Speyer Raus aus der Komfortzone

Pädagogin Anne Aures (in der Höhle liegend) hat einen Plan: die Teilnehmer näher an ihre Wurzeln heranführen.
Pädagogin Anne Aures (in der Höhle liegend) hat einen Plan: die Teilnehmer näher an ihre Wurzeln heranführen.

Noah ist ein gewiefter Bastler. Mit seinem Opa werkelt er gerne mit Naturstoffen. Pfeil und Bogen hat der Siebenjährige schon gebaut. Aber eine Höhle aus Ästen und Laub – das ist auch für den aufgeweckten Jungen aus Harthausen neu. Und spannend. „Wildes draußen hausen“, so hat das Forstamt Pfälzer Rheinauen das kurzweilige Mitmach-Programm im Wald zwischen Dudenhofen und Harthausen genannt.

Mit geröteten Backen und Feuereifer ist Noah bei sämtlichen Aufgaben bei der Sache, die Pädagogin Anne Aures beim Aktionstreff der Rucksackschule des Forstamts in die Runde wirft. Und die bedeuten teilweise ganz schön harte Arbeit, wie der Nachwuchs und auch einige Erwachsene, die den Mut zum Austesten hatten, feststellen. „Wir müssen aus unserer Komfortzone herauskommen“, nennt das Anne Aures. Die 25-Jährige weiß, wovon sie spricht. Nicht allein, dass sie in Harthausen vor einigen Jahren die Sielmann-Natur-Rangers ins Leben gerufen hat, sie ist zudem noch bewandert in Wildnispädagogik. Gerade erst hat sie ihr Wissen bei einer Fortbildung erweitert, die als Grundlage für die Rucksackschule dient. „Wir laufen viel zu oft auf asphaltierten Wegen. Aber unsere DNA ist noch auf Natur programmiert“, bringt Aures es auf den Punkt. Sprich: Für die Teilnehmer des Workshops geht es zurück zu den Wurzeln, mit dem Wissen von Einheimischen in verschiedenen Reservaten und eigenen kreativen Ideen im Gepäck. Bevor es darum geht, mit Hilfe von Seil, Plane und Rechen Tierfallen zu stellen, um die Nahrung zu sichern, muss eine Hütte her. „Shelter absolutely first“, kommentiert Aures fachlich. Erst bauen, dann essen, heißt das in der deutschen Version. Abschrecken kann das keinen. Im Gegenteil. „Ich find’s cool, dass wir hier ’ne Höhle bauen“, ist Ruben (9) aus Altrip begeistert und erklärt en détail, wie seine Gruppe dabei vorgegangen ist: „Erst mal haben wir ausgemessen, wie lang ich bin. Dann haben wir einen großen Stock als Grenze genommen und die Löcher mit Ästen zugemacht. Obendrauf kam dann Laub, damit alles dicht ist.“ Tirza (13) ist noch mit den letzten Feinheiten beschäftigt, um den Bau wind- und wetterfest zu machen. Eine Schlingpflanze dient zum Verschnüren. „Das habe ich noch nie vorher gemacht“, verrät die junge Speyererin und lacht. Spaß macht ihr das außergewöhnliche Projekt. Ruben ist bereits so mit dem Draußen-hausen-Virus infiziert, dass er sich durchaus ein paar Tage in der Einöde vorstellen kann. Frederick (9) hat so etwas Ähnliches schon mal erlebt. „Mit meinen Eltern gehe ich oft in den Wald und einmal haben wir sogar dort übernachtet“, erzählt der Junge aus Zeiskam. Das hört Aures gerne. Sie liebt die Natur, das Draußensein, das so vieles mit einem selbst anstellt. „Das ist wie eine Reise zu sich selbst“, sagt sie nachdenklich. Dass am Anfang von einigen persönliche Hürden überwunden werden müssen, weiß sie: „Für viele ist es schon schwer, den vorgegebenen Weg zu verlassen.“ Die Entdeckungen abseits belohnen aber auch die Rucksackschüler für den Mut dazu. Selbst Michael Thiry (47), dessen Kinder bei den Natur-Rangers sind, hat sich davon jetzt selbst überzeugt. „Es macht Spaß, mit Naturbaustoffen zu werkeln“, betont er. Auch er hat noch nie eine Hütte aus Geäst und Laub gebaut, noch nie Schalen mit Glut erhitzt, um das Essen warm zu halten und ein Feuer am Lodern gehalten. „Der Lernprozess ist nachhaltig“, verspricht Aures und gerät wieder ins Schwärmen: „Ich bereue jeden Tag, den ich nicht draußen schlafen kann.“ Die Harthausenerin ist bei sich angekommen.

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