Speyer
Separatisten-Debatte: „Es war ein politischer Mord“
Die Debatte hatte sich vor einigen Monaten insbesondere an der Rolle von Ferdinand Wiesmann bei den Ereignissen vor 100 Jahren entzündet. Wiesmann gehörte zu den Attentätern, die den selbsterklärten Präsidenten der Autonomen Pfalz, Franz Josef Heinz, Anfang 1924 im Wittelsbacher Hof erschossen haben. Mit Wiesmann und Franz Hellinger kamen bei dem Schusswechsel zwei der Attentäter ums Leben. Ihnen wurde 1932 auf dem Speyerer Friedhof ein Denkmal errichtet. Die beiden Männer sind dort begraben.
Das Denkmal steht noch heute, doch die Stadt möchte es nicht länger unkommentiert lassen. 2019 hatte der Kulturausschuss bereits einen Text für eine Erklärtafel beschlossen, nach dem Hellinger und Wiesmann Akteure eines „gezielten Mordanschlages von Rechtsextremisten“ gewesen und später zu „Märtyrern der nationalen Sache verklärt“ wurden. Die Stadt distanziert sich von der Ehrung und spricht von einem „dunklen Kapitel der Geschichte“.
Der Text wiederum erzürnte zwei Nachfahrinnen Wiesmanns aus Franken, die im Januar nach Speyer kamen, um das Denkmal zu besuchen und Ferdinand Wiesmann die Ehre zu erweisen. Sie sahen ihren Familienangehörigen zu Unrecht in die Nähe der Nazis gerückt und forderten in mehreren Schreiben an die Stadt eine Änderung des Textes. Nach einem RHEINPFALZ-Bericht meldete sich außerdem noch eine weitere Verwandte Wiesmanns bei der Stadt, die sich anders als die beiden Fränkinnen für die Taten ihres Vorfahren schämt. Nachdem Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) zunächst erklärte, den Text nicht ändern zu wollen, erhielten die Nachfahrinnen des Attentäters vor ein paar Wochen dann doch überraschend eine geänderte Auskunft aus Speyer: Die Stadt nehme ihren Brief ebenso wie auch Beschwerden beim Bürgerbeauftragten des Landes wegen des Denkmals zum „Anlass für eine erneute Begutachtung und Beratung“.
Auf Anfrage der RHEINPFALZ informieren die Verantwortlichen der Stadt nun, dass doch eine Änderung der Erklärtafel geplant ist. Zwei Stellen sollen demnach anders formuliert werden. Worum es dabei geht, möchten Bürgermeisterin Monika Kabs (CDU) und Fachbereichsleiterin Tanja Binder aber noch nicht sagen, denn sie wollen dem nach den Wahlen neu zusammengesetzten Kulturausschuss nicht vorgreifen, der sich im November mit dem neuen Wortlaut befassen soll. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass er dem Vorschlag folgen wird“, sagt Kabs. Laut Binder ist auch ein QR-Code geplant, der zu einer Internetseite führt, die bei Bedarf aktualisiert werden kann.
„Eine sinnlose Bluttat“
Auch wenn die Stadt die konkreten Änderungen im Text nicht benennt, geht aus der Beurteilung der Geschehnisse in den Jahren 1923 und 1924 durch Christiane Pfanz-Sponagel, der Leiterin der Abteilung Kulturelles Erbe/Stadtarchiv, hervor, dass sie ihre grundsätzliche Sichtweise nicht geändert hat: „Das Thema ist unglaublich komplex“, sagt sie. Die Bewertung hänge auch immer vom politischen Standpunkt ab. „Es fängt schon damit an, wie man die Männer benennt, die damals im Wittelsbacher Hof saßen: Waren es Separatisten, Autonomisten oder Vaterlandsverräter? Und war die Aktion der Attentäter wegen eines Staatsnotstands gerechtfertigt oder war es politischer Mord?“ Für Pfanz-Sponagel ist der Fall eindeutig: „Nach meiner Ansicht war es ein politischer Mord, das sagt auch die moderne Forschung. Die Separatisten waren zur Zeit des Attentats schon am Ende. Es war in allen Belangen eine sinnlose Bluttat.“
Sie beruft sich unter anderem auf einen Aufsatz des ehemaligen Landesarchiv-Leiters Walter Rummel. Dieser sieht bei den Separatisten, die er angesichts der negativen Konnotation des Begriffs lieber als „Autonomisten“ bezeichnet, hehre Motive: Für ihn stellt sich mit Blick auf das damalige deutsch-französische Verhältnis „das Konzept einer Separatstaatsgründung in der Besatzungszone der Jahr 1918 bis 1930 als einzige zukunftsträchtige politische Option der Überwindung der ,Erbfeindschaft’ dar“.
Von Nazis gelobt
Das Problem bei der Beurteilung von Ferdinand Wiesmann ist laut Pfanz-Sponagel, dass es keine Quellen gibt, in denen er selbst über seine Motivation und seine Ansichten spricht. Während Hellingers NSDAP-Mitgliedschaft feststeht, ist eine solche bei Wiesmann nicht überliefert. Wie die Stadtarchivarin erläutert, war er laut Sekundärliteratur von „soldatischer Pflichtauffassung“ geprägt und zumindest ein Nationalist. Anfang 1919 kämpfte er in Würzburg gegen die linke Räterepublik. Er habe in den Separatisten „Verräter“ gesehen, die man mit Waffengewalt beseitigen musste. In den Augen der Nazis hätten die Attentäter die „richtige Gesinnung“ gehabt. „Wiesmann gilt in der wissenschaftlichen Forschung als ,rechtsextremistisch’ und als ,Attentäter’“, sagt Pfanz-Sponagel.
Eine historische Einordnung des Denkmals durch eine Erklärtafel ist für manchen politischen Vertreter nicht genug. Sogar ein Abriss wird mitunter gefordert. Doch der steht nicht zur Debatte, wie Bürgermeisterin Kabs klarstellt: „Es handelt es sich um ein sogenanntes Ehrengrab. Es steht unter Denkmalschutz und darf nicht abgerissen werden. Das haben wir geklärt“, sagt sie. Und Pfanz-Sponagel findet: „Wenn man das Denkmal abreißen würde, wäre alles getilgt. Die Debatte darüber macht aber auch die Demokratie aus, und das ist gut so. Wir halten die Diskussion aus.“
