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Seniorenheime: Sehnsucht nach gemeinsamem Kaffee
„Unsere Immunisierungsquote ist momentan recht hoch. Jetzt müssen wir nur noch die Zahlen in Speyer runterkriegen“, sagt Gudrun Wolter, Einrichtungsleiterin des Caritas Alterszentrums St. Martha in Speyer. Mit einer Impfquote von 75 bis 90 Prozent bei den Bewohnern könnten im Marthaheim schon bald wieder mehr Besucher zulässig sein und Angehörige an Gemeinschaftsaktivitäten in der Einrichtung teilnehmen – vorausgesetzt der Speyerer Inzidenzwert von zuletzt 200 sinkt wieder unter die 100er Marke.
Auf Gemeinschaftsaktivitäten gemeinsam mit Angehörigen hofften alle Beteiligten des Hauses sehr, wie Wolter betont. So werde beispielsweise die Öffnung der Cafeteria am Nachmittag sehnsüchtig erwartet. „Es wäre toll, wenn die Bewohner bald wieder mit Angehörigen zusammen ihren Kaffee einnehmen könnten“, erzählt die Leiterin. „Oder wenn wieder mehr Besucher zu Geburtstagen kommen könnten.“
Hoffen auf stabile Quote
Wie genau die Lockerungen bei entsprechender Sieben-Tage-Inzidenz aussehen, gibt die Immunisierungsquote im jeweiligen Heim vor, die die neuen rheinland-pfälzischen Regeln in drei Stufen kategorisiert. Liegt die Quote derjenigen Bewohner, die bereits einen Vollschutz genießen, unter 75 Prozent, dürfen die Senioren wieder an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen. Angehörigen ist es erst erlaubt, an solchen Aktionen teilzunehmen, wenn die Immunisierungsquote über 75 Prozent liegt – unter Einhaltung des Mindestabstands und mit FFP2-Maske. Steigt die Quote gar auf über 90 Prozent, ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung für die Bewohner nicht mehr verpflichtend. Angehörige können mit Maske an Aktivitäten teilnehmen und zu Veranstaltungen eingeladen werden.
„Wir hoffen, dass unsere Impfquote stabil bleibt“, sagt Wolter. „Anfang des Jahres hatten wir sehr viele Bewohner, die bereits alle zwei Impfungen bekommen hatten. Damals war die Immunisierungsquote sehr hoch.“ Dass einige der geimpften Senioren zwischenzeitlich verstorben sind und neue Bewohner von außerhalb in der Regel noch nicht vollständig geimpft sind, führe zu Schwankungen bei der Immunisierungsquote, erklärt die Heimleiterin. Dennoch sei sie sehr dankbar, dass sie bislang so gut durch die Pandemie gekommen sind. Nur einen Corona-Fall habe es bis jetzt im Marthaheim, das derzeit 115 Bewohner beheimatet, gegeben. Dieser sei aber frühzeitig bemerkt worden, sodass eine weitere Ansteckung verhindert werden konnte, berichtet Wolter.
Einsamkeit vorbeugen
Gemeinschaftsaktionen wie der beliebte Reha-Sport finden laut Wolter derzeit nur Wohngruppen-bezogen und in Kleingruppen statt. Gemeinsam in den Wohngruppen gegessen hätten die Bewohner allerdings schon die ganze Zeit – allerdings mit mehr Abstand bei der Sitzordnung. „Wir haben das große Glück, dass unser Haus sehr groß ist und wir viele Räume zur Verfügung haben“, erklärt die Leiterin. Vereinsamungstendenzen erkenne sie bei den Senioren deshalb keine, sagt Wolter. „Das hat wohl auch damit zu tun, dass Besuche mit negativem Schnelltest schon die ganze Zeit bei uns möglich sind“, so Wolter.
Auch in der Alloheim Seniorenresidenz „Storchenpark“ wird versucht, Einsamkeitsgefühlen entgegenzuwirken, wie eine Sprecherin betont: „Uns war es von Anfang an wichtig, den Kontakt zwischen Bewohnern und Angehörigen aufrecht zu erhalten, sei es durch Telefonate, Videotelefonie oder einen Besuch am Fenster“, berichtet sie. Der geregelte Tagesablauf mit festen Routinen und Beschäftigungsangeboten sei weitgehend beibehalten worden, Gruppenangebote hätten Wohnbereichs-bezogen weiterhin stattgefunden, erzählt sie.
„Neben Spiele- und Lesenachmittagen wurde regelmäßig gebastelt. Musikveranstaltungen, die sonst im großen Gemeinschaftsraum stattfanden, wurden kurzerhand in den Innenhof oder Garten verlegt“, berichtet die Sprecherin. Dennoch wünschen sich ihr zufolge die Bewohner, Angehörigen und auch Mitarbeiter wieder mehr Normalität. Eine gewisse Ungeduld sei schon spürbar, betont sie.
Spürbar weniger Ängste
Lockerungen bei Gemeinschaftsaktivitäten begrüßen auch die Senioren im Haus am Germansberg sowie im Seniorenstift Bürgerhospital der Diakonissen Speyer. Sprecherin Barbara Fresenius erklärt: „Unsere Bewohner freuen sich, wenn Gemeinschaft wieder über die Stockwerke hinaus erfahrbar wird und Begegnungen unabhängig von der eigenen Wohngruppe möglich sind.“ Groß sei auch die Vorfreude darauf, den Kreis der Besucher erweitern zu können, betont Fresenius. Des Weiteren sei spürbar, dass die Ängste, mit dem Coronavirus infiziert zu werden, durch die Impfungen deutlich zurückgegangen sind, sagt die Sprecherin. Nach Abschluss der ersten Impfserie im Haus am Germansberg im Januar, sei die zweite Impfserie für Neuzugänge in der vorigen Woche abgeschlossen worden. Demnach liege nach Ablauf der 14-tägigen Frist zur vollständigen Immunisierung die Impfquote bei rund 90 Prozent der Bewohner, erklärt Fresenius. In dieser Woche solle außerdem auch im Bürgerhospital die zweite Impfserie abgeschlossen werden, sodass dort mit einer vergleichbaren Quote zu rechnen sei.
Eine hohe Immunisierungsquote kann auch das Alten- und Pflegeheim „Am Adenauerpark“ vorweisen. 90,38 Prozent der Senioren seien dort bereits geimpft, erklärt Heimleiterin Franziska Heidweiler-Schäfer. Betreuungsangebote finden dort in Wohnbereichs-bezogenen Kleinstgruppen oder als Einzelangebot statt, wie sie berichtet. Die Lage in ihrem Heim nimmt sie als entspannt wahr. „Die Bewohner kommen unseres Erachtens gut mit der Situation zurecht“, betont sie.
RHEINPFALZ-Kommentar von Michelle Pfeifer: Das Inzidenzproblem
Die Lockerungen lassen sich trotz hoher Immunisierungsquoten nicht realisieren, da der Inzidenzwert die Umsetzung verhindert.
Die Immunisierungsquote in den Heimen ist bislang sehr gut. Es liegt nun am Inzidenzwert, ob die Senioren in den Einrichtungen ein Stück Normalität zurückerhalten. Schnell kommt dabei die Frage auf, ob das umstrittene Verfahren zur Erfassung der Infektionslage eines Kreises oder einer Stadt einen aussagekräftigen Richtwert in eigentlich abgeschirmten Einrichtungen darstellen kann – zumal die Lockerungen mit der Immunisierungsquote schon an eine Bedingung geknüpft sind. Diese kommt nun aber in Speyer gar nicht zum Tragen, da der Inzidenzwert die Umsetzung verhindert. Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung zumindest bei den Heimen Ausnahmen von den Bestimmungen der Bundesnotbremse macht.