Speyer
So schützen Sozialarbeiterinnen Kinder vor Gewalt
Ein Erwachsener sagt zu einem kleinen Kind: „Das bleibt aber unser Geheimnis.“ Diese Vorstellung löst bei Erwachsenen Unbehagen aus. Kinder müssen erst lernen, dieses Gefühl einzuordnen – ebenso den Unterschied, zwischen guten und schlechten Geheimnissen und was sie ihren Eltern erzählen sollten. Ein Kind, dass das noch nicht gelernt habe, erfülle die Forderung, erklärt Katharina Bruckner. Sie ist eine der fünf Kita-Sozialraumarbeiterinnen des Caritas-Zentrums Speyer. Sie und ihre Kolleginnen wissen, wie man Kinder vor Gewalt schützen kann.
Die „Kisas“, wie sie ihren Jobtitel abkürzen, betreuen 27 Einrichtungen in Speyer, darunter Krippen, Horte und Kindertagesstätten. Zu den fünf Beraterinnen der Caritas kommen sechs von den Diakonissen hinzu. Sie beraten und begleiten Kinder, Familien und die Kita-Teams „mit Blick auf alle Themen, die sich stellen“, sagt Tanja Neumayer, die für zwei Kitas in Speyer-West zuständig ist. Das können Erziehungsberatungen sein, Beratungen bei Trennungen von Eltern oder Kindeswohlgefährdungen. „Wir schlagen Brücken“, erklärt Sozialpädagogin Gisela Obermeyer, die seit 2020 drei Kitas in Speyer-Nord begleitet. Die „Kisas“ vermitteln bei Problemen an geeignete helfende Institutionen.
Wie Gewalt aussieht und wo sie anfängt
Gewalt ist nicht nur körperlich und kann sich schon in vermeintlich kleinen Gesten zeigen. Zum Beispiel, wenn ein Kind gezwungen wird, aufzuessen, obwohl es satt ist, sagt Bruckner. Oder, wenn ein Kind seine Hose nicht anziehen möchte und dafür angeschrien wird, nennt Neumayer ein Beispiel. „Gewalt hat viele Gesichter“, sagt sie. Schimpfwörter, ein aggressiver Tonfall, Aussagen wie „Du bist zu klein, du kannst das nicht“, oder „Stell dich nicht so an“ – all das sei verbale Gewalt. Auch den Raum zu verlassen, wenn ein Kind spricht, sei gewaltvolles Verhalten. Je jünger das Kind sei und je größer das Machtgefälle, desto problematischer sei gewaltvolles Verhalten, erklärt Bruckner: „Ein Kind, das nicht sprechen kann, kann sich nicht wehren.“
Die „Kisas“ sensibilisieren Eltern und Kita-Teams dahingehend und zeigen auf, wie man Kinder altersgerecht an Entscheidungen teilhaben lassen kann. Sie stellen freiwillige und niedrigschwellige Unterstützung bereit. Sich im Bereich zwischen Erziehungsmaßnahmen und gewaltvollem Verhalten zu bewegen, gleiche einer „Gratwanderung“, so Bruckner. In Konfliktsituationen könne es helfen, dem Kind eine Wahl zu lassen – zum Beispiel zwischen unterschiedlichen Hosen, erklärt Neumayer. Ihm ein Mitspracherecht zu geben, bedeute gleichzeitig, ihm seine Würde zu lassen, sagt die Expertin. Das höre allerdings da auf, wo Kinder sich selbst oder andere gefährden – zum Beispiel, wenn sie auf die Straße laufen wollen.
So lernen Kinder, „Nein“ zu sagen
Erlebe ein Kind Gewalt, gebe es meist Anzeichen, erläutert Bruckner. „Man erkennt das, wenn Kinder sich stark verändern, sich stark zurückziehen, auffällig oder selbst gewalttätig werden.“ Wichtig sei, das Kind dann nicht zu drängen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem es sich traut, sich mitzuteilen. Den „Kisas“ geht es vor allem darum, aufzuzeigen, wie man Kinder stärken kann.
Kinder müssten lernen, so Obermeyer, dass sie „nein“ sagen dürfen, wenn sie etwa eine Berührung nicht wollen. Unter anderem damit befasst sich auch die Aktionswoche „Speyer sagt Nein! zu Gewalt gegen Frauen und Kinder“ (13. bis 20. Juni), an der sich die „Kisas“ mit einem Erzähltheater für Kinder am Mittwoch, 17. Juni, beteiligen.
Den richtigen Umgang mit Grenzen können Eltern vorleben, erklärt Bruckner. Außerdem müssten sie mit den Kindern über Gefühle reden. Erst mit einem Zugang zu ihren Gefühlen könnten sie wissen, was ihnen unangenehm ist. Dabei können geeignete Bücher den Eltern helfen.
Buchempfehlungen der „Kisas“
„Das große und das kleine Nein!“ von Gisela Braun und Dorothee Wolters; „Mein Körper gehört mir!“ von Dagmar Geisler; „Soll ich es sagen? Eine Geschichte über Geheimnisse“ von Clemens Fabian und Mirjam Zels; „Gefühle – So geht es mir!“ von Felicity Brooks und Frankie Allen.
Wichtig sei, so Obermeyer, das Kind früh zu stärken. „Man kann offen mit ihm sprechen und ihm das Gefühl geben, dass es den Eltern alles sagen kann“, sagt Obermeyer. Eltern könnten selbst von ihrem Tag oder von Ärgernissen erzählen: „Das spiegelt, dass man über Gefühle sprechen darf.“ Selbstbewusstsein entwickle sich, wenn ein Kind sich ernstgenommen fühlt und Eltern seine Grenzen schützen – zum Beispiel, wenn es nicht von der Oma geküsst werden möchte, erläutert Bruckner. Es in Entscheidungen einzubinden, verhelfe ihm zu einem Gefühl, Einfluss auf das eigene Leben zu haben, so die Expertin. „So werden aus starken Kindern starke Erwachsene“, ergänzt Bruckner. Und wenn man nicht weiterkomme: „Dann gibt es uns.“
Zur Sache
Vom 13. bis 20. Juni findet in Speyer die Aktionswoche „Speyer sagt Nein! zu Gewalt gegen Frauen und Kinder“ statt. Mit Vorträgen, Workshops, Präventionsangeboten und öffentlichen Aktionen macht die Reihe auf Gewalt aufmerksam und informiert über Unterstützungsangebote. Die Kita-Sozialraumarbeiterinnen sind am Mittwoch, 17. Juni, von 15 bis 16.30 Uhr mit einem „Kamishibai-Erzähltheater“ für Kinder ab fünf Jahren dabei. Es geht um die Geschichte „Das große und das kleine Nein!“, die Kinder spielerisch im Umgang mit Grenzen bestärken soll. Die Veranstaltung in der Villa Ecarius ist kostenfrei. Das vollständige Programm zur Aktionswoche im Internet unter www.speyer.de/antigewaltwoche.