Speyer
Sie bietet Hilfe, bevor die Therapie beginnt
Ist das, was ich habe, nicht wichtig? Geht es mir nicht schlecht genug? Wo ist mein Glück, meine Berechtigung, mein Wert? Fragen wie diese gehen Bettina durch den Kopf, während sie weiter nach einem Therapieplatz sucht. Sie möchte anonym bleiben. „Jeder Anruf ist ein Kraftakt“, sagt sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ in der Praxis „Wende-Schleife“ der Speyerer Psychotherapeutin Loretta Moore. In einer Gruppe bietet Moore Menschen Hilfe an, die diese bräuchten, aber keinen Behandlungsplatz gefunden haben.
Seit August 2021 ist Bettina auf der Suche. Damals wurde sie aus einer Klinik entlassen. Aufgrund in der Pandemie hervorgerufener Umstände an ihrem Arbeitsplatz, sagt sie, ist ein Trauma, weshalb sie schon einmal in Behandlung war, wieder ausgelöst worden. Kurz vor ihrem Gang in die Klinik war sie für berufsunfähig erklärt worden.
Dutzende Absagen
„Mit Begleitung können Sie sicher wieder arbeiten“ – das sei ihr bei der Entlassung mit auf den Weg gegeben worden, erinnert sie sich. Bei fünf Therapeuten habe sie seitdem angeklopft. „Das ist nicht die Regel“, sagt Loretta Moore. Viele andere Patienten telefonierten viel längere Listen ab, die sie nach der Entlassung aus der Klinik mitgegeben bekämen. „Die rufen dann schon 20 bis 30 Therapeuten an“, sagt Moore. Bettina sei allerdings in einer Sondersituation, da sie gezielt nach einer Traumatherapie suche.
Im Umkreis von einer Fahrstunde rund um den Großraum Ludwigshafen suche sie nach einem Platz. Im Herbst 2021 sei sie auf Moores Praxis in der Karlsgasse gestoßen. Doch auch diese sei ausgelastet. 40 bis 50 Patienten betreut Moore insgesamt, ungefähr 20 in der Woche. Zeitlich schaffe sie es nicht mehr, allen Personen, die bei ihr anrufen und eine Nachricht hinterlassen, abzusagen. „Das hier ist eine Privatpraxis, dementsprechend können Sie sich vorstellen, wie das bei Kassenpraxen aussieht“, sagt sie. „Ich habe eine Liste von 20 Anrufern, zehn davon habe ich inzwischen abgearbeitet.“
Angebot seit Januar
Aus dieser Situation sei die Idee zur Gruppe für Personen, die keinen Therapieplatz finden, entstanden. „Ich bin jemand, der nur ungern Bescheid sagt, dass er keinen Platz hat“, erklärt Moore. Für die Betroffenen sei es zudem enorm belastend, Tag für Tag um Hilfe zu rufen und keine Antwort zu erhalten. „Das ist auch gefährlich“, weiß die Therapeutin. Als im Herbst die Tage dunkler wurden und der Nachrichtenberg auf dem Anrufbeantworter anwuchs, habe sie sich dazu entschlossen, etwas zu unternehmen. Aus diesem Gedanken sei dann die sogenannte Resilienzgruppe entstanden, die Moore seit Januar anbietet.
Alle zwei Wochen kommt die Runde in einem Stuhlkreis zusammen. „Wir reden nicht über Probleme, es werden keine Diagnosen gestellt“, erklärt Moore. „Wir meditieren, singen, manchmal machen wir kleine Tänze.“ Es gelte seelische Widerstandskräfte aufzubauen – auf freudvolle und leichte Art. Bettina habe es schon im Herbst geholfen, zu wissen, dass sie ab Januar Teil dieser Gruppe sein wird. „Es geht da um Wertschätzung und gesehen werden“, sagt sie. „Da ist eine Therapeutin, der das nicht egal ist.“ Der Gedanke an die baldigen Gruppenrunden habe ihr Auftrieb gegeben.
Überbrückung zur Therapie
In die Tiefe, sagt Bettina, geht das Zusammensein in der Gruppe nicht. Das eigentliche Problem werde nicht bearbeitet. „Eine Übergangslösung“, sagt Moore, möchte sie bieten, bis die Patienten eben eine Möglichkeit zur tiefergehenden Behandlung gefunden haben. Die Therapeutin hat in der Corona-Pandemie nach eigener Aussage einen deutlichen Anstieg beim Bedarf nach psychologischer Unterstützung erlebt. Viele Alltagsstabilisatoren, sagt sie, seien zumindest teilweise weggebrochen. Yoga-Kurse oder Sportangebote seien typische Beispiele dafür.
Bei der von ihr angebotenen Gruppe orientiert sich Moore – neben ihrer psychologischen Qualifikation aus Studium und Ausbildung – an den Erfahrungen ihrer Vorfahren: dem amerikanischen Ureinwohnerstamm der Cherokee. Durch die Konfrontationen mit den europäischen Eroberern hätten die Ureinwohner im Laufe der Jahrhunderte Erfahrungen beim Bewältigen von Traumata entwickelt, berichtet sie. Um diese auch selbst einsetzen zu können, hat sie bei einem „echten Medizinmann“ vom Stamm der Lakota gelernt, wie sie sagt. Durch familiäre Bindungen nach Österreich sei dieser immer wieder in Bayern gewesen, wo Moore sich dann mit ihm ausgetauscht habe.
Feste Bestandteile der Gruppenabende sind zum einen eine Trommel der Ureinwohner, bespannt aus echter Tierhaut und Sehnen. Mit der begleitet die Psychotherapeutin die Lieder, die in der Runde gesungen werden. Eine weitere Konstante ist Schokolade. „Ich kaufe vorher immer etwas ein“, sagt Moore lachend. In den Runden stehe schließlich der Wohlfühlfaktor im Mittelpunkt.