Speyer
Speyer: Gibt es zu viele Kaiserschnitte in Geburtskliniken?
Speyer ist auch eine Stadt der Gynäkologie. Das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus hat eine der größten Kliniken für Frauenheilkunde der Region, dazu kommen acht Frauenarzt-Praxen. So viele Fachärzte sind nicht immer einer Meinung. Dr. Gerhard Jakob macht das jetzt beim Thema Kaiserschnitt deutlich.
Schwangerschaft und Geburt sind gesellschaftliche Themen, sagt Gerhard Jakob. Das „Diak“ hat 2019 mit 3157 Geburten einen Rekordwert verzeichnet. Bei Weitem nicht alle diese Kinder leben in Speyer, aber Frauen in froher Erwartung sind in der Stadt alles andere als selten. Alleine er betreue fortlaufend bis zu 200 Schwangere, erzählt Jakob (73), Frauenarzt seit 1976, davon mehr als 30 Jahre – und auch heute noch mit Begeisterung – mit eigener Praxis in der Speyerer Bahnhofstraße. Er beobachte die Entwicklungen deshalb sehr genau – und „derzeit mit großer Sorge“, sagt er. Seine These: Es komme bundesweit zu immer mehr und unnötig vielen Kaiserschnitten. Das schade Mutter und Kind. „Die Leistung einer Spontangeburt, das eigene Kind selbst geboren zu haben, ist von unglaublicher Bedeutung“, sagt Jakob. Es sei einer der Höhepunkte im Leben der Frau. Der erste Blickkontakt präge dauerhaft die Mutter-Kind-Beziehung. Für Kinder, die durch einen Schnitt im Bauch statt den Geburtskanal zur Welt kommen, steige das Risiko, an Atemerkrankungen, Infektionskrankheiten oder Allergien zu erkranken. Deshalb müsse, wenn es medizinisch keinen ausreichend starken Grund für einen Kaiserschnitt gebe, alles für eine natürliche Geburt getan werden, verdeutlicht Jakob. Nur: Das werde es vielfach nicht. Geburtshelfer versteckten sich hinter Leitlinien, Frauen kämen danach enttäuscht zu ihm.
„Absurd hoch“
Die bundesweite Kaiserschnittrate zwischen 30 und 40 Prozent sei hoch – „absurd hoch“, wie Jakob sagt. 10 Prozent seien schon immer erforderlich gewesen, um Schaden von Mutter und Kind abzuwenden. In den anderen Fällen könne vielfach diskutiert werden. Fettleibigkeit oder Schwangerschaftsdiabetes würden etwa zu schnell als Gründe für frühzeitige Einleitungen der Geburt herangezogen, argumentiert der Speyerer Arzt. Wenn jüngere Ärzte sich vorrangig auf die Leitlinien verließen, nach denen ein Kaiserschnitt zulässig ist, sei das zu kurz gesprungen: „Die Frau muss ernst genommen werden“, fordert Jakob. Und Geduld sei nötig. Er greift keinen konkreten Kollegen an, auch keine konkrete Klinik: „Das ist nicht nur ein Speyerer Phänomen.“ Der 73-Jährige, der einst selbst Oberarzt am Diakonissen-Krankenhaus war, hat dennoch die Rekordmeldung für 2019 von deren Nachfolge-Klinik zum Anlass genommen, sich mit seinen fachlichen Sorgen bei der RHEINPFALZ zu melden. Natürlich seien in einem so großen Haus mit so vielen Babys auch „programmierte Geburten“ darunter, die Jakob nicht schätzt. Kliniken seien diese aufgrund der Personal- und Raumplanung oft nicht unrecht. Im Germersheimer Krankenhaus sei eine Zeit lang möglichst konsequent auf die künstliche Einleitung einer Geburt verzichtet worden, lobt Jakob. Heute sind einige Hebammen nach dem Aus für die dortige Geburtshilfe zur Speyerer Klinik gewechselt. Mit dieser arbeite er gut zusammen, betont Jakob. Er nennt die Kreißsaalambulanz, den Bereich Mammografie, auf den er spezialisiert ist, sieht die Anbindung an eine eigene Kinderklinik als optimal.
Einsatz für Spontanentbindung
Auf die eigene Kinderklinik verweist auch das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus, wenn es seinen Anteil an Kaiserschnitten begründet: „Der Anteil sank 2019 auf 35,6 Prozent (37,1 Prozent in 2018), auf den niedrigsten Wert seit rund zehn Jahren.“ Dies sei leicht unter dem Bundesmittel von 35,8 Prozent für ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe, das auf Geburten mit höherem Risiko spezialisiert ist, wie Sprecherin Susanne Liebold erläutert. „Darin sehen wir eine Bestätigung unseres Bestrebens, auch in relativ schwierigen Situationen wie Beckenendlagen spontane Entbindungen zu ermöglichen, wenn dies medizinisch vertretbar ist.“ Gerhard Jakob nimmt es zur Kenntnis. Er könne den Anteil an sinnvollen Kaiserschnitten in Speyer vor diesem Hintergrund nicht genau beziffern, sagt er. In einem sei er sich aber sicher: Die Technik komme auch hier zu oft zum Einsatz.
Zur Person: Chefarzt-Wechsel an Geburtsklinik
Am Speyerer Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus steht ein Wechsel an der Spitze der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an: „Dr. Uwe Eissler scheidet zum 30. Juni des Jahres aus, um neue berufliche Herausforderungen anzunehmen“, so Sprecherin Susanne Liebold auf Anfrage. Eissler trägt seit 2004 Verantwortung für diesen Bereich. Als sein Nachfolger sei Professor Dr. Florian Schütz verpflichtet worden. Es handle sich um einen anerkannten Experten, der bisher stellvertretender Direktor der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg sei. Er leitet laut Diakonissen deren interdisziplinäres Brustzentrum und verfügt über die Zusatzbezeichnungen „Gynäkologische Onkologie“ und „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“. Schon verlassen hat die Speyerer Klinik Dr. Barbara Filsinger, die 2017 als Leiterin des Perinatalzentrums der Geburtshilfe gekommen war. Sie habe „das Haus auf eigenen Wunsch verlassen, um sich neuen beruflichen Aufgaben zu widmen“.