durch Bürger dankbar.

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